Radikalität der Antwortlosigkeit – TWISK

Im Frühjahr habe ich das Album Two des Hamburger Duos TWISK an dieser Stelle als konsequent trostlos angepriesen. Und weiters festgehalten: „Hier kann Musik nicht zum Aufhellen der Stimmung dienen. Eher schon sind Lieder ein Stachel im Fleisch, verströmen Unbehagen, bieten nie die reinigende Katharsis großer Gefühle.“. Mir hat jene spröde Verweigerungshaltung durchaus imponiert, eben weil sie sich als „Kontrastprogramm zu all der Gefühligkeit und dem übertriebenen Erfahrungshunger des Pop-Rock“ versteht. Dieser Tage nun erscheint mit Odd Lots eine abermals subversive EP, die den Tonfall von Two fortführt, phasenweise vielleicht sogar noch verschärft. Auch wenn Verweigerung meist mit viel Pathos und Aktionismus zelebriert wird, so besteht die wahre Verweigerung doch eigentlich in einem nüchternen Pokerface samt resignierendem Schulterzucken. Lennart Thiem und Martina Lenzin spüren als TWISK stiefmütterlich behandelten Daseinszuständen nach: Langeweile, Verlorenheit und Trägheit. All dies abzubilden und zugleich einem Impuls hin zu radikaler Veränderung zu widerstehen, solch Gemütsregungen aufzugreifen und dabei nicht in einen hysterischen Betätigungsdrang zu verfallen, exakt diese penetrante Verweigerung verdient Anerkennung. Die Trostlosigkeit des Seins wird heute gern mit dem Ruf nach einem Karrierecoach oder Psychotherapeuten beantwortet. Dabei gibt es eine Tristesse im Leben eines Jeden, die nicht mit mit Motivationssprüchchen oder allerlei bunten Pillen schönzufärben ist. „I don’t wanna lay me down, because/ I don’t wanna get up/ I love the life I live/ But I don’t like my job“ besticht als lakonische Erkenntnis, die man gar nicht hoch genug schätzen kann. Sie verwehrt sich einem Zeitgeist, der im Zuge der Selbstoptimierung auf permanente Erfüllung getriggert scheint. Tired Tomorrow offenbart, was viele fühlen, was Kunst – und speziell Musik – aber eher selten thematisiert, zumindest nicht in der Radikalität der Antwortlosigkeit. Der Minimal-Post-Punk des Duos gibt sich zwar einigen Vorsätzen hin, doch sind selbige mehr Willensbekundungen denn revolutionäre Funken. Wenn der vielsagende Titel Sameness der Eintönigkeit mit den Worten „But just like Mercury, I want to break free“ begegnet, dann sind das im Endeffekt nicht mehr als Lippenbekenntnisse. TWISK sind in einem oft verschwiegenen Dilemma unserer Zeit gefangen, wenn sie zwischen Verheißungen ungeahnter Möglichkeiten und einem permanenten Zwang zu richtungsweisenden Entscheidungen oftmals im Sprung gehemmt bleiben. Als Referenz für besagte Hilflosigkeit dient die ablehnende Attitüde der späten Siebziger, die einer reaktionären Gesellschaft mit allernotwendigstem Funktionieren Sand ins Getriebe streuten. TWISK stehen ebenso für aktive Passivität, für einen sacht am Gebälk sägenden Gitarre-Bass-Drumcomputer-Sound. Ein offenes Aufbegehren sieht freilich anders aus, die bei X Days A Week geäußerte Zeile „I need a roof above my bed“ verrät sogar eine gewisse Sehnsucht nach bürgerlicher Geborgenheit. Das Duo rebelliert sich somit nicht um den Verstand, es demaskiert lieber, sich selbst, die Realitäten, manch Hemmnisse. Es übt sich in zögerlicher Schlechtlaunigkeit, verweigert sich letztlich sogar ein Stück weit dem Hörer, sucht nie den Schulterschluss unter Leidensgenossen. In der Summe zeigt sich Odd Lots als ein rastlos-ratloses Stück Musik für solche, die sich noch verweigern wollen. Den gegenwärtigen Moden, den schalen Versprechungen und natürlich all dem aufgeplusterten Pop-Rock-Ko­ko­lo­res. Und Hand aufs Herz, möchten wir das nicht alle manchmal? Nur Mut, zur Verweigerung!

oddlots_twisk

Odd Lots erscheint am 21.11.2014 auf Bloody Hands Ltd./Niedervolthoudini.

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SomeVapourTrails

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