Schlüpfende Schmetterlinge – Lily & Madeleine

Das Schwesternpaar Lily & Madeleine hat sich vor zwei Jahren darangemacht, mit einem durchaus eigenständigen, ernsthaft-lieblichen Indie-Folk-Pop Herzen und Köpfe zu verdrehen. Den beiden Teenagern aus dem nicht eben als musikalischen Hotspot verschrienen Indianapolis sind mittlerweile schon zwei bemerkenswerte Alben geglückt. Ihrem letztjährigen Debüt haben sie mit erstaunlicher Schnelle das vor wenigen Wochen erschienene Fumes folgen lassen. Lily & Madeleine erstrahlen als Perfektion in Mädchengestalt, taugen als Projektionsfläche für keineswegs unanständige Träume männlicher Musikfans. Sie repräsentieren das Ende der Unschuld, den Moment, wo eine jugendliche Unsicherheit in heranreifendes Wissen übergeht. Sie betören mit juveniler Nachdenklichkeit, kichern nie, schwärmen nicht, sie wirken wie eine auf Ästhetik und Anstand getrimmte Fantasie, die den Hirnen kultivierter, älterer Herren entsprungen ist. Das Geschwisterpärchen bildet somit die völlige Antithese zu forsch-naivem Backfischtum. Und natürlich scheint es auch meilenweit von einer Jeunesse dorée oder jeglicher Emo-Miesepetrigkeit entfernt.

Lily & Madeleine geben also die Töchter aus gutem Hause, die ansprechend altkluge Texte schreiben und elegant und gewählt ins Mikro trällern. Denen zugleich jedoch der eine oder andere Lolita-Blick entwischt. Das Resultat Fumes imponiert mit seinem gedankenversunkenen, zwischen adoleszenter Neugier und Verdruss gestalten Tonfall, vor allem durch die wunderbare Eintracht, mit welcher sich die Stimmen von Lily und Madeleine Jurkiewicz aneinanderschmiegen. Die Manier, wie Madeleines luftig-klare Stimme von Lilys erdigerem Organ ergänzt wird, offenbart eine große geschwisterliche Verbundenheit. Beide haben die Qualität sich sacht in den Sound zu kuscheln, in den Melodien wie in einem Federbett zu ruhen. Makellose Harmonie durchdringt das Werk. Etwa beim eröffnenden Titeltrack Fumes, der einer Sharon Van Etten vom Notenständer stibitzt scheint. Die Zeilen „Complacency is the currency/ Good enough is enough for me“ verraten eine störrische Verweigerung, eine angestrebte Unabhängigkeit im Sein, frei nach dem Motto: Verschwende deine Jugend. Mit „Nothing but fumes escape my lips and I haven’t realized/ It’s killing you to watch me burn away/ My ashes fly“ wird das eigene Verzehren mit fragilem Pathos weiter ausgestaltet. Auch das gebrochene Herz von Rabbit hat – in gefälligen Folk-Pop gekleidet – denkwürdige Zeilen im Talon: „When you write your history/ Leave mine a mystery/ This slope is slippery/ Oh my God„. Die spezielle Mischung aus Entschlossenheit und Staunen, mit welcher sie einem Beziehungsende begegnen, vermag zu bestricken. Es ist eine Stärke der Platte, dass die Lieder oftmals einen Wandel oder Aufbruch skizzieren, nie in Lethargie oder Trübsal verfallen. So etwa schickt der Ride Away Gedanken auf die Reise, frönt einem hoffnungsvollen Eskapismus. Der darf durchaus auch mal im Galopp erfolgen, etwa bei Cabin Fever, dem flippigsten Track des Albums. Wenn man besonders tief in Teenager-Abgründe blicken möchte, wird man bei The Wolf Is Free wohl stutzig werden. Das in seiner surrealen Märchenhaftigkeit  beängstigende Züge aufweisende Lied gewinnt weiter an Verstörung, wenn man der Lesart von Steve Horowitz von PopMatters folgt, der den Wolf hier als Womanizer deutet. Die Lyrics „I hope he comes for me/ I’m not outrunning him/ And I’m not gonna scream“ stützen diese These. Es fügt sich gut ins Bild, dass auf dieser Platte das Feuer der Jugend nicht nur gemütlich vor sich hin flackert, sondern durchaus auch bedrohliche Flammen produziert. Dass nicht nur sittsames Sehnen durch die Szenerie schleicht, sondern auch gefährliche Wünsche herumspuken, die zwischen den Frustrationen der Adoleszenz lauern. Wenn beklagt wird, dass lediglich die eigenen Lips & Hips begehrt scheinen, kokettieren Lily & Madeleine mit einem verunsicherten Selbst. Denn freilich können bei der Palette an Emotionen auch Teenie-Grummeleien nicht fehlen, wie auch bei Hold On To Now der Impuls zum Hier und Jetzt nicht fehlen darf („Life is fleeting / Let’s not wait on meaning„). Darin spiegelt sich jedoch nicht die unbedarfte Gier nach dem ewigen Augenblick wider, vielmehr schwebt das Damoklesschwert der Veränderung über den ihren Köpfen. Im sakralen Hall des finalen Blue Blades schillert das Piano, funkeln Streicher. In dieser suggestiven Atmosphäre keimt schlussendlich ein Gefühl von andächtiger Bravour, von einer balladesken Vollkommenheit des Ausdrucks. Es unterstreicht die endgültige Metamorphose zur Erwachsenheit, den Aufbruch in eine reifere Qualität des Seins.

Lily & Madeleine sind keine mit Kalkül erschaffene Altherrenfantasie der gehobenen Sorte. Doch natürlich verkörpern sie den für ältere Semester mit ehrlicher Nostalgie erinnerten Moment, wenn die Mädchenhaftigkeit in Fraulichkeit übergeht. Ein Indiz dafür, dass hier keine Halbwüchsigen belauscht werden, besteht weiters darin, dass man Fumes nicht mit gängigen Etiketten wie niedlich oder keck versehen kann. Fumes wird beim männlichen Publikum zu punkten wissen, weil es das Ende der Jugend in edle Farben taucht, zwangsläufig das Bild eines die lästige Puppenhülle abstreifenden Schmetterlings erweckt. Solch einen Anblick möchte man nicht missen – genauso wenig wie dieses Album!

fumes_lilyandmadeleine

Fumes ist am 24.10.2014 auf Asthmatic Kitty Records erschienen.

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