Weihnachtsmedizin, die man süffeln sollte – Erdmöbel

Ich hoffe, ich trete der deutschen Indie-Pop-Institution Erdmöbel nicht zu nahe, wenn ich gestehe, dass ich das lakonische Understatement und die legere Melancholie ihres Tuns nie übermäßig zu würdigen wusste. Erdmöbel sind meiner Meinung nach zwar eine Band, deren schiere Existenz der deutschen Musiklandschaft fraglos gut tut. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich sie mir auch oft anhören muss. Die Formation ist wie die Sorte Medizin, zu der man seinen Mitmenschen rät, die man selbst jedoch oft brüsk – weil unnötig – von sich weist. Kurzum, ich hätte wohl auch dem neuen Album Geschenk nur beiläufiges Gehör geschenkt, wenn es nicht der alljährlich Ende Dezember vollzogenen Feiertäglichkeit einiges Augenzwinkern, trockene Poesie und die nötige Nachdenklichkeit abtrotzen würde. Unser Blog verfällt um diese Jahreszeit immer in einen milden Weihnachtswahn, der nach der richtigen Dosis aus Kitsch, Festlichkeit und Skurrilität ringt. Und hier erweisen sich Erdmöbel als Verbündete im Geiste, deren Affinität zu Weihnachten sich nicht etwa darauf beschränkt, den ewig selben Weihnachtsliedern mit halbherzigen Neuinterpretation zu Leibe zu rücken. Die Gruppe zeigt Originalität, indem sie das Karma gegenwärtiger Weihnachten in besinnliche Episoden gießt.

Weihnachten mag ein religiöses Fest, eine rauschende Familienzusammenkunft, eine Explosion des Konsumterrors oder ein Höhepunkt einsamer Schwermut sein. Vor allem ist es ein wiederkehrender Ausnahmezustand, dessen Ausgeburten Erdmöbel zu begegnen wissen. Geschenk versöhnt die Erfahrungswerte mit den Erwartungshaltungen, die man an Weihnachten und – weiter gefasst – an das Jahresende so haben kann. Seit 2006 schon bietet die Formation mit Liedern zwischen klugem Verlierertum, auf die Schippe genommenen Gepflogenheiten und dezenter Schunkel-Heiterkeit einen alljährlichen Gegenentwurf zum penetranten Jingle-Bells-Einerlei. Diese wurden nun auf einem Album zusammengeführt und um weitere Liedern ergänzt. Und gerade weil Geschenk eine Werkschau des Erdmöbelschen Weihnachtsgedankens darstellt, mit verschiedensten Intentionen und Temperamenten zum Hörer dringt, gerät es zur sehr gelungenen Bescherung. So findet sich der aufgekratzte, herrlich schräge Ohrwurm Ding Ding Dong (Jesus weint schon) vom Vorjahr ebenso auf der Platte wie das Nonsens-Kitsch-Cover Weihnachten (Last Christmas), welches 2006 die Tradition begründete. Von einem zünftigen, folkigen Trinklied wie Muss der heil’ge Nikolaus sein über die irritierte Erkenntnis „Weihnachten ist mir entglitten“ von Lametta, das die Band 2011 zusammen mit Maren Eggert eingespielt hat, bis hin zum aufgeräumten Rakete zwischen den Jahren, welches als grüblerisch-planloses Versagerlied imponiert, reicht die Palette. Es tut Geschenk durchaus gut, dass der eine oder andere Track lediglich winterliche Tristesse beschreibt und sich nicht krampfhaft an das Thema Weihnachten klammert. Ich wollte, die Welt ginge immer bergab vom Album Für die nicht wissen wie (2005) ist dank lyrischer Verdichtung („Uns trägt der Luftkurort Davos/ Und Polens Lohnniveau/ Wie unsere Schlitten sind wir beide/ Made in Anderswo„) zweifelsohne eines der besten Lieder von Erdmöbel. Neben bereits bekannten, bestenfalls auf Weihnachtsversion getrimmten Titeln hat die Platte jedoch auch nagelneue Stücke anzubieten, etwa Goldener Stern, das irgendwo zwischen glitzerndem Tand, Kinderchorseligkeit und Weihnachtseinkäufen samt Esskastanienaroma in einem Bombast aus Nichtigkeiten versinkt. Oder das zusammen mit Jemma Endersby aufgenommene Weihnachten in Tamariu. Dieses beschreibt ein Weihnachtsidyll unter der Sonne Spaniens. In dem feinen Duett liegt friedliche Beschaulichkeit, eine Qualität der Entschleunigung, die eine Weihnachtsplatte ohnehin stets verträgt.

In diesem mit Bläsern aufgemotzem Indie-Pop-Sound verbirgt sich große Gelassenheit. Erdmöbel sind angenehm unexaltierte Chronisten, die dem Weihnachtsdelirium mit Seelenruhe und der nötigen Portion Vergnügtheit auf den Grund gehen. Auch deshalb muss ich meine anfangs geäußerte Einschätzung revidieren. Geschenk scheint die Art von Medizin, die alle, wirklich alle süffeln sollten, die bereits jetzt von akuter Weihnachtsmüdigkeit bedroht sind. Es stärkt jene Abwehrkräfte, die man braucht, um das penetrante Klingeling und den unappetitlichen Heile-Welt-Klimbim in den Einkaufszentren der Republik gut zu verarbeiten. Denn Hand aufs Herz, Weihnachten mit Miesepetrigkeit und Zynismus zu begegnen, kann doch auf Dauer nicht die Lösung sein. Halten wir es also wie Erdmöbel, sehen wir dem Treiben mit Interesse zu und machen uns auf die Chose unseren eigenen Reim!

Erdmöbel_Geschenk_Artwork

Geschenk ist am 21.11.2014 auf jippie! erschienen.

Konzerttermine:

27.11.2014 Essen – Weststadthalle
29.11.2014 Worpswede – Music Hall
30.11.2014 Bielefeld – Theaterlabor (Bielefelder Songnächte)
05.12.2014 Heidelberg – Karlstorbahnhof
10.12.2014 Melle – St. Martinikirche
11.12.2014 Berlin – Heimathafen
12.12.2014 Rostock – MAU Club
18.12.2014 Köln – Kulturkirche
19.12.2014 Köln – Kulturkirche
21.12.2014 Hamburg – Knust

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