Unsere Lieblingslieder 2014

Heute wollen wir den werten Lesern unsere 30 Lieblingslieder des Jahres 2014 vorstellen. Diese 30 Tracks sind uns ans Herz gewachsen und werden auch 2015 nicht aus dem Gedächtnis purzeln. Natürlich hätten wir locker 100 Songs nennen können, der Übersichtlichkeit halber haben wir uns auf diese Liste beschränkt. Weiters gilt: Nummerierungen sind Schall und Rauch, höchstens die Top 5 sind mit einem besonderen Ausrufezeichen versehen. Viel Vergnügen beim Erlauschen!

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1. Wanda – Bologna

Schon das erste Lied der Platte gerät zum Volltreffer. Bologna gefällt als verhinderte Inzest-Hymne (“Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen/ Obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht“), lässt Italien als Sehnsuchtsort für Amore und Dol­ce­far­ni­en­te wiederauferstehen. All den Irrungen und Wirrungen des Fühlens steht ein kehlig geschmettertes, die Liebe bejahendes Lebensgefühl entgegen.

ausderbibliotheque

2. Andreas Dorau – Reden wir von mir

Dorau liefert mit dem famosen Reden wir von mir eine großartige Parodie auf die gegenwärtige Selbstbezogenheit und bewahrt sich dabei eine Naivität, die man einfach knuddeln möchte.

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3. Dry the River – Vessel

Als mein persönlicher Favorit hat sich jedoch das Lied Vessel entpuppt, das zu lamentierenden Streichern und schillernden Gitarren fast störrisch die Worte „I don’t wanna be your vessel anymore/ I don’t wanna be your vessel anymore/ These are my words, this is my mouth/ I don’t wanna be your vessel now“ intoniert. In dem würdigen, quasi aus einem Märchen gefallenen Pathos schwingt trotzige, heilige Unbeugsamkeit mit.

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4. Marianne Faithfull – Sparrows Will Sing

Es fasziniert als Fantasie einer besseren Zukunft („The new generation is eager to master the helm/ They cannot be seduced by this candyfloss techno hell/ They put over the helm and a fresh breeze fills the sails“). Man will diesem Erstehen aus gesellschaftlichen Ruinen („The assassins and priests like mythical beasts will surely fade away“) so gerne Glauben schenken. Faithfulls apodiktischer Sprechgesang, ihr zärtlicher Schlachtruf „Callooh, Callooh Callay“, all das untermalt von einem sacht köchelnden Alternative, daraus geht einer der zuversichtlichsten Momente dieses Musikjahres hervor.

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5. Kasabian – bumblebeee

Auf Bumblebeee etwa wird wieder ein für die Band typischer Refrain gezündet, Headbanging der Extraklasse betrieben, pfeffert die Band doch Bierdosen durch den Äther. Die Worte „All we will ever feel is exstasy“ scheinen das ehrlichste Mantra des Rock, versprechen die gewaltige, ewige Party, welche Rock in seiner idealtypischen Selbstdarstellung sein will und muss. Bumblebeee strotzt vor Ton gewordener Energie. Der Song gerät zum Fanal, zum Boxhieb in die Visage aller Sesselpupser.

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6. My Brightest Diamond – Lover Killer

Lover Killer besticht als gedämpfter Disco-Art-Pop, der zwischen Sinnlichkeit und dem Stochern in den Eingeweiden schwankt („On the one side I can dream my future/ On the other I can feel my nature/ I am a lover and a killer“).

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7. Mikko Joensuu – Land of Darkness

Mikko Joensuu ist mit Land of Darkness ein großer Wurf gelungen, den die geschätzte Bloggerin Eva-Maria vom Polarblog sehr treffend beschreibt: „Der Track ist ein feines, krautrockig ausuferndes Meditationsstück, dass den üppigen 70er-Synthiewelten von Vangelis nahesteht. Aber Mikko Joensuu wäre nicht er selbst, wenn der Track nicht in eine Auseinandersetzung mit Glaubensfragen wäre und der liebe Gott mit kindlichem Vertrauen angerufen würde. Um Coolness hat sich Joensuu noch nie geschert, und das ist gut so. Psychedelische Glaubenspflege ist eher sein Ding. Und hey: Der finnische Musiker versteht es hier sehr schön, Spannungsbögen aufzubauen, um schlussendlich in hymnische Gesänge auszubrechen.“

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8. Kalle Mattson – The Moon Is Gold

Die einleitende Strophe gibt die Stimmung vor: “Tender is the night up against your ghost/ With lilac days & memories slow/ Your picture on my bed & now I know/ A shivering night with a heavenly glow“. Danach geht es den Himmel hoch, von wo alles Irdische klein wirkt (“The pyramids of Egypt & the plains of Versailles/ Never looked so small from this hole in the sky“). Das Göttliche kommt ins Spiel (“Sun it rises & the moon eclipse/ Well the book of revelations & the veil it lifts/ The end of the start & an angel predicts/ I’ve seen the beginning, the apocalypse“), Verheißungen werden dem Leid entgegengesetzt (“When our lives have been bought, beaten down & sold/ Well I’ll tell you now that the moon is gold“). Ein Stoßseufzer holt den Träumer schließlich aus seinen Überlegungen (“Man oh man no we don’t want to die/ Then why’s it so hard just to be alive“). Und sanfter Trost bleibt als Erkenntnis zurück: “A forgotten house is no one’s home/ Because I miss your laugh & now I know/ I’m coming to you all on my own“. Dieser spacige, verzerrte Indie-Rock-Track begeistert mich auch dem dreißigten Lauschen sehr.

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9. King Creosote – Pauper’s Dough

Mit Pauper’s Dough folgt zum Ende hin ein mächtige Track, der Arbeiterproteste in die Parole „You’ve got to rise/ Above the gutter you are inside“ gießt. Diese explizite soziale Komponente wird von vielen Kehlen vorgetragen, bildet eine Reminiszenz an die Streikbewegungen, die es auch heute wieder bräuchte. Welch triumphaler Schluss!

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10. Paolo Nutini – Cherry Blossom

Zu meinem persönlichen Highlight gerät gegen Ende der Bluesrock von Cherry Blossom. So sieht ein Song aus, der quasi sofort zum Klassiker mutiert, der Refrain „Yeah you should tast her majesty/ My little cherry blossom/ Just like the crow/You come and go/ My little cherry blossom“ wird atemberaubend gekrächzt wie gesungen. Nutinis Stimme entpuppt sich einmal mehr als Phänomen!

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11. Lana Del Rey – Brooklyn Baby

Brooklyn Baby bildet jedoch eine famose Ausnahme, es ist selbstbestimmt, ruht in sich. Der Refrain leidet ausnahmsweise einmal nicht, stemmt keck die Hände in die Hüften: „And my boyfriend’s in the band/ He plays guitar while I sing Lou Reed/ I’ve got feathers in my hair/ I get high on hydroponic weed/ And my jazz collection’s rare/ I get down to beat poetry/ I’m a Brooklyn baby“. Noch mehr als auf dem Debüt Born To Die wird einer traumhaften, verlangsamten Atmosphäre gehuldigt, dringt die Musik in albtraumhaften Schwaden oder schimmernden Sehnsüchten aus den Boxen. Markante Beats und eine Produktion in Cinemascope sind jetzt einer authentischen, feinkörnigen Polaroid-Impression gewichen.

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12. The Dø – Keep Your Lips Sealed

Der Opener Keep Your Lips Sealed ist das Paradestück dieser Platte, wer hier in Enthusiasmus ausbricht, wird diesen für die nächsten 40 Minuten nicht mehr los werden. Keep Your Lips Sealed klingt wie aus einem schummrigen Proberaum entfleucht, undergroundiger Flair trifft auf Ladytron, ein in dunstigen Synthie-Sphären schwebender Refrain wird von einem fordernd intonierten, aufmüpfig dreinblickenden Gesang konterkariert.

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13. Doug Paisley – It’s Not Too Late (To Say Goodbye)

Wenn ich mir die zehn Lieder dieser Platte so betrachte, fällt mein Blick immer wieder zuerst auf It’s Not Too Late (To Say Goodbye). „Holding out for something from the past/ The future’s burning brightly but it won’t last/ Passing time with dreams behind my eyes/ You know you’ve hit the bottom and your lungs are filled with cries/ Kept inside“ sind die mächtigen Anfangszeilen einer wahrhaftigen Country-Unglückseligkeit, die aber nie in Larmoyanz abgleitet, vielmehr erhobenen Hauptes ertragen wird. Das hat große Klasse, wie ich meine.

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14. Kasabian – glass

Hier wird ein phänomenaler, hypnotischer Beat aus dem Hut gezaubert. „We are taught to watch the puppets not the hands controlling/ Do you think if we pulled out the rug the world would stop revolving/ Make a start and turn off everything/ It’s only then you’ll see your life begin“ überzeugen als die essentiellen Zeilen dieses Werks, vermitteln eine Botschaft, die man nicht kleinreden kann, bedeuten einen Versuch, die Dystopie noch abzuwenden! Es soll nicht das letzte Mal sein, dass Kasabian dem digitalen Zeitalter eine Absage erteilen. Glass erwächst zum ungewöhnlichen Track, der sich weit vom üblichen Sound entfernt. Und noch selten hat eine Rap-Passage so viel Sinn gemacht, wie die von Suli Breaks vorgetragene. In solch einem Moment sprüht Sergio Pizzornos Songwriting vor Genialität.

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15. Wanda – Bleib wo du warst

Bleib wo du warst besingt die große, weite Welt (Rom, Berlin, Hawaii), nur um letztlich im gepflegten Schalala ein fast höhnisches „Sterben wirst du leider in Wien/ Da g’hörst du hin“ erschallen zu lassen. Die österreichische Tradition der Nestbeschmutzung wird also einmal mehr fortgeführt.

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16. LADA – Enschede

Das eigentliche Highlight freilich ist Enschede mit Nu-Jazz-Feeling und eingesprenkelten Post-Rock-Anleihen. Dazu gesellt sich noch die Ritualtanzonomatopoesie von Sängerin Fee R. Kürten. Brillant!

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17. Sharon Van Etten – I Know

Gelungen fällt I Know aus, das wieder in reinstem Piano erstrahlt und die Songwriterin Van Etten am Zenit ihrer Ausdruckskraft zeigt: „You see me turn around and try to hide my sigh/ I know the ancient melodies will come at night/ I sing about my fear and love and what it brings/ I know, I know“. Hier begründet Liebe nicht den Schmerz, hier ist Liebe nicht länger verhängnisvolle Droge, hier wird Liebe zur Medizin, zum Lebenselixir. Alles Grübeln scheint überwindbar, alle Ängste besiegbar, Widrigkeiten werden hinnehmbar. I Know deutet ein unausgesprochenes Wissen an, ein endgültiges Finden, einen Sieg über die Destruktivität.

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18. Echo & the Bunnymen – Constantinople

Constantinople wird seinem Titel gerecht, paart vorderasiatische Melodieeinflüsse mit deftigem Rock. Wer diesen Track hört und Echo & the Bunnymen noch immer zum alten Eisen zählt, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Er gehört zu den stärksten Liedern, die die Band je gemacht hat. Und die Zeile „It’s so cold in Constantinople“ bekommt aufgrund der derzeitigen Proteste in Instanbul wohl unbeabsichtigt eine schlagworthafte Bedeutung.

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19. Steve Luxembourg – Bristol

Beim famosen Bristol sticht eine weitere Eigenschaft Luxembourgs ins Auge. Er vermag Songs über sechs bis sieben Minuten zu erzählen, die Tracks verlieren mit Fortdauer nicht an Spannung. Das allein zeugt schon von Reife. Weiters definiert sich das Werk über kryptische Emotionen und Kontemplationen. Nichts ist greifbar, alles einen gedanklichen Flügelschlag, einen Gefühlshorizont entfernt. Selbst Liebeserklärungen („Would you marry me in Bristol/ Cool my fever down?“) wirken fast blasiert denn leidenschaftlich, zumindest aber distanziert.

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20. Die Heiterkeit – Pauken und Trompeten

Und dann wäre da noch Pauken und Trompeten, welches spätes Glück verspricht („Bleib wenn du magst solange wie du Zeit hast/ Solange du Zeit hast/ Es war so lange still und ich vergass/ Wie es war als es lauter war/ Oh ja/ Und nun da du fragst es war die meiste Zeit dunkel und hart“). Auch der Refrain zeugt von einer versöhnlichen Zuversicht, die entwickelt, wer die Tiefen des Seins durchschritten hat.

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21. Tokyo Police Club – Argentina (Parts I,II and III)

Dieses Konglomerat Argentina ist verdammt hochprozentig, auch wegen launigen Zeilen wie „If I was a lighthouse/ I would look all over the place/ If I was an asshole/ Thank you for keeping a smile on your face“. Hier persifliert sich Rock in dem Maße, in dem er sich zugleich abfeiert und mit breitem Grinsen die großen Gefühle forciert. Der Sänger David Monks hat es faustdick hinter den Ohren, melancholische Passagen folgen einem geradezu diabolisch grinsendem Vortrag, er brilliert als fleischgewordener Filou und als zärtlicher Charmeur.

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22. Strand of Oaks – Shut In

Der Track Shut In atmet eine Springsteen’sche Kraft, trotzt voll Wucht den Widrigkeiten der Existenz. Die Zeilen „I hate talking about money/ I don’t want to talk about luck/ I hate thinking I’m not the same as I was/ I lose my faith in people, why even take the time/ You’ve got your problems/ I’ve got mine“ ringen mit dem eigenen Verlierertum, ehe ein erlösendes „The night was cold and black/ But the sun was in my eyes“ dem Protagonisten einen pianofarbenen Lichtstreifen offeriert. Shut In begeistert als klassische Versagerhymne, die wie Phönix aus der Asche steigt.

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23. Eels – Mistakes Of My Youth

Selbiger kommt im klassischen Eels-Gewand daher, bricht aus dem zurückgefahrenen, reflektierten Sound dieser speziellen Platte aus, verstrahlt die Wärme des Einsichtigen, der endlich, endlich aus den Fehlern lernen möchte. Es ist das erste Anzeichen einer Versöhnung mit den Dingen, doch wäre Everett nicht Everett, wenn er nicht ins nächste Fettnäpfchen treten würde.

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24. The War On Drugs – Lost In The Dream

Mit den Zeilen “Love’s the key to the games that we play/ But don’t mind losing/ Love’s the key to the things that you see/ But you don’t mind moving” bringt Granduciel den Geist des Albums auf den Punkt. Liebe und Leben sind von Rückschlägen geprägt, die es zu ertragen gilt, ohne dass die Träume daran zu Grunde gehen. In diesem Moment der Gänsehaut erfühlt man die ganze Dimension dieser Platte.

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25. King Creosote – For One Night Only

Das schmissig-rockige For One Night Only bildet einen furiosen Aufgalopp. Hier besingt er das Wochenende des kleinen Mannes (“Now it’s the weekend/ We’re stepping out boldly/ Spending our money/ C’mon celebrate it“), wenn alle Plackerei dem Vergnügen weicht. All die Vorfreude kulminiert in den Worten “Wayne is appearing for one night only“. Wer auch immer Wayne ist, er beschert aufgeregte Vorfreude, lässt die Puppen tanzen!

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26. Erland & The Carnival – Daughter

Es ist mehr als ein Wiegenlied zu begreifen, das laut Pressetext unter dem Eindruck von einer halben Flasche Whiskey und der erstmaligen Vaterschaft Coopers entstand. Es gerät zum Augenblick von Closing Time, in dem die Selbstzentriertheit aller Gefühle plötzlich von der Platte abfällt, endgültig einer Liebe weicht, die bedingungslos und todernst wirkt. All die ausgeklügelte, raffinierte Larmoyanz bekommt einen Kratzer im Lack.

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27. Mark Lanegan – No Bells On Sunday

Der getragene Titeltrack No Bells On Sunday zeichnet sich als angeschwülstete Synthie-Pop-Ballade samt Trip-Hop-Einschlüssen aus. All dies wird vom ermatteten, schwermütigen Gesang Lanegans konterkariert.

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28. Robots Don’t Sleep – Mirror

Der Downtempo-Titeltrack Mirror schlurft verlustbeseelt über Friedhöfe und sieht sich an einer engelsgleichen Erscheinung satt. Der andächtige, sakrale Singsang in den Strophen ist in Liebreiz und Unwirklichkeit gemeißelt. Diese Electro-Ballade stellt das Highlight dieses Werks dar.

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29. Bryan Ferry – Soldier of Fortune

Ferry versteht es, den melancholischen Verlierer und von den Umständen und Unwägbarkeiten gebeutelten Kavalier zu geben. Er begreift sich als Glücksritter, der um die Beherrschung seiner Sinne ringt. Noble Fassade, begierigstes Innerstes, derart gerät das zusammen mit Johnny Marr verfasste Soldier of Fortune zu einem markantesten Songs dieses Albums.

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30. Papercuts – Still Knocking At The Door

Hinter den zart-entrückten Klängen von Still Knocking At The Door lauern mit Zeilen wie “Mascara girls looking for dreams/ We’re not as happy as we might seem / But they say we’re ok” enttäuschte Illusionen. Dem Hinterherjagen von Träumen steht schmerzliche Erkenntnis entgegen (“I’m not getting high, no one’s getting high/ Still searching for the grail“).

Und zu guter Letzt noch der Link zur Spotify-Playlist!

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Unsere Lieblingslieder 2014

  1. Interessante Liste – auch wenn wir da kaum Überschneidungen haben. Aber wer sonst hat schon Dorau UND Lana in seinen Top-Charts? 😉 Höre mich grad bei Spotify durch die Top 30, da sind einige Sachen dabei, die mir gefallen, die ich aber noch gar nicht kannte (The Dø, Marianne Faithful, Joensuu…).

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