Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

Vor einigen Tagen hatte ich hier auf dem Blog die Frage gestellt, weshalb Liedtexte eigentlich oft so nichtssagend sein müssen. Vielleicht liegt es schlicht daran, dass die hauptberufliche Singer-Songwriter-Existenz den Erlebnishorizont einschränkt. Möglicherweise sind all die vage gehaltenen Lyrics, die sich hochgradig ungefähr mit Liebe und Leid, Scheitern und Tod beschäftigen, auch dem Umstand geschuldet, dass es einer konkreten Erfahrungswelt mangelt, aus der man Geschichten schöpfen könnte. Die Gießener Formation Tante Doktor, deren EP Unsteril ich bereits 2013 erwähnt habe, tut sich da leichter. Hans Voigtmann, der Songwriter der Band, arbeitet als Anästhesist und viel von diesem medizinischen Alltag sickert in die Texte ein. Schon der Titel des im November 2014 veröffentlichten Albums Bipolar belegt dies. Die lakonische, bisweilen nüchterne Poesie der Platte erinnert an das Schaffen von Element of Crime. Ein besseres, ambitionierteres Vorbild kann man in deutschen Gefilden kaum finden. Und die medizinische Komponente von Tante Doktor sorgt für einen sehr eigenen Zungenschlag. Für eine spezielle Atmosphäre, die in ihrer nachdenklichen Besonderheit aus dem eingangs vermuteten schalen Textbrei hervorsticht.

Medikamente sind bei uns im Kühlschrank, seit Jahren ist das schon so hier. Kalt spritzt es sich einfach besser, man trinkt ja auch kein warmes Bier. Und je zerbrechlicher das Fläschchen, desto teurer ist der Wein, je mehr hier irgendetwas kostet, umso besser muss es sein.“ geraten zu Zeilen nach meinem Geschmack. Trockener Humor trifft auf die Des­il­lu­si­on des täglichen Einerleis. Aus den Untiefen des Krankenhausalltags winkt eine schockierende Normalität, etwa wenn im Kühlschrank befindliche Embryos als Aliens von nebenan bezeichnet werden. Dass ein Track wie Kühlschrank nicht Abgestumpftheit besingt, liegt an großartigen empathischen Sätzen wie „Und an jeder kleinen Freakshow hängt ein großes Schicksal dran.„. Dazu gesellt sich eine revuehafte bis chansonesque Musik, die das groteske Element verstärkt. Solch ein Song sagt mir mehr über die menschliche Existenz als ein Track, in dem dahergelaufene Mittzwanziger inneren Dämonen nachspüren. Und wenn Heile Welt die Routine einer Geriatrie abbildet, das Verwalten eines umwölkten Endes schonungslos porträtiert, trägt solch Wahrhaftigkeit etwas zur allgegenwärtigen Debatte um einen würdigen Tod bei. Krieg in den Hütten wagt sich ein wenig mehr ins Träumerische vor, lässt Medizin und Hospital kurz hinter sich. An der Mixtur aus Grübelei und Abgeklärtheit ändert sich dennoch wenig: „Was wäre wenn hinter all dem Sinn, die traurige Sicht die richtige ist. Wenn Gott nun tot und Nietzsche weint und nix mehr bleibt nach unserer Zeit.“. Was bei Element of Crime die Trompete ist bei Tante Doktor das Saxophon. Es ist ein weiteres Bisschen Fleisch an diesem Knochen der Trostlosigkeit. Das Album besitzt nämlich eine geradezu schmerzliche Substanz. Man vermag zu erahnen, dass hier Grundsätzliches mehr bewältigt denn aus den Fingern gesogen werden muss. Gegen Ende des Albums wagt sich die Band in englischsprachige Gefilde vor, der in angedüstertem Alternative gehaltene Titeltrack Bipolar wirkt durchaus gelungen, auch wenn sich die lapidare Poesie nur bedingt in das Englische überträgt. Den deutschsprachigen Texten lässt sich besser nachhängen, alles Leiden und Bedauern gestaltet sich hier unmittelbarer, so etwa im Antischlaflied Der kleine Wolf. Der eigentlich prosaische Befund „So hab ich mir das nicht vorgestellt.„, untermalt von einem andächtigen Piano, entwickelt unsagbare Herzensschwere.

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Die Band aus Gießen hat Bipolar per Crowdfunding finanziert, da sich kein veröffentlichungswilliges Label gefunden hat. Das lässt mich einmal mehr am ganzen Plattenfirmensystem zweifeln. Wenn diese von abstraktem Pipifax weit, weit entfernten Lyrics auf keine Gegenliebe stoßen oder zumindest als unrentabel abgetan werden, stellt sich mir schon die Frage, ob Business und Konsumenten Texte mit Niveau und Relevanz überhaupt noch wollen. Platzhirschen wie Element of Crime gesteht man dies wohl zu, Newcomern leider eher nicht. Dabei ist Bipolar keineswegs nur zur Traumabewältigung für Ärzte oder einem leisen Hihi unter Quacksalbern geeignet. Tante Doktor erinnern mit dieser „medizinischen“ Platte ein Stück weit daran, dass die Außenwahrnehmung des Arztberufs von der Wirklichkeit abweicht, dass teure Autos und das gepflegte Golfspiel Klischees sind und Medizin in vielen Teilbereichen letztlich belastende Grenzerfahrung bedeutet. Es gibt gute Alben, die man als Blogger gerne weiterempfiehlt, und daneben existieren inhaltsstarke Platten, von denen man völlig überzeugt ist. Bipolar fällt in letztere Kategorie!

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Bipolar ist am 12.11.2014 erschienen.

Konzerttermine:

24.01.2015 Gaggenau – Klag Bühne
29.01.2015 Gießen – 200 Jahre Frauenklinik Universitätsmedizin Gießen
17.05.2015 Mannheim – Kunst gegen Bares, Alte Feuerwache

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SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Die Normalität der Grenzerfahrung – Tante Doktor

  1. Ach ja. Die liegt bei mir auch noch rum und muss dringend mal besprochen werden. Fand die textlich und musikalisch auch super, kann dir da nur zustimmen.

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