Ein Blick zurück nach vorn

Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit der Vorsätze und Absichtserklärungen. Im Idealfall erfolgt zuvor eine nüchterne Analyse des zur Neige gehenden Jahres. Denn Wandel funktioniert am besten über die Erkenntnis. Das gibt mir somit die Möglichkeit ins Innenleben dieses Musikblogs zu blicken, der sich im siebten Jahr seines Bestehens mit allgemeinen Veränderungen abmüht. Das Internet von 2014 ist nämlich nicht mit dem Netz anno 2008 zu vergleichen. Selbstverständlichkeiten von heute haben zu Beginn unseres Blogabenteuers noch in den Kinderschuhen gesteckt. 2008 waren Facebook oder Twitter noch Start-ups unter vielen und der rasante Siegeszug von Tablet und Smartphone keineswegs absehbar. Im Bereich der Musik war ein Streaming à la Spotify gerade erst angedacht. Die Nutzung des Internets hat sich also verändert – und damit das Internet an sich. All die Umbrüche machen auch vor Lie In The Sound nicht Halt. Wenn ich also jetzt 2014 vor dem geistigen Auge Revue passieren lasse, schielt der Blick immer auch zu den bloggenden Anfangstagen zurück.

Die meinungsstarke Gegenwart und die gepfählte Schwiegermutter

Ich bin mir durchaus bewusst, dass mir niemand eine Knarre an den Kopf hält und mich zum Bloggen zwingt. Es ist ein frei gewähltes Privatvergnügen, dessen Grad an Professionalität man selbst bestimmt. Man kann aus Lust und Laune für eine Handvoll Freunde bloggen – oder eine digitale Öffentlichkeit suchen. Die werte Co-Bloggerin und ich haben uns von Anfang an bemüht, einen umsichtigen Musikgeschmack mit einer speziellen Schreibe zu kombinieren. Wir wollten Musik eine Wertschätzung entgegenbringen, nicht über Platten richten. Diese Attitüde hat sich über die Jahre immer mehr verfestigt. Wenn ich mir so ansehe, was ich 2014 auf dem Blog geschrieben habe, dann kann ich die Posts mit negativen Äußerungen über Musiker oder Bands an einer Hand abzählen. Wir leben in einer meinungsstarken Gegenwart, die Kritik oder gar ein deftiges Contra als Ausdruck eines wachen, alles durchschauenden Geistes begreift. Auch bei einer feinen Platte macht sich das Haar in der Suppe gut. Die Liebste und ich aber erleben Musik nicht über Sterne, Pünktchen oder Prozentzahlen. Das ist nicht unser Zugang. Und ich meine, dass album24plattencheckreviewtest.de und Co. mit ihren peniblen Benotungen eine Objektivität vorgeben, welche einer näheren Betrachtung nur selten standhält. Denn machen wir uns nichts vor, der Pressetext ist nach wie vor das A und O vieler Blogger und Online-Magazine. Wenn Platten besprochen werden, geschieht das vielfach auf Basis des sogenannten Waschzettels. Ein Pressetext, der der Entstehung eines Werk eine versehentlich gepfählte Schwiegermutter oder ein vom Baum gefallenes Kätzchen unterjubelt, hat das Rennen um Erwähnungen schon fast gewonnen. Die Schicksalhaftigkeit in Pressetexten erreicht oft Castingshow-Niveau.

Eine Phalanx der Phrasendrescher samt Gelbstem vom Ei

Die seriöse, kreative Bloggerei ist 2014 nicht unbedingt leichter geworden. Das hat – wie eingangs bereits angedeutet – mehrere Ursachen. Einerseits sorgen Tablet und Smartphone dafür, dass der Durchschnittsnutzer weniger tippt. Die Rückmeldung, das Feedback beschränkt sich oft auf ein Like auf Facebook. Der Blog als Kommunikationsplattform hat an Relevanz verloren, sofern man Votings, Umfragen oder Verlosungen außer Acht lässt. Die rudimentäre Kommunikation wandert gen Facebook ab, wo mittlerweile nahezu jeder Blog und jeden Magazin eine Seite führt. Andererseits ist der den Musikfans ansprechende Blogger längst nicht mehr frei in der Wortwahl. Die Schlacht ums SEO, um die Sichtbarkeit bei Google, führt zu vermehrter Phrasendrescherei. Ohne smarte Setzung von Keywords ist der Blogger unsichtbar. Durchschnittsnutzer suchen längst nicht mehr gezielt, sie vertrauen darauf, dass eines der ersten drei angezeigten Google-Suchergebnisse die gewünschte Information liefert. Faulheit trifft auf Gedankenlosigkeit und das spielt den gewieften Bereibern von album24plattencheckreviewtest.de in die Karten. Blogger kommen gegen diese Phalanx kaum an. Sie verhungern oftmals an ihrem Idealismus, während kräftig mit Werbung bestückte, SEO-optimierte Seiten Klick um Klick sammeln. Das geht auf Kosten der Musik, die längst nur als Vehikel für kommerzielle Interessen herhalten darf. So ganz unschuldig sind Bands und Singer-Songwriterinnen freilich an der Misere nicht. Auch im Indie-Bereich gilt das Prinzip, das jedes Posting zählt. Inhalte oder Qualität geraten zur Nebensache. Promotoren scheißen einen mit lobhudelnden Rundmails zu, jeder neue Act ist gleich das Gelbste vom Ei. Bands bombardieren das Postfach mit Mails, die oft keinen Zweifel offen lassen, dass die Welt auf sie gewartet haben muss.

Nebengeräusche in den Amtsblättern

Der Musikblog verliert allerdings auch in dem Maße an Relevanz, in dem das Streaming seinen Siegeszug antritt. Wenn Musik stets und immer verfügbar ist, braucht es keinen Filter mehr, der Lieder empfiehlt oder gar erklärt. Ein eigener Eindruck ist via Spotify rasch gewonnen. Wo 2008 die Kunde eines kostenlosen Downloads bei bekannteren Acts noch Klickstürme auslöste, kann man damit 2014 keinen Blumentopf mehr gewinnen. Musik muss nicht mehr besessen werden, sondern einfach nur jederzeit abrufbereit sein. Und weil sie dank Spotify und Konsorten stets parat ist, hat sie ihren Nimbus ein wenig verloren. Über Musik zu schreiben, bedeutet heute vor allem die Nebengeräusche zu erwähnen: Ein neues Video etwa, eine anstehende Tour, eine Crowdfunding-Kampagne. Blogs und Magazine mutieren so zu Amtsblättern, welche die Verlautbarungen von Label und Promo-Firmen nachplappern. Rezensionen locken eben nur noch hinter dem Ofen hervor, wenn sie polarisieren oder ein bittersüßes bis gramgebeugtes Entstehungsgeheimnis preisgeben.

Jeder Blogger ist ein Insel, Schiffsverkehr ade!

Ich male schwarz. Das ist jedoch Realitäten geschuldet. Manch bloggende Kollegen, die ich im Lauf der Jahre ein bisschen kennenlernen durfte, scheinen sich vermehrt in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen. Die Vernetztheit überlässt man den angesagten Alpha-Bloggern, die sich gegenseitig die Eier kraulen. Was bleibt, sind alteingesessene Blogs, die über die eigene Existenzberechtigung grübeln. Jeder Blogger ist eine Insel, doch der Schiffsverkehr scheint vielfach eingestellt. Man verlinkt seltener untereinander, man tut und macht und werkelt für sich allein, schaut nicht nach rechts und nicht nach links. Vergleichbar wäre das mit Kaninchenzüchtern, die allesamt hoffen, die schönsten Rammler zu besitzen, dabei jedoch nie zusammenkommen, um sich über die Zucht auszutauschen und ihre Schätze gegenseitig zu begutachten. Die bloggende Community wird eigentlich von denen mit dem größten Ego, der lautesten Klappe oder besten SEO-Masche bestimmt.

Spleenigkeitswahn oder Kapitulation?

Ist somit Hopfen und Malz verloren und das Frustrationspotential größer als der Spaß? Nicht unbedingt. Aber man muss sich mit den Gegebenheiten nicht zwangsläufig abfinden, vielmehr angemessen reagieren, indem man neue Pfade beschreitet, ohne dabei Lesern hinterherzuhecheln, den einsamen Rufer in der Wüste zu geben oder gar in einen Spleenigkeitswahn zu verfallen. Ich für meinen Teil habe aus 2014 einige Lehren gezogen. Und deshalb werden wir Lie In The Sound 2015 ein Stück weit neu erfinden. Denn die Antwort auf Wandel sollte schließlich nicht in der Kapitulation liegen. Und wie das alles aussieht, darf der geneigte Leser demnächst hier miterleben!

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Ein Blick zurück nach vorn

  1. Wie sehr du mir aus dem Herzen sprichst. Auch für mich war das Jahr 2014 eine Zeit der Ungewissheit und Richtungslosigkeit. Wohin soll es gehen, welchen Sinn macht das ganze Schreiben über Musik eigentlich noch?

    Mehr Leser wird es mit dem alten Weg nicht mehr geben, in das Schneckenhaus mag ich nicht, aufhören kann ich nicht. Ein Dilemma.

    Ich bin auf euren Weg gespannt…

  2. Kapitulation – ach nein! Und Schneckenhaus schon gar nicht!
    Wenn ich nur noch SEO-optimiert schreiben würde, täte ich die Bloggerei aufgeben.
    Ironischerweise hat mir im vergangenen Jahr in diesen Zeiten schwindender Blogleser das Aus-Der-Taufe-Heben eines neuen Musikblogs am meisten Spaß gemacht! Ich muss verrückt sein! 🙂

    Ein Blog darf nicht zum Zwang werden. Den gibts im Alltag schon genug. Und vielleicht ist es hilfreich, nicht jeden Tag auf die eigenen Statistiken zu schauen.

    Bin sehr neugierig auf das, was ihr im stillen Kämmerlein für Lieinthesound plant!

  3. Da bin ich auch mal gespannt, wie Ihr mit Lie in the Sound nun fortfahren werdet, um es „zukunftssicher“ zu machen. Ich plage mich bekanntlich auch schon seit einer Weile mit den von Dir beschriebenen Grüblereien über Sinn & Unsinn des Bloggens herum und habe eher den „Schneckenhaus“-Weg beschritten. Musik nur über Facebook zu verbreiten finde ich doof, das hat sowas Flüchtiges.

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