Mit Musik gegen PEGIDA

Ich habe etwas gegen Kleingeistigkeit. Und gerade die montäglichen PEGIDA-Märsche machen deutlich, wie unter dem Deckmäntelchen der Empörung über Missstände die eigene Borniertheit regelrecht zelebriert wird. Mein Problem mit PEGIDA ist von grundsätzlicher Natur. Sie demaskiert sich als Bewegung, die außer schriller Hysterie (Lügenpresse!) und dem eigenen Anspruch auf einen Platz in den Geschichtsbüchern (Wir sind das Volk!) nichts anzubieten hat. Vor allem keine Argumente. PEGIDA steht für tumbe Unzufriedenheit, die sich brachial und pauschal gegen gewisse Gruppen der Gesellschaft wendet. Die Kaste der Politiker, die Medienclique, das linke Gutmenschentum und natürlich der Islam wurden als Feinde ausgemacht. In der Rhetorik folgt man altbekannten Mustern, ein Einzelfall wird zum Beispiel für die Verlottertheit des Systems umgedeutet. Aufgrund einzelner journalistischer Fehlleistungen, man denke an diese leidige Geschichte mit dem Undercover-Reporter von RTL, wird allen Massenmedien jedwede Objektivität abgesprochen. Nach dieser Logik rücken auch die vereinzelten Fälle sich bereichernder Politiker gleich alle Volksvertreter in ein schiefes Licht. Und eine kleine Gruppe von Islamisten reicht für einen Generalverdacht aus, nämlich dass der Islam das deutsche Wesen unterminieren will.

Unter dem Dach der PEGIDA tummeln sich Rassisten und Verschwörungstheoretiker, Mitläufer und Brandstifter. Sie alle eint eine generelle Wut gegen irgendeinen Aspekt des gesellschaftlichen Grundkonsenses. Das allein wäre noch nicht tragisch, denn mit die besten Revolutionen haben tradierte Werte verworfen. Allerdings leitet die PEGIDA aus ihrem selbsternannten Außenseitertum schon ein ehrenwertes Anliegen ab. Sie vermag zum Beispiel nicht zu erklären, warum Asylbewerber für Deutschland eine Bedrohung darstellen. Viele staatliche Gebilde Europas haben über die Jahrhunderte immer wieder einen massiven Zustrom von Flüchtlingen erlebt. Der kulturellen Identität Deutschlands haben vor mehr als 80 Jahren selbsternannte Germanen weitaus mehr geschadet als all die Fremden, die davor und danach nach Deutschland gekommen sind. Weiters scheint absurd, dass ausgerechnet in einer zunehmend säkularen Gesellschaft, die Religion eine Gefahr darstellen soll. Da sich westliche Gesellschaften immer stärker zum Bollwerk des Atheismus bzw. Agnostizismus entwickeln, leuchtet eigentlich nicht ein, wie eine nur 5% der Bevölkerung stellende Religion die deutsche Demokratie aus den Angeln heben soll. Das ginge nur, wenn sich die überwiegende Mehrheit ganz und gar uneins über demokratische Grundwerte wäre. Eine aufgeklärte Gesellschaft, die einen überschaubaren Prozentsatz an Fremdheit nicht verträgt, scheint weder fit für die globale Welt, noch wirkt sie in sich gefestigt. Hermetische Abschottung steht im Gegensatz zum Grundgedanken einer über alle Grenzen stattfindenden Vernetzung im 21. Jahrhunderts. PEGIDA ist somit hoffnungslos reaktionär. Da sie sich auch noch als ostdeutsches Phänomen präsentiert, muss die Frage gestattet sein, in welche gute, alte Zeit sich die Protagonisten denn zurücksehnen.

Man sollte die Ängste der PEGIDA-Sympathisanten ernst nehmen, lautete eine bis vor Kurzem vor allem aus konservativen Kreisen erhobene Forderung. Das Problem mit Ängsten freilich ist, dass man irrationalen Ängsten nicht mit Fakten begegnen kann. Solch Ängste lassen sich therapieren, aber nicht mittels gesellschaftlichen Dialogs ausräumen. Wie soll man dem typischen Teilnehmer die Angst vor Überfremdung nehmen, wenn sämtliche Statistiken diese Überfremdung in Dresden und Sachsen schlicht nicht hergeben. PEGIDA fürchtet sich also quasi vor einer Spinne, die gar nicht sichtbar ist, ja nicht einmal ein verwaistes Netz hinterlassen hat.

Die bei der letzten Veranstaltungen in Dresden genannten sechs Punkte sind weichgespültes Larifari, das die eigentlichen Ziele und Intentionen vernebelt. Es ist bis auf einen Punkt lediglich das, was eine weißbiergestählte CSU seit Jahr und Tag schon in den Bierzelten des Landes predigt. Die Organisatoren von PEGIDA sollte man aber nicht auf hemdsärmeligen, lederbehosten Konservativismus reduzieren, ihre Masche ist schon perfider. Die dreckigen Sprüche, die schmutzigen Slogans überlässt man dem stinknormalen Teilnehmer, den man je nach Bedarf entweder verdammen oder als Stimme aus der Basis loben kann. Die Leute hinter PEGIDA geben sich moderat, die Drecksarbeit besorgen andere. Auf der offiziellen Facebook-Seite posten die Macher Link um Link, meist mit ungläubigem Rufzeichen oder staunenden Fragezeichen versehen. In der Hoffnung, dass sich Volkes Zorn mit markigen Sprüchen austobt.

Leider ist auch die Tonlage der NOPEGIDA ziemlich schrill. Denn empathielose Besitzstandswahrer, Sozialneider und überkanditelte Patrioten sind eben nicht automatisch Nazis. Intoleranz mag ein Pfeiler des Nationalsozialismus, aber Intoleranz ist letztlich vielen radikalen Ideologien eigen. Und Intoleranz dringt tief in die Bürgerlichkeit, in die vermeintliche demokratische Mitte ein. Letztlich ist ja auch Rassismus lange, lange Zeit ein integraler Bestandteil der USA gewesen, eben weil er in der Mitte der Gesellschaft verankert war. PEGIDA mag auch NPD und Konsorten anziehen, aber nicht nur. PEGIDA ist so tückisch, da sie an niedrige Instinkte (Ausgrenzung, Benennung von Sündenböcken) appelliert, nicht weil sie von einer Herrenrasse und Großdeutschland träumt.

Natürlich könnte man sich Verständnis für die Bewegung abringen, speziell für die von Abstiegsängsten geplagten Mitläufer, die in Zuwanderung eine Bedrohung der eigenen Arbeitsplatzsituation sehen. Aber weshalb sollte man ausgerechnet jenen mit Einfühlungsvermögen begegnen, die jenes selbst völlig vermissen lassen? Vielleicht muss man als aufgeklärter Zeitgenosse einfach unaufgeregt konsequent sein. Und als Richtschnur für das Handeln einen Song von The Special AKA aus dem Jahre 1983 wählen. Das vor einigen Jahren auch von der Hamburger Band Tocotronic gecoverte Lied Racist Friend hält einen simplen Tipp bereit: „If you have a racist friend/ Now is the time, now is the time/ For your friendship to end„. Das mag im ersten Moment harsch klingen, doch muss man sich vom Bösen distanzieren, Abstand halten. Die Ansteckungsgefahr ist schlicht zu groß. Denn in uns allen lauern Existenzängste, die allzu gern die Schuld bei dem Anderen suchen. Es nützt nichts, Intoleranz und Rassismus auf einer lauschigen Demo lautstark zu verurteilen. Es bringt viel mehr, wenn man auch im engsten Umfeld Rückgrat zeigt. Was wurde in letzter Zeit nicht alles an Weisheiten über PEGIDA und Konsorten geschrieben? Doch manchmal scheint es doch die Musik zu sein, die uns die besten Ratschläge gibt.

SomeVapourTrails

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