Ohne Kern ist alles nur Brei! (Warum müssen Liedtexte nichtssagend sein?)

Ich zähle mich eigentlich nicht zu den reflexhaften Raunzern, die zwar allen Unfähigkeit unterstellen, der Welt dabei die eigene Fähigkeit vorenthalten. Ich fühle mich weiters nicht den Kulturpessimisten zugehörig, die da meinen, dass früher alles besser gewesen wäre, während nun die Dekadenz um sich greife und alles samt und sonders den Bach runtergehe. Ich empfinde auch meine persönliche Wahrnehmungsfähigkeit keineswegs als eingeschränkt. Und trotzdem nagt in mir der Verdacht, dass Musik oftmals die Ambition abhandengekommen scheint, gesellschaftliche Zustände zu reflektieren. Wo sind im Jahre 2015 die Alben, die Dystopien entwerfen? Wo sind die Platten, die gesellschaftlichem Unbehagen eine Stimme und ein Plattencover geben? Wo sind die neuen Musiker und Musikerinnen, die Snowden und die Überwachung à la Orwell thematisieren? Wo blüht eine Kapitalismuskritik bei Singer-Songwritern auf, die über ein bestenfalls dumpfes Unbehagen oder eine Idealisierung des einfachen Lebens hinausgeht? Wo wird der Fortschritt auf etwaige Fehlentwicklungen (Gentechnik) hin abgeklopft?

Ich versuche, ein Album in Gänze anzuhören und mir den textlichen Kern dann danach anzulesen. Mein Faible für Singer-Songwriter hat mich dazu verleitet, denn natürlich wird man den wunderbaren Pop von ABBA nicht erst nach einem Textstudium ins Herz schließlich. Tolle Unterhaltungsmusik ist ja auch deshalb erfolgreich, weil sie eben leicht zu durchdringen ist. Wie sieht es jedoch mit Musik aus, die sich selbst als ambitioniert versteht? Herrscht da Schicht im Schacht? Wo steckt ein neues Album wie Animals, wo ein OK Computer? Viel zu oft verstecken sich Musiker hinter fraglos existentiellen Themen wie Liebe und Tod. Das hat etwas von Biedermeierei, wenn Musik die harsche Reflektion weltpolitischer Prozesse meidet. Was hat dazu geführt, dass das Regietheater mit großer Selbstverständlichkeit den Finger in die Wunde legt, ja sogar Inszenierungen in Bayreuth mehr Gesellschaftkritik äußern als das gegenwärtige Singer-Songwritertum?

Ich fand es 2014 sehr eigenartig, dass Kasabians Album 48:13 wenig wirklich positive Resonanz erhielt. Dabei enthielt selbiges den Track Glass, eine wunderbare Zusammenarbeit mit Suli Breaks. Zeilen wie „We are taught to watch the puppets/ Not the hands controlling“ oder die Rap-Passage „But now you’re taught to remain a hamster on a wheel until you run out of energy/ Afraid that if you strive for an ideal, you’ll end up like a Kennedy“ setzen dem pathetischen Freiheitsbild der westlichen Welt Realitäten entgegen. Dagegen wirken die pennälernden Larifari-Lyrics einer stets ums Ich zentrierten St. Vincent dann doch recht abgefuckt. Und das führt mich zu einem weiteren Hauptkritikpunkt. Müssen wir uns wirklich damit abfinden, dass das Gros musikalischen Outputs zumindest in textlicher Hinsicht unfassbar nichtssagend bleibt? Wir dürfen und sollen von Songwritern auch gutes Storytelling, zumindest aber knackige Sentenzen erwarten. Wo sind kontroverse Aussagen wie Lennons „God is a concept by which we measure our pain“ heute? Zu oft wird die ungefähre Emotion, die fragmentarische Episode, die substanzlose Darstellung in der Vordergrund gerückt. Oh, ich habe durchaus ein Herz für Schattierungen und poetische Unschärfe. Ohne Kern aber ist alles nur Brei.

Vielleicht bin ich ja auf dem falschen Dampfer, vielleicht stelle ich zu hohe Ansprüche. Mir fehlt aber die Substanz, das aufmüpfige Etwas. Heutige Musikergenerationen wirken kaum visionär. Ein Je suis Charlie ist zwar auf Facebook schnell gepostet, aber wo sind die Lieder, die solch Haltungen in Musik gießen? Wo ist die Substanz? Mir zumindest fehlt sie immer mehr.

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Ohne Kern ist alles nur Brei! (Warum müssen Liedtexte nichtssagend sein?)

  1. Im Wissen, dass ich es auch wenig besser mache, stimme ich Dir zu. Mich stört aber nicht die Abwesenheit klarer Aussagen, von (griffigen) Slogans oder Dystopien, ich könnte auch mit lauter grandiosen Liebesliedern leben, weil grandios besungene Liebe an sich vielleicht schon widersätzlich sein kann. Was mir nicht gefällt, sind mit Versatzstücken besungene Befindlichkeiten, also keine Gefühle, sondern verschwurbelt aufgeblähte Stimmungen. Andererseits können diese, in etwa als melancholischer durchhalte-Einzelkämpfer-Pathos, auch etwas über eine Gesellschaft aussagen, nur wird dann deutlich, dass die Rolle von (Pop)Musik dabei oft keine rühmliche ist. Sie wird eben nicht außerhalb der bestehenden Gesellschaft gemacht.

    Ein Album aus dem letzten Jahr fällt mir aber noch ein, das durchaus und nicht zu subtil einen Bezug zur Gegenwart hat: „Everyday Robots“ von Damon Albarn.

  2. Ja, stimme auch zu. Vielleicht liegt man heute mit seiner politischen Meinung zu schnell daneben? Ich weiß es nicht. Mein Vater hat in seiner Jugend fast ausschließlich (politische) Liedermacher gehört und legt die Texte von einst als Maßstab an. Somit hat er es sehr schwer, sich mit aktueller deutscher Musik anzufreunden. Englische versteht er nicht, das fällt ihm dann leichter. Man horcht schon auf, wenn ein Text mal nicht von der eigenen Freundin handelt.

  3. Da sprichst Du schon was Wahres aus. Wenn ich bedenke, wie sozialkritisch z.B. Carter USM waren. Allerdings ist auch heutzutage nicht alles verloren – man höre sich bsp. die z.T. sehr medienkritische neue EP von Welle:Erdball an. Das Kasabian-Album fand ich leider eher nervig, jetzt ohne auf die Inhalte geachtet zu haben. 🙂

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