Songs von gestern und immer: Unmarked Grave

2014 war kein friedliches Jahr. Konflikte, Kriege allerorten.  In all der Hysterie immer neuer Schreckensmeldungen ging das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren geradezu unter.  Wir scheinen so mit den Kämpfen der Gegenwart beschäftigt, dass wir nie die Zeit finden, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und die Logik von Aggression und konsequenter Reaktion zu durchbrechen. In den letzten Jahrzehnten wurde uns eine chirurgische Kriegsführung schmackhaft gemacht, die das Böse ausmerzt, ohne dabei Opfer in den eigenen Reihen oder den Tod unschuldiger Zivilisten beklagen zu müssen. Eine Lüge, natürlich. Die Geschichte des Krieges ist eine Geschichte ungezählter persönlicher Einzelschicksale. Sein Schrecken lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, Unglück wird stets erfahrbarer, wenn es ein Gesicht bekommt. Genau deshalb berührt der Song Unmarked Grave. Dieses Lied handelt von der Klage eines in seinem Grab dahinrottenden Soldaten, während daheim die Liebste auf seine Rückkehr wartet („My body lies in an unmarked grave, my heart remains with the one I love, she’s awaiting my return, although I know that will never come.„). Solch unpathetische Ballade sucht keine Sinnhaftigkeit im Tod, rechtfertigt das Sterben nicht mit irgendeiner dubiosen Begründung, etwa der Verteidigung des Vaterlands. Im Gegenteil, die Zeile „A seedling grows on my burial ground, just to wither and die“ verdeutlicht nochmals, dass diesem sinnlosen Tod nichts Fruchtbares entwächst. Unmarked Grave entstammt dem 2005 veröffentlichten Debütalbum The Complete Guide to Insufficiency des britischen Folksängers David Thomas Broughton. Diese Platte ist kein leichter Fall, weil sie auf absoluten Lo-Fi, auf Improvisation und Unfertigkeit setzt. Broughtons intensivem Folk wird vom Substandard der Produktion dennoch nicht die Großartigkeit genommen. Wann immer man also fortan leichtfertig über Kriege redet, sollte man sich hinsetzen und Unmarked Grave lauschen. Denn es gilt Schicksale zu bedenken, nicht Strategien.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Songs von gestern und immer: Unmarked Grave

  1. dtb überhaupt ist ein schatz, den es zu heben gilt.
    aktuell ist seine kollabo mit dem juice vocal ensemble sehr zu empfehlen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.