Das Leid der Flüchtlinge und der Rat eines Afrobeat-Altmeisters

Ich kann den Bockmist schlichtweg nicht mehr hören. Ich bin es leid, ständig diese Leier zu hören, wonach Flüchtlinge deshalb zu uns kommen, weil sie hier das Schlaraffenland vermuten und dem indigenen Deutschen oder Österreicher das Brot von der Butter nehmen wollen. Natürlich verbirgt man derlei Fremdenhass unter dem Mäntelchen der Menschlichkeit, indem man sich zu Kriegsflüchtlingen bekennt, zugleich aber empört konstatiert, dass doch über 90% der Asylsucher schnöde Wirtschaftsflüchtlinge seien. Ich kann diese PEGIDA-Logik nicht länger ertragen. Weil sie bestenfalls die Krisenherde berücksichtigt, die ausgiebige mediale Erwähnung finden. Weil sie den Leidensdruck, der zu einer Flucht führt, und die Strapazen und Gefahren und Erniedrigungen dieser Odyssee völlig ignoriert. All die Migrationsfeinde nutzen natürlich existierende Einzelfälle von Asylmissbrauch, um daraus eine verbreitete Methode abzuleiten. All die rechten Hirne entdecken plötzlich ihre Liebe für bedürftige Deutsche und Österreicher, denen man doch zuallererst helfen müsse. Solch Solidarität ist fraglos vorgetäuscht. Denn sie widerspricht dem Egoismus und den Verdrängungsängsten der Protagonisten. Die vermeintlichen Sorgen von PEGIDA-Sympathisanten sind eine Mischung aus Panik und Geiz. Panik darüber, dass man Sozialleistungen mit Flüchtlingen teilen muss oder der Job durch Menschen gefährdet wird, die sich mit einem niedrigeren Stundenlohn zufriedengeben. Man will auch nicht teilen, etwa den Lebensraum. Ein Flüchtlingsheim in der unmittelbaren Nachbarschaft würde doch den Wert des eigenen Grundstücks schmälern und die eigene Lebensqualität massiv einschränken. All das nährt den Hass auf das fremde Andere. Gäbe es diese Flüchtlingsströme nicht, würde man eben Obdachlosen den Satz „Ich will deine Armut nicht mehr sehen!“ zurufen.

In der ganzen aufgeheizten Debatte werden jedoch Standpunkte ausgeblendet. Niemand fragt, was beispielsweise in Europa lebende Nigerianer ihren Landsleuten zu tun empfehlen. Etwa der in Paris lebende Afrobeat-Altmeister Tony Allen, der einst mit dem legendären Fela Kuti zusammengearbeitet hat. Auf seinem im Herbst letzten Jahres veröffentlichten Album Film Of Life findet sich der Song Boat Journey, der einen klaren Rat bereithält: „Don’t take the boat journey, my brothers!/ Don’t take the boat journey, my sisters!„. Weiter heißt es dort: „Now you jump into the boat/ To cruise the ocean with all your family/ Lookin‘, lookin‘ for better situation across the ocean/ But you never arrive„.  Selbst wenn man also das Glück hat, den Trip zu überstehen, findet man sich laut Allen in „double misery“ wieder. Gemäß Allen ist das Ziel Europa keines, welches Glück verheißt. Aus Elend wird doppelte Not, die Opfer der Flucht und die misstrauische Aufnahme in Europa führen zu einer Lage, die die Ikone lapidar zusammenfasst: „The situation here is not so cool„. Und das drängt mich zur zentralen Frage, die mich lange schon umtreibt: Was bilden wir uns eigentlich ein, Deutschland oder Österreich zu gelobten Ländern zu erklären, in die Menschen aus Afrika in freudigen Scharen strömen, um hier in vermeintlichem Saus und Braus zu leben? Warum glaubt ein große Mehrheit, dass Flüchtling aus Lust und Laune ihrer Heimat den Rücken kehren? Weshalb stehen wir den Nöten nicht aufgeschlossener gegenüber, sondern unterstellen eine böse Absicht? Wieso nehmen wir uns dieses Überlegenheitsgefühl heraus? Tony Allens fantastisches Album Film Of Life sollte uns alle zum Nachdenken anregen. Wobei ich bei PEGIDA-Fans die Hoffnung auf differenzierte Gedankengänge schon lange aufgegeben habe.

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Film Of Life ist am 31.10.2014 auf Jazz Village erschienen.

SomeVapourTrails

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