Geschichtsstunde in Sachen Groove – Romare

Man kann in Collagen nur das Schnipselhafte, aus jeglichem Kontext gerissene Stückwerk sehen. Man darf in Collagen aber auch die Kunst begreifen, die Essenz von Dingen zusammenzutragen und zu einem Überblick zu verdichten. Der afroamerikanische Künstler Romare Bearden verstand die Collage als Chance, die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger aufzuarbeiten, die sich dadurch verändernde afroamerikanische Identität in Bilder zu fassen. Seine Technik ist die einer starken thematischen Zuspitzung, seine Werke wirken nie zufällig oder willkürlich zusammengesetzt. Das Bild dominiert bei Bearden stets die Schnipsel. Sein Ansatz zeigt eine afroamerikanische Lebenswirklichkeit zwischen Tradition und Moderne. Und auch 25 Jahre nach seinem Tod haben seine Collagen nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Ich muss ehrlich gestehen, dass mir Romare Bearden bislang kein Begriff war. Und daran hätte sich vermutlich so schnell auch nichts geändert, wäre mir nicht dieser Tage das Album Projections des in London ansässigen Elektronik-Tüftlers Romare in die Hände gefallen. Dass der junge Musiker seine Inspiration bereits durch die Namenswahl unterstreicht, hat mich neugierig gemacht. Und wie ich nun hier sitze, mich begeistert durch Beardens Collagen wühle und dazu der Hommage Projections lausche, komme ich aus dem Staunen nimmer heraus.

Die Art, mit welcher sich Romare mittels Samplings auf einen Streifzug durch die afroamerikanische Kulturgeschichte begibt, imponiert ungemein. So entsteht eine soundtrackhafte Reminiszenz, die in Verbindung mit Beardens Schaffen enorme Anziehungskraft entfaltet. Zwei Beispiele: Bei Nina’s Charm dienen ein paar Spoken-Word-Fetzen Nina Simones als Aufhänger, um den herum zunächst Synthies flirren, ehe aus dem Hintergrund ein Gospel-Chor hervortaucht.  Motherless Child wiederum lebt von der Spannung zwischen gesanglicher Spiritual-Klage und einem aufgekratzten Latino-Rhythmus, dieser Gegensatz wird mit einem lachenden Funk-Einschub aufgelöst. Romare zelebriert die afroamerikanische Tanzkultur, etwa beim die Schnittstelle von Techno und Disco ausspähenden Roots. Rainbow tönt als launige Huldigung der Schwulenbewegung der siebziger Jahre. Nach und nach führt uns Romare all die Errungenschaften von Black Music vor Augen. Aus dem Zeitgeistverve vergangener Dekaden gestaltet sich so ein buntes, launiges, keinesfalls auf Blaxpoitation beschränktes Bild. Es präsentiert sich als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde in Sachen Groove. Von schepperndem Blues bis zum House der Achtziger wird einer nach Befreiung strebenden Entwicklung Tribut gezollt, somit Musik als Motor und Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen dargestellt. Prison Blues legt eine gute Portion Verstörung in den verwaschenen wie hypnotischen Rhythmus. Wenn der Besen über das Becken wischt, von fern ein Bläser-Sample irrlichtert und ein Sepia-Schleier über dem Beat hängt, greift alles perfekt ineinander. Es zählt zu den Bravourstücken dieses Debüts.

Der Musiker Romare hat sich vom bildenden Künstler Romare Bearden zweifelsohne die Fähigkeit abgeguckt, das Sample in einen Kontext einzubetten. Beardens Collagen versuchen eine Impression, eine Tradition, eine Geschichte einzufangen, kurzum ein starkes Thema zu setzen – und ähnliches lässt sich auch bei diesen Tracks feststellen. Romare reiht bei diesem Ausflug in die afroamerikanische Geschichte überlegt Kapitel an Kapitel, jedwedes Sample wirkt stets am richtigen Platz, jede Stimmung fein ausgestaltet. Projections ist eine Platte, die sich einer ganz konkreten Idee verschrieben hat. Das gibt es nun wirklich nicht alle Tage und noch seltener bei einem Erstlingswerk. Dieses so respektvolle Eintauchen in die afroamerikanische Kultur ist in puncto Elan und Kohärenz über alle Maßen bemerkenswert. Es macht Laune, es hat Substanz. Mehr kann man sich von Musik nicht wünschen!

projections_cover

Projections erscheint am 20.02.2015 auf Ninja Tune.

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