La tristesse contemporaine – Baden Baden

Wer hätte gedacht, dass ein verschnarchtes deutsches Städtchen für Betuchte als Namenspate für eine französische Indie-Rock-Kapelle fungieren könnte? Baden Baden klingen denn auch keineswegs so, als würden sie sich schon um einen passenden Altersitz bemühen. Ihr bisweilen hymnischer, oftmals tiefgründiger Sound taugt eher dazu, die Welt – und zwar bei Gott nicht nur die frankophone – zu erobern. Dieser Tage ist mit dem Album Mille éclairs ein in seiner Vielfalt von Ausdruck und Stimmung beachtliches Werk erschienen. Diese Platte vereint den Charme des französischen Pop mit der Vitalität des Britpop. Mille éclairs offenbart sich als Album, das auf Anhieb zündet, durch feine Melodien und eine originäre Ästhetik betört. À tes côtés etwa schwankt zwischen lebensgefühliger Dynamik und nachdenklicher Unsicherheit. Es ist Hymne und Anti-Hymne zugleich und dabei hochgradig stimmig. Ici wiederum besticht als fidele Mischkulanz aus French Pop, Synthie-Dings und Alternative-Bums. Dieses Lied offeriert eine Leichtigkeit im Tralala, eine exquisite französische Note. Ähnlich ergeht es Depuis toi, welches vor allem zu Beginn in seiner latenten Unruhe an Radiohead erinnert, ehe es das gewisse Je-ne-sais-quoi entwickelt, einmal mehr mediterranen Flair versprüht. Hivers lässt dank einer Prise Shoegaze die Gitarren dezent schrillen, L’élégance avec dagegen zitiert sich quer durch die britische Musikgeschichte der letzten 10 Jahre (Placebo, Doves, etc.). Vor allem gegen Ende der Platte gelingt die ganz, ganz große Kunst, die auch vor manch ki­ne­ma­to­gra­phischer, ja sogar post-rockiger Bedeutungsschwere nie zurückschreckt (Criminel).

Mille éclairs sei das erste Albumhighlight des Jahres 2015, hat der Bloggerkollege von Coast Is Clear gestern verkündet. Dem will ich gerne zustimmen, denn Baden Baden sind stets auf Zack, bleiben vor allem ohne Wenn und Aber der französischen Sprache treu – und scheinen damit auch verdammt gut beraten. Auf der Webseite der Band wird als eines der Motive dieser Platte eine zeitgenössische Traurigkeit („la tristesse contemporaine“) genannt. Tatsächlich entlädt sich jene Tristesse mit viel Spielfreude und südländischem Esprit und keineswegs in verkopfter, trostloser Manier. Baden Baden mögen zwar bei der Namensfindung eine gewisse Schrulligkeit bewiesen haben, mit ihrer jüngsten Platte freilich stellt die Band ihr internationales Format unter Beweis. Man höre, man staune!

milleeclairs

Mille éclairs ist am 09.02.2015 auf naïve erschienen.

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3 Gedanken zu „La tristesse contemporaine – Baden Baden

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