Schuld und Schicksal, Einschnitt und Neuanfang – Jeff Beadle

Ich will jetzt keine Ode an den Vollbart anstimmen. Dazu ist der Vollbart durch die schiere Masse an Hipstern endgültig diskreditiert. Früher freilich hatte der Vollbart eine Aura rustikaler Authentizität oder der bürgerlicher Vornehmheit. In erstere Kategorie fällt der Vollbart des kanadischen Folksängers Jeff Beadle. Sein Anfang des Monats erschienenes Album Where Did We Get Lost ist ein knorriges Stück Musik ohne jegliches Pipapo. Beadle und seine Gitarre berichten von Träumen und deren Scheitern, von der Liebe mit all ihren Krisen, von Abschieden. Sein Storytelling schöpft aus dem Alltag, es greift aus dem Leben und beschert uns dadurch eine schmerzliche Echtheit. Diese Songs verschanzen sich nie hinter Fiktionalität, sie scheinen eher dem Tagebuch entnommen, wirken echt und schmerzhaft wahr. Geschichten derart zu erzählen, sie emotional zuzuspitzen, sodass sie greifbar und wirklich geraten, all das unterstreicht die therapeutische Qualität von Musik. Natürlich ist mir bewusst, dass Lieder immer ein Werk der Imagination sind und keinen dokumentarischen Charakter haben. Beadle ist seinem lyrischen Ich jedoch verdammt nah. Genau deshalb erzeugt er beim Hörer Gänsehaut, etwa mit dem intensiven Single Mothers, Single Fathers. Hier werden Enttäuschungen auf starke Weise verdichtet, die Tiefpunkte eines Lebensentwurfs schonungslos präsentiert: „We were bright eyed naive lovers,/ Payed no attention to the numbers./ Bought a home deep in the suburbs./ We got lost somewhere in love./ Now it’s late nights at the office./ When I ask I’m told to drop it./ When that starts you just can’t stop it/ Then the whole thing falls apart./ And I can’t help but reflecting,/ Was it me doing the neglecting,/ Was it her that fell rejected straight into another’s arms.„. Beadles bedauernder bis bitter bilanzierender Gesang verfehlt seine Wirkung nicht.

Immer wieder stellt sich der Kanadier die Frage, wo genau seine Protagonisten auf der Straße des Lebens wohl falsch abgebogen und in der Sackgasse gelandet sein könnten. Und oft ist es ein mühsames Aus­ei­n­an­der­kla­mü­sern, ein Unterscheiden von eigener Schuld und Schicksal. Lover Down etwa kann den Tod der Angetrauten nicht überwinden, ringt um einen zaghaften Neuanfang („Hate grief and drinking, bed ridden, gazing, it’s been a year since I laid her down./ Would you forgive me if I met another lady and fell in love again?/ I’m not trying to forget or find your replacement, I just need someone near me now.„). Es droht an der Bürde des Schicksal zu zerbrechen. The Hardest Part wiederum schafft es nicht, von einer gescheiterten Beziehung abzulassen. Es versagt an der eigenen Schwäche, verschiebt das Ende auf morgen. Beadles gestrauchelte Seelen stellen sich existentielle Sinnfragen („Where do I fit in, where do I belong?/ That gets harder to answer as these days go on./ I don’t want to grow old, bitter, cold and in denial.„) und oft wird die Antwort von Hoffnungen befeuert (1st Of July). In all den Geschichten versuchen die Protagonisten meist irgendwie auf die Beine zu kommen, nicht zu kapitulieren, sich eine Neugier auf den Fortgang des Lebens zu bewahren. Der moralische Kompass scheint noch nicht aus den Augen verloren, eine zynische Sicht auf die Dinge noch nicht angeeignet. Eine Gitarre und eine Mundharmonika dominieren Lost Living, dass das uralte Grübeln nach einem Mehr im Leben thematisiert („There has got to be more to life than trying to find another axe to grind,/ Working steady only to get by on what little that we have.„). In diesen Momenten bildet dieses Album die nachdenkliche Essenz der Folkmusik ab.

Mit diesen Impressionen aus dem Kleineleutemilieu erweist sich Jeff Beadle als Chronist unserer Zeit. Als jemand, der die Wahrheit des Alltag in die Musik überträgt, der dadurch jegliche bauchgefühlige Nabelschau überwindet. Where Did We Get Lost schildert auf angenehm unprätentiöse Weise Einschnitte und Neuanfänge, Wendepunkte und Zwiespälte. Es schöpft aus dem Repertoire tagtäglichen Scheiterns – und gibt dennoch nicht auf.

wheredidwegetlost

Where Did We Get Lost ist am 06.02.2015 auf Butterfly Collectors erschienen.

Konzerttermine:

27.02.2015 Aachen – Raststätte
28.02.2015 Offenbach – Hafen 2
01.03.2015 Wien (AT) – Cafe Benno
02.03.2015 Graz (AT) – Scherbe
05.03.2015 Luzern (CH) – Neubad
07.03.2015 Saarbrücken – Manufaktur der schönen Dinge
10.03.2015 Bielefeld – Forum

Links:

Offizielle Homepage

Jeff Beadle auf Facebook

SomeVapourTrails

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