Wundertüte von einer Rockoper – His Name Is Alive

Wenn ich den Inhalt von Tecuciztecatl richtig begriffen habe, dreht sich die Geschichte um eine junge Frau, der bei einer Ultraschall-Untersuchung mitgeteilt wird, dass sie mit Zwillingen schwanger sei. Statt Freude kommt jedoch Entsetzen auf, weil ein Zwilling wohl abgrundtief böse scheint. Die Frau wendet sich daraufhin an einen Bibliothekar, der sich nebenbei als Dämonenjäger verdingt. Zusammen mit ihm versucht sie, den bösen Embryo in ihrem Bauch zu töten, ohne dabei dem anderen Kind Schaden zuzufügen. Klingt wie aus einem billigen Horror-Trash-Movie entsprungen? Das ist zweifelsohne so beabsichtigt. Tecuciztecatl will eine psychedelische Rockoper sein, die den Hörer irritiert und fesselt. His Name Is Alive, das schon seit 25 Jahren bestehende Projekt von Mastermind Warren Defever, hat sich in all den Jahren vorwiegend in der Indie-Nische versteckt und der Unberechenbarkeit gefrönt. His Name Is Alive ist eigentlich eine Misserfolgsgeschichte, weil die unzähligen Sängerinnen der Band, die immer wechselnden stilistischen Ausrichtungen jedwede Wiedererkennung stets torpedierten. Defever war und ist ein einfallsreicher Kopf, der seinem Schaffen jedoch nie ein Mindestmaß an Kohärenz einzuhauchen vermochte.

Auch das neue Werk Tecuciztecatl reiht sich nahtlos in die Eigenartigkeit des gesamten Œu­v­res ein. Denn der Kontrast zwischen der säuselnden Stimme Andrea Moricis und dem bombastischen Prog-Rock wird beispielsweise beim eröffnenden The Examination überdeutlich. In diesem Moment sind Defever und Mitstreiter dem Genie ebenso nahe wie dem Wahnsinn. Es ist ein großkalibriger Track, wie zumindest ich ihn so von His Name Is Alive noch nicht kannte. Auch das schaumgebremstere See You in a Minute funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, um ein treibendes Rock-Riff tänzelt Moricis raunend-heller Vortrag. Wer sich dazu noch die eingangs ausgeführte Geschichte vergegenwärtigt, wird aus dem Staunen so schnell nicht herauskommen. Schon gar nicht bei Reflect Yourself, das Siebziger-Rock mit ätherischen, verträumten Einschüben kombiniert. Die Chose wirkt so abstrus wie grandios, vor allem versteht sie sich trotz des Bekenntnisses zu Horror-Trash nie als Persiflage. Erst zur Mitte der Platte schimmert wieder in etwa das durch, was His Name Is Alive mal mit anderen Genres verbunden hat. Erst das leichtgewichtigere I Will Disappear You und das schlichtweg liebliche, folk-poppige I Believe Your Heart Is No Longer Inside This Room lassen vergangene Zeiten aufleben. Mit dem im wahrsten Sinne des Wortes plätschernden African Violet Casts a Spell wird Ethno-Flair auf Album gezaubert, gegen Ende macht sich dann Sechziger-Pop breit (Yes Yes Yesterday), das finale The Cup hat sogar eine meditative New-Age-Seligkeit im Talon. Und während die letzten Töne bereits verklungen sind, grübelt man noch immer, wie die zunächst dominante Rock-Ästhetik im Verlauf der Platte derart unter die Räder kommen konnte. Jeglicher Kohärenz, die His Name Is Alive eigentlich schon immer gefehlt hat, wird auch hier einmal mehr ins Gesicht gespuckt.

His Name is Alive ist ein Exempel in Sachen Stückwerk. Auch diesmal bricht Warren Defever völlig unvermittelt mit dem Konzept der Rockoper. Das mag den Hörer fürs Erste aus der Bahn werfen, letztlich überzeugt Tecuciztecatl trotz aller Inkonsequenz. Vor allem weil es sich und den Hörer noch zu überraschen vermag. Weil es die eigene Vision ins Schlingern geraten lässt, nie Erwartungshaltungen abarbeitet. Vielleicht ist der Makel dieses Projekts dadurch auch sein Trumpf. Es ist die Sorte Wundertüte, in die hineinzusehen tatsächlich noch lohnt.

tecuciztecatl

Tecuciztecatl ist am 31.10.2014 auf London London erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

His Name Is Alive auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.