Einen Schritt neben der Realität – Kejnu

Gefühlt erscheinen 10 Millionen Alben pro Jahr. Und selbst der verwegenste Musikfan wird wohl kaum mehr als eine Platte pro Tag erlauschen können, Sorgfalt vorausgesetzt. Ich persönlich brauche schon mal eine Woche, um mich mit einem Werk wirklich vertraut zu machen. Am 20 Songs umfassenden Doppelalbum Centillion der Schweizer Formation Kejnu knabbere ich jetzt sogar schon mehr als einen Monat. In der Zwischenzeit habe ich so einige positive Besprechungen des Albums gelesen. Und so treffend sie durchaus auch sein mögen, tragen sie zumindest zu meinem Verständnis der Platte nicht gänzlich bei. Centillion erscheint mir noch immer als Buch mit sieben Siegeln. Natürlich stimme ich dem Kollegen Nicorola in seinem Urteil zu, wonach sich „melancholische Gesanglinien, flirrende Gitarren, dezente Elektronik und bittersüße Melodiebögen“ wie ein roter Faden durch die Lieder ziehen. Und freilich irrt auch der Kollege von den Schallgrenzen nicht, wenn er das Werk als „eine fragile, unbestimmte Mischung aus Indie-Rock und Pop, Ambient, Electronica und Trip-Hop“ definiert. Was mich aber fast um den Verstand bringt, ist die Tatsache, dass ich der Stimmung, die mich beim Hören befällt, kein passendes Adjektiv verpassen kann. Fraglos ist eine gewisse Weltflüchtigkeit und Verträumtheit im Spiel, ohne Zweifel erinnert der leicht wimmernde Vortrag an einen Thom Yorke ohne Macken. Aber in diesem Wirrwarr an Ideen schwingt neben zärtlicher Ernsthaftigkeit noch ein Sentiment mit, dem ich schlicht nicht habhaft werde. Mir erscheinen die Songs gleich Echos, deren Ursprung vage bleibt. Irrlichternde Gedankengespinste irgendwie, die sich nicht dingfest machen lassen.

Centillion wirkt mit seinen 20 Liedern schlichtweg überdimensioniert. Die Band wäre besser beraten gewesen, die Tracks auf 2 unterschiedliche Alben aufzusplitten. Für das eine wäre der Begriff Weltklasse dann gerade gut genug ausgefallen. Die in den ersten vier Titeln aufkeimende Atmosphäre gehört nämlich mit zu den schönsten musikalischen Momenten, die 2015 bislang hervorgebracht hat. Egocentrix krabbelt und kribbelt, immer wieder geistern Synthie-Nebeln durch die Szenerie, erwartungsvolle Unruhe macht sich breit. Und dazu schleicht Nuél Schochs Gesang suchend herum. Mit Boxus/Hood folgt eine weitere Glanztat. Es entwickelt Qualitäten, wie man sie etwa von Sigur Rós kennt. Schwelgt anfangs dahin, ehe es im Verlauf quasi aus dem Nichts zur dramatischen, inbrünstigen Indie-Hymne aufbraust. Welch großer Gänsehautmoment! Stormy Eyes knüpft an die entrückt-sehnsuchtsvollen Stimmungen famos an, bevor mit Tacitum ein weiteres Mal sämtliche Register gezogen werden. Die Melodie jeglichen Vergleichen mit den frühen Radiohead allemal stand. Nach diesem anbetungswürdigen Auftakt, der nach Adam Riese gerade einmal ein Fünftel der Platte ausmacht, verlieren Kejnu freilich ein wenig die Kohärenz. Nicht jeder Track zündet – verständlicherweise. Und dennoch finden sich noch genug Perlen, beispielsweise die Synthie-Elegie November oder das wie durch einen Tagtraumschleier tönende Hexa. Die wunderbar roboterballetthafte Sci-Fi-Kulisse von The Droning, kontrastiert von einem voll Leidenschaft jammernden Gesang, setzt sich ebenfalls dauerhaft in den Ohren fest. Weiters betört das nach Nähe verlangende Inner/Outer („Am I the only one here?/ Please tell me I’m not„). Silhouettes, das mit einem ausgesprochen eingängigen Refrain aufwartet, sowie das in andächtigem Indie-Folk-Pop gehaltene Red Giant Goatman sollte man sich als Rosinen herauspicken. Zum Ende hin vollzieht Centillion einen eher unerwarteten Schwenk gen Retro, das finale Duiker mutet fast so an, als hätte sich ein zugedröhnter Hippie-Singer-Songwriter samt Gitarre in den Sonnenuntergang gefläzt.

Wie ich es auch drehe und wende, Centillion entzieht sich meinem Zugriff. Diese Platte behält ein kleines bisschen Geheimnis für sich, ist auf gewisse Art und Weise unnahbar, dabei freilich nie abweisend. Kejnu wagen ein unscharfe Romantik, ein Fühlen hinter einem Schleier, eine Schwelgen im Traum. Und diese Erkenntnis bringt mich wiederum zum eingangs hängeringend gesuchten Wort, um meine Empfindung dieses Albums zu vermitteln. Centillion ist trancehaft, im Fühlen stets einen Schritt neben der Realität. Es werden dieses Jahr sicherlich noch ein paar Millionen von Platten erscheinen, mit der atmosphärischen Tiefe dieses Werks werden sich jedoch nur wenige messen können. Solch Klasse muss man mal hinbekommen – und dann als Schweizer erst!

kejnu-centillion-cover

Centillion ist am 30.01.2015 auf popup-records erschienen.

Links:

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