Leben als Glückssache – Courtney Barnett

Courtney_Barnett_2015_5

Wenn Courtney Love und Sheryl Crow eine gemeinsame Tochter hätten, die sich noch dazu das Postergirl von anno 2015, Lena Dunham nämlich, zum Vorbild nähme, dann würde jenes Töchterchen exakt so klingen wie Courtney Barnett. Die Australierin schafft mit ihrem Debüt etwas, wofür jeder gestandene Künstler das letzte Hemd opfern würde. Sie entwickelt eine ureigenes Storytelling, eine textliche Rafinesse ohnegleichen. Erzähler und Erzählerinnen fallen in der Regel nicht vom Himmel, umso erstaunlicher scheint die Leistung des Erstlings Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit. Barnett versteht es, aus kleinen Episoden und Momentaufnahmen heraus ein Lebensgefühl zu skizzieren. Ihr Vortrag gleicht einem Bewusstseinsstrom, der Wahrnehmungen und Reflexionen ungefiltert rauspfeffert. Zusammen mit einem lärmig-rauchigen, mit Blues unterfütterten Indie-Rock resultiert daraus eine der famosesten Platten dieses Jahres!

So großartig das Album auch ausfällt, es wäre wohl nur halb so gut, wenn es den Track Pedestrian At Best nicht gäbe. „Put me on a pedestal and I’ll only disappoint you. Tell me I’m exceptional I promise to exploit you. Give me all your money and I’ll make some origami, honey. I think you’re a joke but I don’t find you very funny.“ ist ein kompromissloser Refrain, der in bester Riot-Grrrl-Tradition steht, dabei freilich die eigene Widersprüchlichkeit nicht aus dem Blick lässt. Die Rebellion gegen eine Beziehung ist durchaus auch eine Revolte gegen das eigene Selbstbild. Später im Song wirft Barnett lässig die Zeilen „Underworked and over-sexed I must express my disinterest. The rats are back inside my head. What would Freud have said?“ in den Ring. Pedestrian At Best ist rotziger, cleverer Sprechgesang, unbarmherzig punkig, steht für überbordende Emotion und Seelenkrise. Quasi in jedem ihrer Lieder entwirft sie Szenarien, in die sich hineinzuversetzen nicht schwer fällt. Etwa wenn sie nachts in einer heruntergekommenen Wohnung in New York liegt und sehnsüchtig an ihre bessere Hälfte denkt. Während das Ambiente „art-deco necromantic chic“ versprüht, zählt sie die Risse an den Wänden. Diese Einsamkeit des Moments macht An Illustration of Loneliness (Sleepless in New York) zu einer tollen Nummer. Small Poppies dagegen entwirft das typische Vorstadtidyll, wo man vor allem darüber grübelt, ob der Rasen nicht wieder gemäht werden müsste. Doch hinter der Fassade kleinbürgerlicher Seligkeit schlummert der Abgrund, ein Beziehungsfrust, der allmählich in Hass übergeht („I’m sure it’s a bore being you„), sich immer weiter aufschaukelt: („I dreamed I stabbed you with a coat hanger wire.„). Small Poppies strandet in der Sackgasse dessen, was irgendwann mal als Leben gedacht war. Vielleicht begann ja alles da, wo das nachfolgende Depreston anfängt. Mit dem Umzug in ein altes Haus („This place seems depressing, it’s a Californian bungalow in a cul-de-sac.„), welches man eigentlich am besten einreißen und komplett neu aufbauen sollte. Doch noch ist es ein Haus, in dessen Vergangenheit sich lesen lässt: „Then I see the hand-rail in the shower, a collection of those canisters for coffee, tea, and flour, and a photo of a young man in a van in Vietnam.„. Ich könnte mich auf die Schnelle nicht entsinnen, in letzter Zeit irgendeinem Song, der über einen Umzug handelt, gelauscht zu haben. Vielleicht ist das ja Barnetts große Kunst, nämlich so nah am Alltag zu sein und diesen in Geschichten zu gießen. Auch Aqua Profunda! erzählt, was sonst gern unerzählt, präsentiert ein kleines Scheitern, wie es sich täglich einstellt. Barnetts lyrisches Ich besucht das Schwimmbad, möchte ein zufälliges Objekt der Begierde mit Schwimmkünsten beeindrucken, ersäuft dabei fast („sunk like a stone„), nur um nach dem Auftauchen festzustellen: „You and your towel were gone.„. In solch augenzwinkernden Schiffbrüchen liegt Trost – vor allem wenn sie anderen passieren. Die ersten Zeilen von Dead Fox sind erneut zum Niederknien: „Jen insists that we buy organic vegetables and I must admit that I was a little sceptical at first a little pesticide can’t hurt.„. In ihren Lyrics tauchen vertraute Charaktere und Situationen auf, die sie treffend ausformuliert. Sie zeichnet dabei nebenbei eine Generation, die mit Unsicherheiten hadert, sich jedoch auch darüber definiert. Und da wäre ich wieder bei Lena Dunham und ihrer Serie Girls, deren Attitüde ich wiederholt durchschimmern sehe. Gegen Ende diese hochklassigen Werks glänzt Kim’s Caravan, über das allein man lange referieren könnte.  Sei es nun über zugespitzt anklagendes Umweltbewusstsein („The Great Barrier Reef it ain’t so great anymore, it’s been raped beyond belief, the dredgers treat it like a whore.”) oder über Lebensweisheiten der smarteren Sorte („We either think that we’re invincible or that we are invisible when realistically we’re somewhere in between. We all think that we are nobody but everybody is somebody else’s somebody.„). Barnett ist der absolute Gegenentwurf zu all den monothematisch auf die Liebe fokussierten Sängerinnen. Barnett lässt schon mal Liebe scheitern, in der Gewohnheit ersaufen. Aber mehr noch widmet sie sich den Kämpfen und Narreteien des Lebens, ab und an handfesten Verzweiflungen sogar.

Leben ist Glücksache lautet der deutsche Titel einer Kurzgeschichtensammlung der amerikanischen Autorin Lorrie Moore. Auf gewisse Weise findet sich in all der rüpeligen Energie, die Courtney Barnett vermittelt, und in all den Wortschwallen, zu denen die Australierin befähigt ist, auch ein wenig von dieser lakonischen Gewissheit, dass die Selbstbestimmtheit des eigenen Seins mindestens so viel Wunsch wie Illusion ist. Die finalen Worte des folkigen Boxing Day Blues sind wohl nicht zufällig „I’ve got no idea„. Es überzeugt als Erkenntnis der Erkenntnislosigkeit. Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit kredenzt großartige Bilder, strotzt vor Kraft, nur um gegen Ende fast kleinlaut zu werden. Und just in jenem Augenblick wird aus einer ohnehin über jedes Maß vielversprechenden Singer-Songwriterin die fraglos größte Entdeckung der letzten fünf Jahre!

sometimesisitandthink

Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit ist am 20.03.2015 auf Marathon Artists / Kobalt Label Services erschienen.

Konzerttermin:

12.04.2015 Berlin – Heimathafen

Links:

Offizielle Homepage

Courtney Barnett auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.