Unglück, das sich Leben nennt – SoKo

Wenn mir eine Sängerin die Worte „You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you“ in die Kopfhörer flüstert, dann mache ich mir ernsthaft Sorgen. Das meine ich jetzt keineswegs flapsig. Natürlich sehe ich mich in der Lage, den Unterschied zwischen textlicher Fiktion und Realität einzuschätzen. Auch ein Autor, der einen Massenmörder nachts durch die Straßen ziehen lässt, greift letztlich nur zur Feder – und nicht zur Machete oder Knarre. An den Lyrics der Französin SoKo habe ich dennoch zu knabbern. In ihren unglücklichen, bisweilen verzweifelt kämpferischen Texten scheint das Leben immer eine Zehenspitze vom Höllenschlund des Todes entfernt. Vielleicht gehört sich das für ein morbides Riot Grrrl mit Psychobilly-Post-Punk-Attitüde auch so. My Dreams Dictate My Reality steckt mir doch tiefer in der Klemme, als dass man hier von einer himmelhoch jauchzenden, zu Tode betrübten Manie sprechen könnte, wie man sie bei der sensiblen Jugend öfter mal antrifft. Es ist ein fraglos ein fiebriges Dunkel, in das SoKo unseren entsetzt geweiteten Pupillen Einblicke gewährt.

2012 hat die Französin ihr Album I Thought I Was An Alien zwischen Lo-Fi-Folk und schwermütigem Pop angesiedelt und auch damals schon auf spannende Weise spröde und gallig geklungen. Ihr neues Werk holt sich Punk und Goth ins Boot, rückt den Schatten auf der Seele noch mehr ins Scheinwerferlicht. Wenn man SoKo unterstellt, dass sie eine sehr ungestüme wie traurige Persona erschaffen hat, darf man My Dreams Dictate My Reality so einige Qualitäten abgewinnen. Denn es macht aus einer Mücke nie einen Elefanten, vermittelt mit großer Dringlichkeit das Unglück, das sich Leben nennt. Vor allem aber resigniert es nicht nur, bäumt sich meist allem Unbill zum Trotz auf. Schon bei Ocean Of Tears sorgt SoKo mit dem famosen Refrain „You know I am scared to drown/ In an ocean of tears, in an ocean of fears“ für ein Glanzlicht der Platte. Man vermag nachzuempfinden, wie ihr lyrisches Ich in den Sog herbeigeredeter Schuld gelangt („I thought I was a witch/ Was I responsible for the death/ Of all the people that I love the most?„). Unglück provoziert letztlich immer neues Unglück. Kesser fällt Who Wears The Pants?? aus, welches als Plädoyer für die Rechte von Lesben und Schwulen zu verstehen ist („You think that 2 boys is a sin/ 2 girls is somehow sexy/ But in the eyes of god no matter what/ It’s a disgrace, that’s what they say„). In der Summe ist SoKo aber überwiegend mit den persönlichen Defiziten beschäftigt, so etwa im überkanditelten Temporary Mood Swings, wenn sie die inbrünstige Erkenntnis „I am an anti-social mess/ And I suffer from heavy stress“ zum Besten gibt. Geschickt spielt sie dabei mit den Klischees von Göre und Sensibelchen. Mit einem Intro, das an die Glanzzeiten von The Cure erinnert, macht sich der Titelsong My Dreams Dictate My Reality breit. Selbiger ergeht sich in grotesker Weltschwere, träumt in bester Splatter-Manier von sterbenden Menschen: „So you really think this is just a dream/ Coz I see no elephants flying/ No I don’t hear no dolphins singing/ I just see people dying„. Wahnsinn und Verängstigung werden dergestalt greifbar – und die Beklemmung des Album erreicht ungeahnte Sphären. SoKos Persona versteht es stets hervorragend, sich Konventionen zu verweigern und zugleich an der eigenen Vergänglichkeit zu zerbrechen. Ein Liedtitel wie Peter Pan Syndrome spricht ohnehin Bände. Und als bedürfte es noch eines letzten Beweises, hat die Französin das finale Keaton’s Song im Köcher. Der ausnahmsweise folkig gehaltene Track beinhaltet die eingangs zitierte Zeile „You wonder why I hit myself?/ I’m trying to kill the worst of me/ To be the best for you/ To be the best for you„. Jene destruktive Selbstaufopferung ist es, die mir dann doch das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weil hier nicht einfach nur eine Liebe zerbricht, sondern das ganze Ich noch obendrauf.

Wenn man die Platte genau besieht, ergeben all die Mosaiksteinchen das Bild einer völligen Demontage, einer Unfähigkeit zu leben – und zu sterben. Man schaut einer Psychose beim Werden und Wachsen zu. Das erscheint vom künstlerischen Aspekt faszinierend und nie um Intensität verlegen. SoKo macht aus einem kleinen, feinen Post-Punk-Album ein Gruselkabinett fehlgeleiteten Fühlens und wirrer Ängste. My Dreams Dictate My Reality ist über weite Strecken eines der unangenehmsten wie extremsten Alben dieses Jahres. Es will leben – und kommt über Visionen und Träume doch nicht hinaus. Und Hand aufs Herz, drückt dies nicht ein klitzekleines bisschen eine Urangst aus, die uns alle in stillen Stunden ab und an bedrängt?

mydreamsdictatemyreality

My Dreams Dictate My Reality ist am 27.02.2015 auf Because erschienen.

Konzerttermine:

12.03.2015 Berlin – Postbahnhof
13.03.2015 Wien (A) – Flex
14.03.2015 Zürich (CH) – Mascotte
20.03.2015 Hamburg – Molotow

Links:

Offizielle Homepage

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SomeVapourTrails

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