Co­ming-of-Age-Musik eines Ausnahmetalents – Denai Moore

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Es muss schon Ostern und Weihnachten auf denselben Tag fallen, um aus mir einen R&B-Fetischisten oder Soul-Enthusiasten zu machen. Die Londonerin Denai Moore vermag mich dennoch mit ihrem Soul-Pop samt eindeutigen Anleihen beim Singer-Songwriter-Folk um den Finger zu wickeln. Moore präsentiert ihre Musik mit dem Understatement und der Nachdenklichkeit des Indie, verzichtet auf schrille Aufgeregtheit und billigen Glamour, welche Soul und Contemporary R6B heutzutage oft prägen. Ihr Album Elsewhere erweist sich als musikalischer Glücksfall, der auch dem Mainstream verpflichtenden Hörern die Gehörgänge vergoldet. Elsewhere fängt sie alle ein, die Illiteraten, die Media Markt als erste Adresse für CDs erachten, und natürlich auch jene Gourmets, die das Außergewöhnliche in der Musik aufspüren wollen. Dabei ist Moores feine Stimme gar nicht mal über alle Maßen speziell, die Art ihres Vortrags ist es, die so staunen macht.

Dieser Gesang vermag nicht nur geschmeidig-poppig, überwältigend gefühlig zu tönen, sondern auch waidwund, verloren und charakterhaft zu wirken. Er versteht es blendend, sich jedweder Emotion perfekt anzupassen. Das könnte man als Selbstverständlichkeit, aber die Treffsicherheit Moores beeindruckt mich. Weil sie bei aller Ausdruckskraft subtil bleibt, den Bogen eben nie überspannt, das Melisma dosiert verwendet. Und dann wäre da noch ein starkes Songwriting, das sich als Co­ming-of-Age-Musik entpuppt. Stereogum hat Elsewhere als Bildungsroman im besten Sinne bezeichnet, der die Geschichte einer erwachsen werdenden Künstlerin erzählt, die sich all ihre Ängste eingesteht und dabei entdeckt, dass die meisten Niederlagen auch Siege beinhalten. Dem kann ich vollsten Herzens zustimmen. Als eines der Highlights der Platte kristallisiert sich für mich schon der eröffnende Piano Song heraus. Das Zusammenspiel von Piano, Beat und brummend-rauschenden Synthies mit Moores souveränem Gesang gelingt wunderbar. Im Verlauf kommen noch Percussion und Gitarre ins Spiel. Der Hall auf diesem Lied lässt an eine Kathedralen-Akustik denken. „Everything you love kills you“ gibt das zentrale Motto dieses Werks, die Traurigkeit des Heranwachsens, vor. Ähnlich und ebenfalls groß fällt Blame aus. Flaws mit seiner folkigen Gitarre verdeutlicht, warum man Moore nicht einfach als Soul-Sternchen abtun sollte. Oft kombiniert sie um die Ecke, mischt, was laut Routine der Musikproduktion kaum zusammenpasst. I Swore setzt sich mit einer konfliktträchtigen Eltern-Kind-Beziehung auseinander, es offenbart sich als Piano-Ballade, die mehrfach ungeahnt dramatisch und herzzerreißend anschwillt. In solch Moment wirft ihr Soul einen tiefen Blick in die dunklen Winkel der Seele. No Light sorgt für ein weiteres schmerzliches, beklemmendes Singer-Songwriter-Stück, das sich ganz mühevoll vorwärtsschleppt. In jenen kathartischen Passagen dämmert dem Hörer, was für ein Talent hier am Tun und Machen ist. Dem folgt mit Let Me Go eine dieser im Refrain aufgedonnerten Pop-Hymnen, wie sie gegenwärtig eine Florence Welsh wunderbar vorzeigt. Die schlafliedhaften, intimen Strophen werden vom Cinemascope des Refrains grandios kontrastiert.

Soul und R&B verleitet mich in der Regel nicht zu Freudensprüngen. Vielleicht liegt das aber vor allem daran, dass mir selten eine Ausnahmekünstlerin wie Denai Moore ins Ohr hüpft. Elsewhere hat das Zeug dazu, von der Musikkritik als Potential andeutendes Debüt wahrgenommen zu werden. Und wenn Moore eher früher denn später eine Weltkarriere hinlegt, will es wieder jeder geahnt, gewusst, gefühlt haben. Für mich jedenfalls steht außer Frage, dass diese junge Dame von der Insel tatsächlich das Format besitzt, die Rezeption von Soulgesang in neue Bahnen zu lenken. Das täte mal wieder dringend not.

Denai_Moore_Album_Cover_Elsewhere

Elsewhere ist am 17.04.2015 auf Because Music erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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