Empfindungen wie aus dem Tagebuch – Sofia Talvik

Kann man die Traditionen eines Kulturkreises verinnerlichen, so sehr sogar dass man schon Teil davon zu sein scheint? Kann man als deutscher Musiker einen Reggae machen, der jedem Jamaikaner wohlig in die Eingeweide fährt? Oder gar als schwedische Singer-Songwriterin ein Americana-Album basteln, dass nordamerikanische Musikerinnen vor Neid erblassen lässt? Ja, alles eine Frage der Neugier, mit welcher man einer Kultur begegnet. Die weltenbummelnde Schwedin Sofia Talvik etwa hat auf  ihrer neuen Platte Big Sky Country ihre 16 Monate dauernde, sich über 37 US-Bundesstaaten erstreckende Tour nochmals Revue passieren lassen. In diesem Werk schwingt neben ein bisschen rustikaler Patina eine stimmliche Engelsgleiche mit, wie man sie in den Sechziger und Siebzigern im Folk oft gehört hat. Talviks Gesang verströmt eine Sanftheit, ein im besten Sinne blauäugiges Staunen, ihr lyrisches Alter Ego wirkt nie cool, abgeklärt oder gar routiniert. Es ist vielmehr von Situationen, Emotionen überwältigt. So gewinnen ihre Songs an Unmittelbarkeit, Talviks Geständnisse, Sehnsüchte und Empfindungen gleichen mit zärtlicher Handschrift verfassten Tagebucheinträgen. Die Schwedin fängt ein Stück alltäglichen Sehnens und Bereuens ein, verpackt es in einen Sound des ruralen Amerikas, von den Rockies bis zu den Appalachen.

Der Titeltrack Big Sky Country offenbart sich als rastlos-schönes Lied, welches sich auf die Reise durch unzählige Bundesstaaten begibt und auch on the road immer die Sehnsucht nach Zuhause im Herzen trägt („From the red fields of Texas with their oil below/ To the big sky country of Idaho/ I traveled the highways where memories roam/ Of greatness and dreams/ But now I’m going home„). Diese Folk-Pop-Midtempo-Nummer vermag tatsächlich etwas von der Vielfalt und Weite der USA zu vermitteln, die auf jener Reise gesammelten Erinnerungen musikalisch aufzufächern. Das nachfolgende, westernhafte Dusty Heart, Empty Hand beschreibt den unweigerlichen Abschied, wenn sich großmäulige Versprechen letztlich nur als leere Worte entpuppen („I believed the words you spoke to me/ Even though I saw their emptiness/ I thought that if I waited long enough/ They’d finally match your sweet caress„). Talvik gelingt es quasi in jedem Lied, eine das Herz rührende Zeile oder Strophe zu platzieren. Sie muss dabei niemals schmachten oder mit tränenfeuchter Stimme rumkrakeelen. Und vielleicht ist dies ja das skandinavische Element ihres Vortrags, dass sie nämlich Gefühle nie dem Kitsch aussetzt, sondern stets eine reflektive, sich im Zaum haltende Attitüde aufweist. Sogar wenn Herzensangelegenheiten die Seele durchrütteln, bleiben Melancholie und Schmerz und Bedauern in gediegenem Rahmen. A Matter Of The Hearts spürt falschen Entscheidungen nach. „It’s your choices that define you/ All your actions that refine you/ Who you are, who you’ll be/ If you’ll stay, if you’ll leave“ bekennt sich mutig zu Entschlüssen, nur um selbige danach anzuzweifeln. Die Lieder der Schwedin sind nie von Schwarz-Weiß-Ma­le­rei getragen, ihre Musik verbindet die Nachdenklichkeit von Americana mit der der emotionalen Dichte des Pop. Ein weiteres Highlight ist die einzige Coverversion der Platte, nämlich Buffy Sainte-Maries Starwalker. Unter anderem wegen diesem Song verfestigt sich bei mir der eingangs geäußerte Eindruck, wonach Talvik mit dem Kulturkreis und der Geschichte Nordamerikas verschmolzen ist. Ich würde Stein und Bein schwören, dass diese Interpretation die indianischen Wurzeln nicht nur aufgreift, sich dieses Schicksal vielmehr völlig zu eigen macht. Jasmine, Rose & Sage mit seinem tänzelnden Banjo entpuppt sich als zutiefst dankbares Requiem, das in seiner tröstlichen, tagträumerischen Manier ins Jenseits gleitet: „Close your eyes, rest your head and drift away/ She’s waiting there on a lovely summer day/ And those sterile walls will fade/ To Jasmine, Rose and Sage„.  Wie sich diese Stimmung in pittoreskem Sound entfaltet, eben nicht Rotz und Wasser heult, gefällt mir außerordentlich. Talviks Repertoire menschlicher Empfindungen ist wirklich groß. Wie sie die Schwächen des Liebsten als Ausgangspunkt für eine Liebeserklärung nutzt, Liebe über eine Vertrautheit definiert, eben nicht über wild flatternde Schmetterlinge im Bauch, macht den Track So zu einer feinen, kleinen Ballade („I saw the good and bad in you/ I know you now/ And that is why I love you so„). Big Sky Country erzählt vom Sehnen nach Glück, das man so sehr zu erhaschen trachtet wie man ihm zugleich ausgeliefert scheint (Give Me A Home). Und gleich danach kämpft es mit der Resignation, wenn Träume sich verflüchtigen. Fairground begeistert als Lied, das ganz allmählich an Illusionen zerbricht: „I thought that things would change eventually/ That I would find a purpose to this life/ That this fairground would be filled with lights for me/ And that I could be alright„.

Big Sky Country reist dennoch mit leichtem Gepäck. Es hat sachte Melodien, stupenden Gesang und eine akustische Gitarre im Koffer. Sie stellen die Grundausstattung der Platte dar. Dazu gesellt sich eine abwechslungsreiche, dezente Instrumentierung, die natürlich auch eine Lap-Steel-Gitarre im Talon hat. Talvik hat auf ihren Reisen wohl gelernt, dass Musik nicht von Überfrachtung lebt. Was ein gutes Album jedoch unbedingt benötigt, sind Geschichten, authentische Emotionen und textliche Substanz. All das darf man Sofia Talvik bescheinigen. Vor allem kann man sich in ihre Charaktere stets hineinversetzen, sie lassen nicht kalt, sie wirken nie fremd. Unter diesem Aspekt wundert es nicht, dass die Schwedin mit all ihrem Einfühlungsvermögen nordamerkanische Traditionen ganz und gar annimmt. Aus all diesen Gründen wird man in puncto Folk, Country und Americana 2015 kein besseres Singer-Songwriter-Album hören! Daran habe ich keine Zweifel.

bigskycountry

Big Sky Country ist am 14.04.2015 auf Makaki Music erschienen.

Konzerttermine:

18.04.2015 Berlin – Bar Bobu
08.05.2015 Waldenbuch – Oskar Schwenk Schule
05.06.2015 Erfurt – Café DuckDich

Links:

Offizielle Homepage

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