Mikrorebellen & Bestandsaufnehmer – van Kraut

Ist den Lesern heute schon ein unbequemer Gedanke, eine unbehagliche Emotion über den Weg gelaufen? Man sollte sich solch Verunsicherungen ruhig stellen, existenzielle Befindlichkeiten nicht reflexhaft mit Bildchen süßer Kätzchen oder dem Konsum von Trash-TV bekämpfen. Sich guten Gewissens der Melancholie des Bedauerns und einem Grübeln über kleine Dinge hingeben. Diese Botschaft jedenfalls strahlt das Hamburger Gitarrenpop-Duo van Kraut aus, das in kräftigeren Momenten schon mal an Selig erinnert. Das Debüt Strahlen besticht durch lakonische Impulse, greift eine Erinnerung, eine Intuition, eine Beobachtung auf – und sinniert und sinniert. Es sind Gedankengänge aus alltäglichen Situationen heraus, plötzliche Überprüfungen des Gemütszustandes, sogar Mikrorebellionen.

Nehmen wir nur den pfiffigen Indie-Pop-Titel Hausschuhe, mit seinen Zeilen „Ja, das eine Paar Hausschuhe hab ich längst ausgezogen, ich wollt ihn einfach spüren, diesen ungewohnten Boden, das bisschen kalte Füße, das hab ich halt gewagt, der Boden ist nur halb so glatt, wie man das immer sagt.„. Das mutet nach Hamburger Schule an, freilich nach einer bisweilen schüchternen, reduzierten Ausprägung, die Poesie, Intellektualität und Verweigerung nie auf die Spitze treibt. Ich bin so weit lässt hinter sich, kapituliert vor dem, was schief gelaufen ist und in die Irre geführt hat. Es nimmt den Gang der Dinge an, ohne in Reue zu versinken. van Kraut sind Künstler des Augenblicks, Bestandsaufnehmer, die eine Situation mit Stirnrunzeln und zärtlicher Passivität begleiten. Das Duo vermag die Komik und Tragik einer Begegnung schon im Titel aufzudröseln, etwa bei Klassentreffen. Als Glanzlicht der Platte erweist sich Schaufenster, das ins Leere taumelt, Lügen lebt: „Hier stehen wir jetzt auf den Trümmern, die uns widerlegen. Hier stehen wir jetzt zwischen den Kopien unserer Leben.„. In dieser spontanen Ernüchterung liegt eine bittere bis spöttische Wahrheit. Wenn der eigene Lebensentwurf absäuft, man sich auch mit Binsenweisheiten und Phrasen nicht mehr über Wasser hält, fällt die Bilanz schonungslos aus. Schaufenster ist ein Lied, das sich vom allgemein um Sinnstiftung bemühten Deutschpop deutlich abhebt. Es skizziert deutsche Tristesse, wie dies auch Keine Spucke mehr ein bisschen tut. In unvermittelter Desillusion finden van Kraut ihr Metier. Keine Spucke mehr ist jener Titel, der mich an die frühen Selig denken lässt, auch weil es sich zum Ende hin zu einem hopplamäßigen „Hallo, hallo, hallo, jetzt bin ich hier!“ aufschwingt. Wenn das Duo zur Hälfte des finalen Okay aus Pop Indie-Rock macht und den Fehler im System beschwört, wird die kleine Revolte jedoch sofort eingefangen, zu einem lapidaren Tralala eines Neuanfangs umgemünzt („Eigentlich ist das schon okay, immer wieder von vorne anzufangen.„).

Christoph Kohlhöfer (Gesang, Gitarre) und Tobias Normann (Schlagzeug) haben van Kraut als programmatisches Nebenprojekt angelegt, betreiben es als oftmals akustisches Vehikel für plötzlich aufkeimende Verunsicherung. Sie bieten Texte, die einen Moment lang den Finger in die Wunde legen. Schreit unser aller Alltag nicht oft danach, genau dies zuzulassen? Wir werden mit absurden Hysterien und übergroßen Bedrohungsszenarien zugeschissen, dass uns kleinformatiges Scheitern oft kaum bewusst wird. Wir werden mit dem Versprechen vom ganz großen Glück und ewigem Viagra derart zugemüllt, dass uns das kurze Aufatmen irgendwie durch die Lappen geht. Strahlen setzt diesbezüglich Kontrapunkte – und sollte gerade darum nicht überhört werden.

van Kraut_Cover_Front

Strahlen ist am 27.03.2015 auf OMAHA records erschienen.

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