Vom Botschafter zum Erneuerer – Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba

Bereits vor einigen Wochen habe ich damals noch voller Vorfreude auf ein für Ende April angekündigtes Album aus der Kategorie Weltmusik hingewiesen. Dieser Tage nun ist die Platte erschienen und der Künstler tourt samt Band derzeit durch ganz Europa. Grund genug, den Künstler samt Werk ein wenig genauer zu betrachten. Die Rede ist Bassekou Kouyaté. Der Malier Kouyaté hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ngoni in die Moderne zu überführen. Eine Ngoni bezeichnet eine Laute mit Steg, quasi einen alter Vorläufer der Banjos. Kouyaté denkt das Instrument konsequent neu, belässt es nicht bei den überlieferten drei bis vier Saiten, motzt die Ngoni auf bis zu sieben Saiten auf, elektrifiziert sie noch ganz nebenbei. Zusammen mit seiner Band Ngoni Ba entwickelt er auf seinem jüngsten Album Ba Power einen Afro-Rock, der Tradition und Moderne gleichermaßen gerecht wird. Ba Power geht im Vergleich zum bodenständigen Vorgängerwerk Jama ko einige Schritte weiter in die Welt hinaus, transzendiert zu einem mondial gültigen Stück Musik, ohne dabei dem typisch afrikanischen Groove zu entsagen.

Schon dank des ersten Tracks Siran Fen erweist sich die Platte als Volltreffer. Mit Ehefrau Amy Sacko am Mikrofon, weiters unterstützt von zahlreichen Familienmitgliedern und Gastmusikern, entfaltet sich unter Kouyatés Federführung ein treibender Sound. Viele Stücke geraten so zu Ohrwürmern, zu Boten afrikanischen Lebensgefühls, vermengt mit westlicher Blues- und mehr noch Rock-Attitüde. Wenn etwa bei Siran Fen E-Gitarre und mehrere Ngonis zueinanderfinden, erwächst daraus einer der intensivsten Momente des Werks. Neben diesem Highlight sei unbedingt auch Te Duniya Laban genannt, das man selbst ohne jede Kenntnis der Sprache Bambara als positive Ode an eine im Wandel begriffene afrikanische Identität wahrnimmt. Auch der nervöse, fast fiebrige Rhythmus von Waati bleibt im Gedächtnis. Nicht minder hervorragend fällt der Instrumentalteil von Borongoli ma Kununban aus. Archaischer Elan trifft auf handwerkliche Kunstfertigkeit. Mit solch Liedern kredenzt Kouyaté eine Weltmusik mit Ecken und Kanten, welche die oft bewahrende Komponente dieses Genre geflissentlich ignoriert. Weltmusik hat ja vielfach einen geradezu musealen Charakter, der verhindern möchte, dass das Kulturgut sang- und klanglos untergeht. Doch Weiterentwicklung sollte man nicht bremsen. Ba Power definiert seine Identität deshalb über Wandel, über die Offenheit für Neues. Solch progressives Denken sucht nicht die Anpassung, sondern bleibt selbstbestimmt. Westliche Instrumente wie Schlagzeug, Trompete oder eben E-Gitarre ergänzen das Tun des Maliers, sie bereichern Traditionen, fressen sie aber nicht auf. Wenn ein Altmeister mit dem Renommee Jon Hassell mit seiner Trompete den Track Ayé Sira Bla unterstützt, wird der über die heimatliche Scholle zielende Anspruch der Platte besonders deutlich. Ayé Sira Bla besticht weiters durch Sackos emanzipierten Vortrag. Gerade bei den mir bekannten Formationen vom afrikanischen Kontinent scheint die Fokussierung auf eine weibliche Stimme keineswegs selbstverständlich. Es ist ein weiteres Mosaiksteinchen, welches zur Stimmigkeit der Platte beiträgt.

Bassekou Kouyaté entstammt einer Familie von Griots. Sein Schaffen ist kein Zufall, es wurde ihm in der Tat in die Wiege gelegt. Dass er die Überlieferung mit der Gegenwart versöhnt, dass seine Berufung eine ist, die nicht allein dem eigenen Clan zugutekommt, all diese Entwicklungen hätte wohl selbst er nicht für möglich gehalten. Doch spätestens mit Ba Power und jenen verzerrten Effekten und all den ertüftelten Varianten der Ngoni hat er sich vom Botschafter der großen musikalischen Tradition Malis hin zu einem visionären Erneuerer gemausert. Hier wird das Erbe nicht nur verwaltet und eifrig poliert, sondern in einen neuen Kontext gestellt. Solch Erneuerung bezieht ihre Inspiration von innen heraus  – und sie beschränkt sich keineswegs nur auf Westafrika. Gibt es eigentlich einen triftigen Grund, nicht mit der gleichen Offenheit, die Kouyaté auszeichnet, die Ngoni umgekehrt auch in europäischen oder nordamerikanischen Gefilden zu umarmen? Wenn man Bassekou Kouyaté & Ngoni Ba so lauscht, will einem kein Gegenargument einfallen.

Bassekou-Kouyate-Ba-Power-Cover

Ba Power ist am 24.04.2015 auf Glitterbeat erschienen.

Konzerttermine:
28.04.2015 Berlin – Lido
29.04.2015 Freiburg – Jazzhaus Freiburg
01.05.2015 Basel (CH) – Jazzfestival Basel
06.05.2015 Mülheim – Theater an der Ruhr
07.05.2015 Köln – Kantine
21.05.2015 Karlsruhe – Tollhaus
24.05.2015 Schöppingen – Grolsch Blues Fesitval
25.05.2015 Moers – Moers Festival
05.06.2015 Frankfurt – Das Bett
06.06.2015 Kaiserslautern – Weltmusikfestival Kammgarn
12.06.2015 Reutlingen – Franz K
13.06.2015 Luzern (CH) – B-Sides Festival
14.06.2015 Neuchatel (CH) – Fest

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