Geburt des Gefühlvollen, Renaissance des Geistreichen – Tocotronic

Tocotronic 3 ©Michael Petersohn Vertigo Berlin

Photo Credit: Michael Petersohn/Vertigo Berlin

Hippies und Punks haben in den Sechzigern und Siebzigern als Jugendbewegungen  Lebenswirklichkeiten nachhaltig verändert. Und zumindest in Deutschland wären mit Tocotronic in der zweiten Hälfte der Neunziger Protagonisten für eine neuerliche geistige Wende bereitgestanden. Sie hat nicht stattgefunden, das Potential der Hamburger Schule hat nicht in die Masse ausgestrahlt. Und so stehen wir gut 15 Jahre später bedröppelt da. Und verwechseln den Wunsch nach Differenzierung mit windelweichem Herumgedruckse. bringen Überzeugungen mit Schwarzweißmalerei durcheinander. Revolutionen hie und da haben eine reinigende Qualität, sie werfen über Bord, sie holen ins Boot. Und weil jene Jugendrevolte in den Neunzigern fehlt, haben wir heute diese zeitgeistige Soße, die an Biederheit und Anpassung kaum zu überbieten ist. Die Jugend von heute wirkt seltsam eigenschaftslos. Und die Jugendlichen der späten Neunziger sind 2015 bestenfalls Bionade-Spießer. Wen wundert es da also, dass auch Tocotronic an all den Entwicklungen zu knabbern hatten, zwischenzeitlich die Kapitulation ausriefen und für einige Jahre im Nirvana des Gaga-Dada verschwanden. Nun jedoch melden sich Tocotronic mit ihrem sogenannten roten Album eindrucksvoll zurück. Es wird als Geburt des Gefühlvollen und als Renaissance des Geistreichen in ihre Diskografie eingehen. Das rote Album steht für intelligente, nachdenkliche, ja vertrackte Poesie, die sich juvenile Wünsche, Träume, Ängste bewahrt hat. Unverzagt, nachgerade gedankenvoll und souverän, stehen die Herren Dirk von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail erhobenen Hauptes da, gefallene Revolutionäre, die auf einmal nahbar werden.

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