Großes Besteck, Inkonsequenz und Höchstform – Rocko Schamoni & L’orchestre Mirage

So eine Hommage ans Früher, vorgetragen mit großem Besteck, also samt auf Bossa Nova und Swing getrimmtem Orchester, solch eine Huldigung kann ungemein schick klingen. Oder aber Platzangst verursachen, weil ganz schön viel Orchester in einem Fahrstuhl untergebracht werden muss. Denn jene Chose läuft natürlich auch Gefahr, als Easy Listening die Lifte der Republik zu beschallen. Im Falle von Rocko Schamoni & L’orchestre Mirage scheint Fahrstuhlmusik gänzlich ausgeschlossen, schließlich traut man Herrn Schamoni jedwede Doppelbödigkeit zu – erwartet sie sogar. Wenn es nach Trash tönt, dann ist das wohl so gewollt. Schamoni kann sich Trivialitäten leisten, man würde sie als Absurditäten wahrnehmen. Sein Album Die Vergessenen will als Revue zu Unrecht vergessener, deutscher Lieder verstanden werden. Es leistet sich den Luxus aus der Zeit zu fallen, dabei aber eben nicht unsäglich elegant und gestrig zu wirken oder der Authentizität revolutionärer Epochen in den Hintern zu kriechen. Zusammen mit Bandleader und Arrangeur Sebastian Hoffmann wurde vielmehr ein Sound kreiert, der auch schon mal Pornobalkenästhetik aufwartet. Dieses Projekt karikiert ab und an das eigene Unterfangen, beschädigt dabei jedoch nicht die Lieder, die es würdigen will.

Rocko Schamoni: und orchestre mirage, die vergessenen; foto:kerstin behrendt
Photo Credit: Kerstin Behrendt

Schamoni, das sei den um die Bewahrung von Musikschätzen besorgten Zeitgenossen versichert, interpretiert hier vor allem Lieder, die ihm aus welchem mehr oder minder befremdlichen Grund auch immer gefallen. Aufgrund der ausgewählten Nummern muss die deutsche Musikgeschichte nicht neu rezipiert werden. Der Tausendsassa gönnt sich den Luxus eines ganz und gar inkonsequenten Coveralbums. Weil er eigene Lieder hinzufügt, auch einen Ennio Morricone und einen Caetano Veloso unterbringt. Weil er Musik aus mindestens vier Dekaden in dieser Zusammenstellung würgt. Wenn man sich also mit jener Konzeptlosigkeit abfindet, wird man Die Vergessenen große Freude haben. Etwa am lakonischen Abgesang auf die Liebe, dem Track Rom, der im Original von der NDW-Band Saal 2 stammt und hier in malerischem Latin-Flair tönt. Die geheime Weltregierung von GUZ – ohnehin ein wunderlicher Titel – wird von Schamoni noch weiter in Richtung Persiflage auf Protestlieder und Verschwörungstheorien geschoben. Schamonis höchsteigenes Angela ist eine Hymne auf die Bundeskanzlerin, die vor elegantem Spott trieft, Bläserfanfaren einstreut und gegen Ende unverschämt funky wird. So sieht Höchstform aus. Mit Loswerden findet sich eine weitere Abrechnung mit der Liebe auf dieser Platte. Diese eher poppig gestalteten Version eines Stücks von Die Regierung traue ich Radio-Meriten im Indie-Bereich zu. Die überaus starke erste Hälfte des Albums wird durch Was kostet die Welt abgerundet. Was Schamoni aus dieser Nummer von F.S.K. gemacht hat, ist schlichtweg großartig. Ins Intro ein bisschen Chris Isaak gemischt, den Refrain mit Siebziger-Erotik angereichert, so mutiert ein Underground-NDW-Track zu fantastischem Diskurspop voll ironischer Ecken und romantischer Kanten. Morgenlicht bleibt da dagegen eng bei dem, was Ton Steine Scherben angeboten haben. Manfred Krugs feines Chanson Früh war der Tag erwacht wird bestenfalls angeschwült. Wunderbar poetisch und melancholisch gerät Ist das wieder so ’ne Phase. Die raue Traurigkeit der Lassie Singers wird nun durch eine gefühlige Souligkeit entschärft. Und aus dem melancholischen Indie-Pop von Jeans Team wird bei Das Zelt eine Disco-Hymne, die die persönliche Veränderung, ja sogar Revolution ins Lied hineinreklamiert. Schamoni kitzelt hier einen Weckruf heraus. Wie das zu verstehen ist, wird beim Erlauschen schnell klar.

Rocko Schamoni & L’orchestre Mirage ist mit dieser konzeptionell eher windschiefen Angelegenheit ein tolles Album gelungen, das wahnsinnig viel aus den gewählten Tracks macht. Die Vergessenen mögen vielleicht teilweise zurecht in einer gewissen Obskurität verschwunden sein, die Adaptionen dagegen werden im Gedächtnis bleiben. Weil Hoffmann und Schamoni perfekt zusammenwirken. Weil Schamonis grenzgängerisches Genie nie berechenbar ist. Weil er selbst beim Hang zu Trash ungemein substantiell bleibt. Genug Grüne also, dieses Werk der eigenen Plattensammlung einzuverleiben!

dievergessenen_cover

Die Vergessenen erscheint am 22.05.2015 auf staatsakt.

Konzerttermine:

19.05.2015 Hamburg – Thalia Theater (mit Axel Prahl)
16.06.2015 Frankfurt – Mousonturm
18.06.2015 Berlin – Heimathafen
15.09.2015 Hannover – Pavillon
17.09.2015 Köln – Gloria
18.09.2015 Düsseldorf – Zakk

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