Rädchen und nicht Sand – East Cameron Folkcore

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Gentrifizierung, Fracking, Whistleblowing und der Würgegriff des Neoliberalismus. Es gibt wenige Themen, die im Hier und Jetzt ähnlich unter den Nägeln brennen. Das aus Texas stammende Kollektiv East Cameron Folkcore lässt auf ihrem Album Kingdom of Fear keine einzige Gelegenheit aus, die gegenwärtigen Verhältnisse samt und sonders als Bankrotterklärung einer zutiefst unmenschlichen Zivilisation zu brandmarken. Mit gesunder Wut im Bauch und sehr trotzig geballter Faust spielen sie einen Folk-Rock mit punkigen Elementen, der Außenseiterattitüde eines Tom Waits und orchestralem Südstaatenflair. Kurzum, das East Cameron Folkcore macht deftige Musik für Menschen, denen angesichts der Zustände das Lachen immer öfter vergeht.


Der Zorn des Ensembles richtet sich längst nicht nur gegen gierige Eliten ohne Skrupel, auch die im permanenten Funktionieren Erfüllung findenden Handlanger bekommen ihr Fett weg. Wer schweigt, die Hände aus Furcht in den Schoß legt, macht sich nach dieser Logik mitschuldig. Kingdom of Fear tönt stets schonungslos. Bereits der Opener What the Thunder Said präsentiert sich als als Spoken-Word-Abgesang, der in seiner Tristesse an das legendäre Intro des Albums f♯ a♯ ∞ von Godspeed You! Black Emperor angelehnt scheint. Die Zeilen „It’s the corruption of all reason and rational minds/ Being raped by religion and political swine/ They swallowed all the land just to grow poisoned fruit/ They fill their children full of fear“ fallen so anklagend wie düster aus. In dieser Manier geht es auch weiter, der Titeltrack Kingdom of Fear könnte eine nette, schunkelige Americana-Hymne sein, würde er nicht die Verfehlungen und Unzulänglichkeiten in Vorstadtvierteln besingen: „Still take naps and drink from the bottle/ Still cry without cause/ Not responsible for our own actions/ It’s always someone else’s fault„. East Cameron Folkcore ergehen sich nicht in der derzeit allgegenwärtigen populistischen Folklore, die eine Verschwörung des Es­ta­b­lish­ments gegen den kleinen Mann wittert. Sie nehmen jeden in die Pflicht, lassen Ausreden nicht gelten. Aber natürlich ist ihnen klar, dass die Existenz als Marionette, die sich Monat für Monat abrackert, um all die Rechnungen zu zahlen, definitiv keine einfache ist: „Taking pills now just to smile/ Past is a blur, future’s uncertain/ And the present’s just a bore/ That now I can’t afford„. The Joke und das daran anknüpfende 969 sind von grölender Verzweiflung getragen, blicken in die Seele einer geschunden Kreatur, der das System die Luft zum Atmen nimmt. The Greater Fool wartet mit einem drastischen Rat auf: „Advertisements polluting our space/ Get yourself a can of spray paint, son„. Ist das noch Adbusting oder ein humorloser Kampf gegen Markenindoktrination? Trotz aller Empathie stellen East Cameron Folklore nämlich offensiv die Frage, warum wir nicht endlich, endlich die Rebellion wagen, aufbegehren. Etwa gegen das Fracking, das uns die Industrie als neuesten Schrei der Energiegewinnung schmackhaft machen möchte. Mit schierem Wahn in der Stimme und Folk-Punk als Sound nimmt Fracking Boomtown Fahrt auf. „Fracking down here in Texas/ Fracking up all of the land/ Frack it on down to the water in the ground/ Cause there’s money to be made“ spiegelt die Logik unserer Tage wider. Was Geld bringt, wird gemacht. Ohne Rücksicht auf Verluste! Das Mantra „Greed is winning“ findet sich mehrfach auf der Platte. Es ist das unausgesprochene Prinzip einer Gesellschaft, die nur von Gewinn zu Gewinn denkt. Mit When We Get Home wird ein bis dahin erstaunlich allgemeingültiges Album mit einem gerade in den USA sehr brisanten Thema aufgeladen. Es dreht sich um die Soldaten, die in all den gerechten Kriegen ihr Vertrauen in die Sinnhaftigkeit ihres Tun verlieren. Amerika spuckt seine Heimkehrer wie einen Kaugummi aus, hinterlässt Krüppel. Die Zeile „I hereby resign from holding the line and hold hope for cooperative growth“ fällt vom Glauben an ethische Werte ab und erkennt auch in den Invasionen letztlich nur wirtschaftliche Interessen. Bei Protest Hero wird Chelsea Manning gehuldigt, die dafür bestraft wurde, Kriegsverbrechen aufgedeckt zu haben. Dass ausgerechnet eine Band aus dem  stramm konservativen Texas dem so patriotisch getrimmten Land in die Parade fährt, ist einigermaßen überraschend. Als weiteres Highlight begeistert Our City. „Now I don’t recognize much of my home/ It’s been re-gentrified to push out the poor/ All the friends I know are fighting for air/ While the folks with the dough still try to take what is not theirs“ fasst die Realitäten der Unterschicht und mittleren Einkommen zusammen,  während mit „I served eight years in all/ Revolved through the backdoor of a never ruining war/ And that’s eight years and no change in pay/ While my wife and kids struggled just to eat twice a day/ And on the afternoon that I got home/ The banker showed up with an eviction note“ nochmals das Elend von Soldaten und Veteranen thematisiert wird. Die Stärke von Kingdom of Fear besteht darin, die Nestbeschmutzung zu wagen, ohne dabei besonders ideologisch zu sein. Es benötigt im Grunde gar keine spezielle Weltanschauung zur Unterfütterung, es hält sich an die fraglos brutale, banale Wirklichkeit. Auch bei Newspeak, welches Orwell bemüht, sich der Spionage und der Lügen überdrüssig zeigt. All das führt in den Untergang und eben jenen beschreibt Into Hells Sea. Hier wird das große Drama, die aufgewühlte Emotion zelebriert – und in letzter Konsequenz die Kapitulation betrieben.

East Cameron Folkcore sind in ihrer Unerbittlichkeit erstaunlich, sie speien Gift und Galle. Das Ensemble um Mastermind und Sänger Jesse Moore beschert uns ein hochgradig unangenehmes Werk, das aufbegehrt, nicht nur raunzt. Kingdom of Fear benennt die Heimtücke der neoliberalen Weltordnung anhand von Beispielen. Es klagt an, zuallererst die Verfechter der Macht, doch im Grunde jeden, der Rädchen und nicht Sand im Getriebe ist. Eine radikalere wie wahrhaftigere Platte wird man so bald nicht erleben.

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Kingdom of Fear ist am 10.04.2015 auf Grand Hotel van Cleef erschienen.

Konzerttermine:

23.05.2015 Beverungen – Orange Blossom Festival
24.05.2015 Mannheim – Maifeld Derby
26.05.2015 Saarbrücken – Garage
27.05.2015 Bielefeld – Forum
28.05.2015 Hamburg – Hafenklang
29.05.2015 Husum – Speicher
30.05.2015 Berlin – Magnet
31.05.2015 Jena – Rosenkeller
02.06.2015 Dresden – Groovestation
03.06.2015 Leipzig – Werk 2
04.06.2015 Erlangen – E-Werk
05.06.2015 Wien (A) – B72
06.05.2015 Ulm – Ulmer Zelt
07.06.2015 München – Ampere
08.06.2015 Dornbirn (A) – Conrad Sohm (+ Frank Turner)
09.06.2015 Innsbruck (A) – Weekender (+ Frank Turner)
10.06.2015 Salzburg (A) – Rockhouse (+ Frank Turner)
12.06.2015 Interlaken (CH) – Greenfield
16.06.2015 Köln – Underground
17.06.2015 Trier – Ex-Haus
18.06.2015 Wiesbaden – Schlachthof
19.06.2015 Scheeßel – Hurricane
20.06.2015 Neuhausen ob Eck – Southside
21.06.2015 Duisburg – Traumzeit Festival

Links:

Offizielle Homepage

East Cameron Folkcore auf Facebook

SomeVapourTrails

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