Wohin mit der Wut? – Du Blonde

Wenn O-Töne eines Pressetextes nahelegen, dass Wut der Motor dieser Platte ist, dann bereitet mir das Kopfzerbrechen. Wut treibt Menschen auf die Straße und Revolutionen an, sie macht aber auch kopflos, sie blockiert konstruktive Gedanken. Nur wohldosierte Wut macht Sinn. Im Falle von Beth Jeans Houghton wurde aus einer vielversprechenden Vertreterin von folkigem Chamber Pop eine Aggro-Indie-Rock-Tante namens Du Blonde. Die Umfirmierung fällt radikal aus, Houghton mutiert zur Bitch-Göre, die sich um Ästhetik und Niedlichkeit einen Dreck schert, niemandem mehr gefallen möchte. Doch was ist es, dass sie mit ihrer Vergangenheit brechen ließ? Welche Wut treibt sie an? Im Pressetext findet sich folgendes Zitat: “What am I pissed off about? In no particular order: the free wheeling judgement of faceless accusers online, every man and his dog giving me advice on how to live my life, what to wear, what not to say, how to write songs. Being asked if I’m on my period in business meetings. Being told to ‘just deal with’ misogyny. It’s clear that the message for young girls, in music, business and relationships, is still ‘shut up, do what you’re told and be thankful’.”. Du Blonde will sich so von allen Bevormundungen und Vorurteilen befreien, Frustrationen gleich einem Schlosshund rausheulen. Das Resultat Welcome Back To Milk besticht über weite Strecken durch einen ungehobelten, rohen Sound. Und doch wächst in mir das Gefühl, dass sich die Mittzwanzigerin nicht so anstellen soll. Jedes Alter kennt seine Schattenseiten. „Jungen Dingern“ werden vielleicht bevormundet, Endvierzigerinnen dagegen gleich das Existenzrecht abgesprochen. Niemand ist in irgendeinem Lebensabschnitt wirklich frei, das zu tun, was er oder sie tun möchte.

Welcome Back To Milk funktioniert dank des dreckigen Tonfalls von Jim Sclavunos, seines Zeichens Mitglied bei Nick Cave & the Bad Seeds, weiters beim verrotzen, versifften Projekt Grinderman an vorderster Front dabei. Bessere Voraussetzungen kann man Du Blonde nicht wünschen. Und tatsächlich tilgt der bluesrockige, garagige Altherrensound von Black Flag jedwede Erinnerung an ihr Debüt Yours Truly, Cellophane Nose. Auch der folgende Punk-Rock-Track Chips To Go macht im Zuge der Neuerfindung Sinn. In diesen Momenten kanalisiert sie Zorn und Ärger perfekt, das Ergebnis sind energiegeladene Songs, die für Wirkungstreffer sorgen. Kurz schaltet Du Blonde nun einen Gang zurück. Das exquisite After The Show darf schon eher als Relikt früherer Ausrichtung gelten. In diesem kräftigen, melodischen Ballade blitzt ein wenig die alte Houghton auf. Doch schon mit dem schmissigen If You’re Legal und seinen derwischhaften Bongos wird erneut auf die Tube gedrückt. Zu dieser ersten Hälfte mit ihren vielfältigen Eskalationsstufen kann man sie nur beglückwünschen. Und genau in dieser Tonart und Facettenhaftigkeit geht die Chose auch weiter. Hard To Please klingt nach einer Blondie-Nummer samt Wüstensand-Flair. Mit Four In The Morning kommt gänzlich unvermutet eine Piano-Ballade mit viel Gefühl daher, die so gar nicht herb tönt, die die Singer-Songwriterin durchschimmern lässt. Four In The Morning emanzipiert sich vor allem vom eigenen rabaukigen Vorhaben. Es gönnt sich ein nachdenkliches Glück, eine innehaltende Stimmung. Und mehr noch gelingt das finale Isn’t It Wild, wenn Houghton Wut und Frust überwindet, eine Abgeklärtheit an den Tag legt. Wenn sie die Fesseln ihrer Existenz in der eigenen Wahrnehmung findet. Das Lied mit seinem Micky-Maus-Piano und seinem zärtlichem Resümee „Isn’t it wild how we fight to define/ What we do day to day by the way those round us portray“ staunt auch ein wenig über die eigene Bitterkeit.

Du Blonde ist es tatsächlich gelungen, all die Frustrationen und den damit verbundenen Sturm und Drang in knackigen 35 Minuten abzuhandeln. Welcome Back To Milk weiß zunächst nicht wohin mit der Wut – und wird in dieser Phase von Sclavunos‘ Können aufgefangen. Mit fortschreitender Dauer findet Beth Jeans Houghton zu sich, braucht sich nicht länger hinter ihrem grummeligen Alter Ego verstecken. Dann, ja dann ist alles gut – und eine Singer-Songwriter endgültig erwachsen!

WelcomeBackToMilk_cover

Welcome Back To Milk ist am 15.05.2015 auf Mute erschienen.

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