Zur Überwindung von Zeit – Slagr

Zeit, so glauben wir, sei schon aufgrund Ihrer Messbarkeit eine Konstante des Seins. Dabei ist Zeit allein ein Produkt unserer Wahrnehmung. Zeit existiert dadurch, dass wir diesem Konstrukt aus Sekunden, Minuten, Stunden und Tagen vertrauen. Diesen Umstand sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir der Aussage eines Pressetextes nachspüren, die einem Trio namens Slagr attestiert, dass es der Zeit einen Klang gibt. Wie nur würdigt man Zeit auf Albumlänge? Slagr können ja schwerlich John Cage und seinem auf über 600 Jahre angelegten Projekt ORGAN²/ASLSP nacheifern. Slagr geben Zeit nicht etwa der Lächerlichkeit preis, indem sie ein Projekt in seinen Proportionen hoffnungslos aufblähen. Slagrs Zugang ist weniger ein technischer, vielmehr ein geschichtlicher. Ihr Album Short Stories holt das Gestern ins Heute, wenn es geradezu archaische Melodien erzählt, Klänge aus Epochen anbietet, als Zeit noch nicht ökonomisiert und rationalisiert war. Das norwegische Trio, bestehend aus Anne Hytta (Hardanger Fidel), Amund Sjølie Sveen (Vibraphon) und Sigrun Eng (Cello), vermengt überlieferte folkloristische Traditionen mit avangardistischem Minimalismus. Und so entsteht eine Platte, die tief aus der Vergangenheit schöpft, kontemplative Skizzen entwirft, in der Entschleunigung ein Stück Ewigkeit kreiert. Short Stories wirkt auf mich wie ein steter Tropfen, der ins Wasser fällt, und immer wieder kreisförmige Wellen wirft.

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Photo Credit: Geir Dokken

In den Liner Notes des Albums beschreiben Slagr ihr Unterfangen so: „Short Stories is an attempt to explore fleeting moments and recognise the ephemeral nature of our existence.„. Zeit relativiert sich, je länger die Zeispanne ist, die wir bedenken sollen, desto eher versagt unser Begreifen. Die Flüchtigkeit der eigenen Existenz lässt sich nicht in schieren Zahlen ausdrücken, eher schon dadurch, dass das was lange, lange schon gewesen war, auch noch sein wird, wenn von uns keine Spuren mehr vorhanden sind. Short Stories schwebt im Archaischen, es streicht stoisch und ziellos dahin, schwingt in einem Klang, der Zeit nicht etwa einfängt, ihr eher trotzt. Folkevise etwa erinnert an eine alte Waise, die langsam vor sich hin rottet, währenddessen ihr die zärtliche Melodie abhandenkommt. Gamletun wiederum lässt minimalistisch Töne sickern, es entwirft ein Idyll, das von Veränderung abgekoppelt scheint. Auga ist ein wunderbar edles Stück, welches nach Ambient-Intro fast schon zum Tanz bittet. Die Reinheit des Spiels und das fragmentarische Element der Melodie faszinieren mich ungemein. Årolilja entpuppt sich als der inbrünstigste, beredtste Track, der im Fluss der Zeit mäandert, mal strömt, mal im Brackwasser versiegt. Es sind acht Minuten der Veränderung, ohne dabei auf ein durchgängiges Narrativ zu bauen. Das Stück Skare letztlich leitet sich vom norwegischen Wort für eine feste Eiskruste ab, die sich über weichem Schnee bildet. Und vielleicht sollte man sich genau dieses Bild in all seiner Allmählichkeit und Zeitlupenhaftigkeit vor Augen führen, um das Werden dieses Track zu begreifen, zu genießen.

Der Natur ist der lineare Zeitbegriff fremd, sie agiert zyklisch im Lauf von Jahreszeiten. Zeit ist von Menschen zwecks Messung von Vergänglichkeit ersonnen. Slagr gelingt es, Zeit nicht einfach zu vertonen, das Trio stutzt sie stattdessen auf Bedeutungslosigkeit zurück.  Was Slagr uns mit diesen vorsintflutlich anmutenden Collagen bescheren, lässt uns im Grunde einen Hauch von Ewigkeit spüren. Short Stories überwindet den allgegenwärtigen Druck, den Zeit auf unsere Existenz ausübt. Und gerade deshalb sollten wir uns in dieses Album versenken. Zeit? Sie spielt keine Rolle.

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Short Stories ist am 24.04.2015 auf Ozella Music erschienen.

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