Aus der Tragik der Realität in die Magie von Musik – Sharon Van Etten

Eigentlich möchte ich Knall auf Fall von einer der besten EPs, die ich je gehört habe, erzählen, von einem Stück Musik, welches Beziehungskummer mit eindringlichster Empfindung adelt. Doch bevor ich das tue, muss ich einen kleinen Schwenk auf die Metaebene vollziehen. Künstler wollen uns nämlich in Interviews gerne eine Lesart ihres Schaffens vermitteln. Wenn während eines Filmdrehs, während dem Schreiben eines Buches oder während Plattenaufnahmen ein enges Familienmitglied stirbt, dann soll der Seher, Leser und Hörer dieses Werk gefälligst unter dem Aspekt der Trauer wahrnehmen. Noch schlimmer sind Promofirmen und ihre Pressetexte. Sie liefern quasi Gebrauchsanleitungen zur Rezeption eines Werks aus und hoffen, dass Feuilleton und Fachpresse jene nicht mit allzu vielen eigenen Gedanken verwässern. Kurzum, sobald ein Werk nur einen Funken Tiefgang besitzt – oder besitzen will, wird dem Publikum die Wahrnehmung diktiert. Schade, denn bei den besten Filmen, Büchern und Platten braucht es keine erklärenden Ausführungen, um den Wesenskern für sich zu entdecken und zu verinnerlichen. Als ich die EP I Don’t Want To Let You Down zum ersten Mal gehört habe, sprangen mir Beziehungsschmerz, sämtliche Kämpfe und Verluste, alles Hadern und Bereuen sofort ins Ohr. All das, was Liebe mit uns macht und machen kann, wird hier mit geradezu unsagbarer Intimität und Verletzlichkeit ausgebreitet. Diese EP ist ein famoser Moment persönlichsten Singer-Songwritertums. Kurz darauf las ich auf der Webseite von NPR, einem Zusammenschluss öffentlicher Hörfunksender in den USA, einen Artikel, in dem die Liedermacherin die Hintergründe und Motive der einzelnen Songs erläuterte. Und siehe da, diese Track-by-Track-Beichte vermochte der Emotionalität des Werks nichts hinzuzufügen, was meine Empathie nicht ohnehin bereits erfasst hatte. Die US-Amerikanerin Sharon Van Etten hat in einer wahren Sternstunde die Tragik der Realität in die Magie von Musik verwandelt.

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Photo Credit: Laura Crosta

Jeder Schmerz ist lange schon empfunden, jeder Zweifel längst gefühlt, über Liebe jedes Wort gesagt. Sharon Van Ettens Art des Vortrags, ihr Zaubergesang, macht all das vergessen. Frustrationen, Ambivalenzen, Reue, Erinnerungen, alles klingt so, als hätte es dringend gesungen werden müssen. Zeilen wie „I was something that you just couldn’t feel/ I was something that you couldn’t feel that was real/ I believed you when you shut your eyes and dreamed a dream without me“ legen eine Bitterkeit bloß, der man sich schlichtweg nicht entziehen kann. Bereits der Titeltrack I Don’t Want To Let You Down gerät zur schieren Selbstanklage. Van Ettens Stimme leidet und bedauert, windet sich, ohne dabei je schrill zu werden. Die Musik dazu fällt überraschend folk-rockig aus, kitschig-balladeskes Selbstmitleid ist ihr fremd. Das folgende Just Like Blood dagegen wirft vor: „You set me off just like a gun/ Then you run just like blood„. Wie sich dieser sirupige Orgel-Sound durch die Boxen quält, von stoßseufzenden Streichern begleitet, das muss man gehört haben. Nach den Vorwürfen an sich und den Partner scheint der Zusammenbruch also nur logisch. Doch bricht I Always Fall Apart mit jeder Klimax. Diese Pianoballade birgt Selbsterkenntnis, sie fällt versöhnlich mit sich selbst und dem Gegenüber aus: „You know it’s always been my heart/ You know I always fall apart/ It’s not my fault, it’s just my flaw, it’s who I am„. Sich eben nicht im Leiden zu suhlen, nicht auf Rotz und Wasser zu schielen, macht van Ettens Großartigkeit aus. Bei Pay My Debts krallt sich wieder subtiler Groll der Erinnerung das Mikro. Das erscheint umso glaubwürdiger, denn eine gescheiterte Beziehung lässt sich nicht einfach in einem Liedchen rationalisieren. Die Gänsehaut wird schließlich durch Tell Me besiegelt. Der Track geht durch die Qualen des Danachs, durchlebt die Wendepunkte nochmals, stellt Fragen, die viel früher schon gefragt hätten werden müssen. Die Worte „Tears are falling in the underground/ Falling into thoughts that turn to colours/ The colours are the colours of my thoughts and they’re painting you/ Sometimes I live my own life, my own life“ vermögen den Schmerz nicht abzuschütteln, bestenfalls eine Routine der Trauer anzudeuten. Und liegt darin nicht auch auf gewisse Weise ein winziges Happy End verborgen?

Die traurigen Dinge im Leben brauchen keine hyperdramatische Zuspitzung. In der relativen Nüchternheit dieser EP liegt ihre Wirkkraft verborgen. Emotionalität und Hysterie sind zwei verschiedene Paar Schuhe – und Sharon Van Etten ist sich dessen stets bewusst. I Don’t Want To Let You Down ist ein Glanzpunkt unter den Abschiedssentimenten. Man muss den Hintergrund dieser EP, nämlich Van Ettens Entscheidung für die Musik und gegen eine langjährige Beziehung, gar nicht kennen, um von den angebotenen Gefühlen überwältigt zu sein und ihren Schmerz nachvollziehen zu können. Die Beweggründe einer Platte mögen manches erklären – und fraglos erhellend sein. Wenn ein Werk jedoch aus sich selbst heraus bereits alles, alles erzählt, dann freilich ist es perfekt. So wie in diesem Fall!

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I Don’t Wan To Let You Down ist am 05.06.2015 auf Jagjaguwar erschienen.

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