College-Fantasien vergangener Tage – Cayucas

Es gibt Alben, da kann ich jedes Fitzelchen Text mitsingen. Dann wieder gibt es Platten, bei denen ich inhaltlich nur Bahnhof verstehe. Dancing at the Blue Lagoon fällt ohne jeden Zweifel in letztere Kategorie. Die Stimmung dieses Werks lässt sich zwar leicht in Worte fassen, die Texte der einzelnen Lieder sind jedoch derart assoziationsträchtig, dass sie wohl nur im Hirn ihres Songwriters Sinn ergeben. Cayucas, ursprünglich eine in den eigenen vier Wänden aufgezogene One-Man-Show Zach Yudins, hat mittlerweile Verstärkung in Form seines Zwillingsbruders Ben erfahren. An der Ausrichtung hat sich jedoch nichts geändert. Vor 2 Jahren habe ich das Debüt Bigfoot als sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie bezeichnet. Und exakt jene Atmosphäre kalifornischer Sonne durchzieht auch Dancing at the Blue Lagoon.

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Photo Credit: Dusdin Condren

Wenn man aus den Lyrics die Worte Fraternities, Pom-poms, Swimsuit Calendar, Jacuzzi und Tijuana extrahiert, sieht man sich gängigen College-Fantasien gegenüber. Hier wird mit Melancholie den Freizeitbeschäftigungen und Partyfreuden amerikanischer Teenager nachgehangen, bei denen Alkohol („Sips of rum on ice with an orange slice„), Zigaretten („And the cigarette burns slowly in a copper tinted ashtray„, Sex („She took off all her clothes„) und natürlich Badefreuden („You saw him summersaulting down to the ocean floor„) nicht fehlen dürfen. Ein wenig Wehmut scheint im Spiel, die Sorte Wehmut wohl, die beim Betrachten alter Polaroids aufkommt. Wilde Zeiten irgendwie, die man längst hinter sich gelassen hat. Ab und an wird diese sehr leichtlebige Wohlfühlstimmung unterbrochen, etwa beim surfigen Kammerpop von Big Winter Jacket, das sich an Pläne und Vorsätze vergangener Tage erinnert: „You hatched out a plan/ It was written in the pages of your notebook/ Step by step instructions that you folded up and kept in a box/ But you never, never, but you never forgot„. Das ist stark, edler und tiefgängiger wird die Platte nicht mehr. Mit Moony Eyed Walrus übernimmt Indie-Pop der Marke „Sommer, Sonne, Strand“. Die Stärke Cayucas besteht in aufgedrehten, von der einen auf die andere Sekunde wechselnden Rhythmen, die zunächst eine schwelgerische Seligkeit befördern, nur um kurz darauf der prallen Lust des Lebens hinterherzuhecheln. Hella gelingt das sogar noch besser. Wikipedia kann man zu diesem Wort folgendes entlocken: „Hella is a word associated with Northern California, particularly the San Francisco Bay Area. It is a contraction of the phrase „hell of a“ or „hell of a lot [of],“ in turn reduced to „hell of.“ It often appears in place of the words „really,“ „a lot,“ „totally,“ „very“ and in some cases „yes“.“ Genau darauf bezieht sich mein eingangs geschildertes Problem. Das Patchwork von Erinnerungen wird mit Slang vernäht, sodass man als Hörer selten mehr als die Grundstimmung der Platte wahrzunehmen vermag. Aber der Surf-Jangle-Pop will wohl meist gar nicht mehr vermitteln. Eine Ausnahme bildet da Ditches, dessen Bittersüße durch Piano und Streicher erzielt wird. Es schüttelt die Sommerwonnigkeit ab, es gibt sich Verlusten („The silhouette through her bedroom window/ Is gone/ Is no longer there/ But you were never lost„) und Ängsten („I don’t want to end up/ like this/ down in the sewers/ a sadness you’re not use to„) hin. So nett die karibische Fantasie des Titeltracks Dancing at the Blue Lagoon auch ausfällt, so ansprechend der Hüftschwung anmutet, so sehr ist es letztlich doch ein aus der Reihe tanzendes Stück wie Ditches, das im Gedächtnis bleibt. Und natürlich auch das finale Blue Lagoon (Theme Song), welches sich nur auf Gitarre und Gesang beschränkt, sich mit kargem Singer-Songwriter-Folk weit von dem entfernt, was das Album überwiegend prägt.

Wohin soll die Reise gehen? „Dieses Album ähnelt einem in Würde vergilbten Farbfoto, das die Höhepunkte eines im Zenit der Jugendlichkeit stattgefundenen Sommers erneut materialisiert.“ hatte ich bereits anlässlich des Debüts resümmiert. Im Grunde kopieren Cayucas die Stimmung des Debüts, ohne dabei die tollen Tracks Cayucos [sic!] und Bigfoot zu erreichen. Sobald man sich vom Schema verabschiedet, sich traut, kommen mit Big Winter Jacket und Ditches tolle Lieder zum Vorschein. Dancing at the Blue Lagoon ist keine überragende Platte, eher schon properer Surfboy-Pop mit – zugegeben – Spaßfaktor. Wenn Zach und Ben Yudin die Bruchstückhaftigkeit der Lyrics überwinden, sich musikalisch weiter diversifizieren, wird man an Caycucas freilich noch sehr viel Freude haben. Denn Stimmungsfänger sind sie schon jetzt!

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Dancing at the Blue Lagoon erscheint am 19.06.2015 auf Secretly Canadian.

Konzerttermine:

19.09.2015 Hamburg – Kleiner Donner
21.09.2015 Leipzig – Täubchental
22.09.2015 Berlin – Privatclub
23.09.2015 Düsseldorf – Forum Freies Theater

Links:

Offizielle Homepage

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