Crooner im Kerzenschein – Daughn Gibson

Das soll man sich erst mal trauen! Als unter dem Namen Daughn Gibson wirkender US-amerikanischer Singer-Songwriter einen auf blasierten Crooner machen, der im fahlen Licht der vorgerückten Stunde den eleganten Briten raushängen lässt.  Man fühlt sich an Bryan Ferry und in den dünkleren Passagen sogar an einen Stuart A. Staples erinnert. Carnation offenbart sich als Scheibe voll Chic, die vor allen zu Beginn hinter stimmlicher Samt und Seide geradezu misanthrophisch – zumindest aber verhaltensauffällig – anmutet.

Um in die Abgründe des Albums einzutauchen, muss man eigentlich nur das eröffnende Bled To Death studieren. Sich der eigenen Aufstehung zu verweigern, nicht wieder ins Leben zurückkehren zu wollen, spricht nicht gerade für eine innige Beziehung zur irdischen Welt. Solch Weltabgewandtheit durchzieht die Platte zunächst, gedimmter Sophisti-Pop sorgt für Kontur. Heaven You Better Come In erinnert mich von der Stimmung her an ein Amalgam aus Blacks Wonderful Life und einem Chris Isaac in seinen besten Tagen. Es ist vor allem die verhallte Gitarre, die manch Lieder aus der Griesgrämigkeit englischer Herrenhäuser holt, sie eine Stippvisiste beim Alternative Country absolvieren lässt. Doch überwiegend bricht hier ein US-Amerikaner in die letzte Bastion britischer Tradition ein, aalt sich in vornehmer Schwermut, die sich dem Motte Noblesse oblige verpflichtet fühlt. Das mit bluesigem Einschlag ausgestattete For Every Bite ist eines der Highlights des Albums, auch weil der Sound Lethargie und Seinsschwere für vier Minuten überwindet. Die Zeilen „I’m gonna take a walk out there/ See if I’m visual“ machen Daddy I Cut My Hair zu einem der bedrückenden Stücke. Es spitzt den Eindruck zu, dass Daughn Gibson lyrisches Ich hier der Verzagtheit frönt, geradezu eigenbrötlerisch tönt. Kreiert weiters einen Moment der Verletzlichkeit, wenn dieser distanzierte Charme gleich einer Maske fällt. A Rope Ain’t Enough bemüht sich in der Folge, diesen lauteren Moment wieder zu kaschieren, indem es so sinnlich säuselt, als hätten Roxy Music einen Song zum Soundtrack von Fifty Shades of Grey beisteuern wollen. Beim mitternächtlichen Rock von I Let Him Deal nähert sich Gibson dem Bariton von Stuart A. Staples, dem Frontmann der Tindersticks, an. Wohl auch deshalb gewinnt dieser Song spätestens beim zweiten Hördurchlauf an Gewicht. Sobald die Lieder gitarrig durch die Nacht streunen, lebt die Platte richtiggehend auf. Das gilt auch für Shine Of The Night, das mich an den Indie-Rock der Editors und etwas an die ewig unvollendeten Morphine erinnert. Diese Nummer ist stark – nicht trotz, sondern wegen des eingesetzten Saxofons. In einem der seltenen Augenblicke nehmen die Lyrics Fahrt auf. Auch wenn sie sich mir nicht erschließen, dass es um das Soldatendasein im Irak geht, steht jedoch außer Frage („He called the bet/ On just how many dead/ Fathers in the water/ And children in the sun„). Bei sinistrem Kerzenschein geht es mit It Wants Everything weiter. Drowned in Sound wird diesem Lied gerecht, wenn es Nick Cave ins Spiel bringt: „A veritable cousin of ‘Red Right Hand’ for its slinky, seedy approach, its boozy lyrical perspective spits all kinds of warnings: “You’ve only got a couple of years left” he growls during one break, full of theatrical menace.“.

Fast scheint es, als wäre Daughn Gibson im Verlauf des Albums gedämmert, dass der eingangs forcierte Bryan-Ferry-Gedächtnis-Sound diese Platte nicht alleine trägt. Dass die Attitüde eines allabendlich sinnierenden, Whiskey schwenkenden Nihilisten eventuell Hörer zu irritieren vermag. Carnation erweist sich als das Werk eines Hochbegabten auf dem einen oder anderen Abweg. Ob der Amerikaner Gibson tatsächlich den britischen Crooner geben muss, wage ich zu bezweifeln. Dass er sich jedoch etwas traut, aus dem eigenen Kosmos ausschert, sollte man jedoch positivst vermerken. Wer sich an einer widersprüchlichen Platte abarbeiten möchte, wird Carnation sehr zu schätzen wissen.

carnation_cover

Carnation ist am 05.06.2015 auf Sub Pop erschienen.

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