Im Drama des L(i)ebens – Florence + The Machine

Florence, ach Florence! Quo vadis? So waren meine ersten Gedanken, während ich mir das neueste Werk von Florence + The Machine zu Gemüte führte. Nach dem in jeder Hinsicht überragenden Ceremonials aus 2011, schien jede Erwartungshaltung ohnedies völlig auf den Fugen geraten. Auch darum musste How Big, How Blue, How Beautiful einen Moment lang einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Da Florence Welch mit ihrem vorangegangenen Album die Charts so ziemlich jedes englischsprachigen Landes angeführt hatte, ging es bei der folgenden Platte quasi um weltweiten Ruhm. Und How Big, How Blue, How Beautiful klingt mit jeder Faser nach genau dieser Ambition. Das ist bis ins kleinste Detail ausgestalteter Bombast-Pop samt dramatischen Balladen. Man könnte sogar davon sprechen, dass hier über weite Strecken eine Céline Dion in ihrer Blütezeit auf den Anspruch einer Leslie Feist tritt. Wo Ceremonial noch pastorale Patina ansetzte, ist dieses Werk auf Hochglanz poliert. Und repräsentiert derart das Beste, was Pop für die Radio-Charts heutzutage aufzubieten vermag.

Für die einen sind Charts ihr Ein und Alles, für andere das absolut Böse. Fakt freilich bleibt, dass wirklich gut gemachter Mainstream-Pop keine einfache Sache ist. Und da Florence Welch auch nicht die Sex-Karte spielt, keine Musik macht, die von knackigen Kurven unterstützt wird, eben deshalb muss jede Melodie stimmen. How Big, How Blue, How Beautiful gelingt dies fast immer. Nach mehreren Hördurchläufen weiß ich die Qualitäten dieses Albums immer mehr zu schätzen. Gleich zu Beginn fährt sie mit Ship To Wreck schwere Geschütze auf, wenn sie bei vollem Karacho Schlagseite bekommt. Es ist eine starke Single, die auch wegen der eigenen Lebenslust kentert und nun verkatert tausende rotäugige Mäuse sieht. Das zwischen Gospel und hymnischem Rock angesiedelte What Kind Of Man zeigt eine hadernde, zugleich mit Haut und Haar verfallende Welch in Höchstform: „You do such damage, how do you manage?/ To have me crawling back for more/ And with one kiss/ You inspired a fire of devotion that lasts for twenty years/ What kind of man loves like this?„. So klingt die pure Leidenschaft, der sich Pop immer schon verpflichtet gefühlt hat. Queen Of Peace erwächst zum ebenfalls emotionsträchtigen Titel, der – seien wir ehrlich – von der Güte her beim Eurovision Song Contest derart abräumen würde, dass man diesen Bewerb gar nicht erst austragen müsste. Solch Pop ist mit Pauken und Trompeten auf Emotion getrimmt, Bläser und Streicher unterstreichen die martialische, archaische Schicksalschwere einer Zurückweisung. Bei Florence + The Machine ist Liebe wahlweise Aufopferung oder ungesunde Abhängigkeit, vorerst zumindest. Sie leidet sich die Seele aus dem Leib. Ob Sterne, Sonne oder Naturgewalten, sie sind alle willfährige Statisten im Drama des L(i)ebens. Die zentimeterdick mit Pathos bestrichene Ballade Various Storms & Saints kommt aus vollster Kehle zum Fazit: „Hold onto your heart, don’t give it away„.  Man könnte dies als Banalität abtun – oder aber als heilige Essenz von Pop bejubeln. Ich tendiere zu letzterer Lesart. Delilah heißt der wohl beste Song der Platte, pflegt einen mächtigen, schmissigen Soul-Pop. Hier ist Welch in ihrem Element, brilliert im Vortrag, der sowohl schön hell als auch kräftig und rau zu tönen vermag. Ihrer Stimme ist ein echter Tausendsassa. Sogar in druckvollen Passagen krächzt, plärrt oder schrillt sie nie. Und das ist ein entscheidender Grund, weshalb selbst ein eher unauffälliger, im Refrain arg nach geschwenken Feuerzeugen und illuminierten Smartphones schielender Tralala-Track wie Caught noch zu einem Ohrenschmaus wird. Das Lied Third Eye, das beim ersten Hören eventuell ein wenig untergeht, verdient weit mehr Lob. Third Eye kommt samt und sonders ohne Drama aus, es gerät so positiv-optimistisch, wie Florence nur sein kann. Vielleicht hat  es nicht das Zeug zur Single, zu einem Glanzpunkt jeden Konzert taugt es dafür allemal. Was wohl noch fehlt auf einer Platte, die viele, viele Geschmäcker ansprechen möchte? Vielleicht eine Singer-Songwriter-Ballade, die irgendwie in der Schwebe bleibt, ganz minimalistisch von einem entrückten Keyboard begleitet wird? Dann aufgepasst, es folgt St Jude. Die Zeilen „And I’m learning, so I’m leaving/ And even though I’m grieving/ I’m trying to find the meaning/ Let loss reveal it“ offenbaren eine Heilung, die nach all den Beziehungsqualen der Platte auch bitter nötig scheint. Spitzbübisch könnte man dieser Nummer fast attestieren, dass hier aufs große Kino vergessen wurde. Mit dem finalen Mother wird sich daran wieder erinnert. Jener übersteigerte Gospel-Rock zieht alle Register, man erspäht sogar das Raumschiff, welches Florence Welch besteigt, nun da sie ihre musikalische Mission für dieses Mal beendet hat. So und nicht anders klingt die Himmelfahrt eines Superstars.

Je mehr ich über diese Platte nochmals grübele, desto eindrucksvoller finde ich die Frage nach dem Wohin beantwortet. How Big, How Blue, How Beautiful soll nicht weniger als ihr ganz persönlicher Olymp sein, den Florence + The Machine mit größter Souveränität erklimmen wollte. Das Album möchte Songs aufbieten, die auch in 20 Jahren noch mit melancholischer Reminiszenz im Radio – oder wo auch immer – gespielt werden. Frei nach dem Motto: Das Bester der Zehner und überhaupt! Ob dieses Kalkül aufgeht, kann ich nicht abzuschätzen. Verdient hätte es sich dieser ganz große Pop auf jeden Fall!

Florence And The Machine  Albumcover ©UniversalMusic

How Big, How Blue, How Beautiful ist am 29.05.2015 auf Island Records erschienen.

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