Janusköpfig – Acorn Falling

Diesmal möchte ich ein ausgeprochen stimmungsträchtiges, intensives, abseits des Üblichen angesiedeltes Album erwähnen. Auf 2nd Plateau of Normalcy herrschen zum einen Schwermut und Unheimlichkeit vor, andererseits schwelgt die Platte in anmutigster Ästhetik und Schönheit. Post-Rock-Anflüge, kühler Chamber Pop, Ambient sowie Electro-Verschwurbelungen gestalten es formvollenedet aus. Lars Kivig, seines Zeichens in Kopenhagen ansässig und Hirn des Projekts Acorn Falling, ist ein Werk entschleunigten Erzählens gelungen, welches mit Atmosphären flirtet, allerlei Gemütslagen malt.

Sehen wir uns die Tracks kurz näher an. The Whistle at Tragedy Bay überwältigt als ein sich ganz allmählich aus einem repetitiven Piano heraus entwickelndes, zum Ende hin von groteskem Drama erfülltes viktorianisches Schauermärchen. Bei Cliffhangers Hymn fühle ich mich ein klein bisschen an einen Mark Lanegan erinnert, im eleganten wie lapidaren Abgesang („Save your soul, love can’t hold you now„) tritt feingliedrige Resignation hervor. Von gerade lasziver Geschliffenheit zeugt The Constrictor, bei dem musikalische Effekte das Schlängeln einer Schlange mit großer Finesse nachempfinden. Ein Song von verführerischer Unerbittlichkeit, wie ich meine. As Heaven Went to Hell wandelt sich von einer Klangcollage hin zu Pagan-Budenzauber. Wie Kivig Lieder zunächst treiben lässt und plötzlich in eine Richtung forciert, ist eine der Stärken des Albums. Die Piano-Ballade M/S Humanity stimmt eine ebenbürtige zweite Hälfte an. Was bei diesem Stück mit reichem Hall und nostalgischer Melodie beginnt, wird in der Folge von einem ab und an gegen den Strich gebürsteten Cello in seiner sehr schlichten, edlen Erhabenheit unterstützt. Lost Horizons dagegen lässt Synthies wabern, stellt dem UFO-Pluckern dunklen Kammerfolk entgegen. Durchaus interessant! Sogar noch grandioser erweist sich The Navigator Who Doubted, eine Odyssee durchs All mit einem einmal mehr schicksalhaft gestrichenen Cello. Sonor dargebotenes Spoken Word schildert: „I’m a sailor in space/ On a ship of critical circuits./ Is the my direction? Is this my decision?/ The deep doubt rose in my mind/ And with million of stars as witness/ I became the navigator who doubted.„. Dieses Stück Science-Fiction ist weniger in der amerikanischen Lesart der Eroberung von Galaxien gehalten, vielmehr dem Zugang osteuropäischer Literatur verpflichtet, die den Kosmonauten als Spielball im großen, weiten Universum sieht. Auch zum Ende hin hält 2nd Plateau of Normalcy die Faszination aufrecht. The Shot punktet mit chansonesquer, elegischer Note, sucht den Ausbruch aus der Monotonie. Das finale Eno’s Song for Mom geht ganz und gar in der Glückseligkeit eines Geburtsaktes auf, wirkt wie die streicherglückliche Antwort auf sämtliche düsteren Empfindungen.

„Taumelnde Walzer, nostalgische Streicher-Romantik, seelenvolle Pfeif-Arien, ein greinendes Baby, sanfter Weltschmerz, beunruhigende Störgeräusche, mystische Beschwörungsformeln, ferne Fast-Choräle und handgemachte Electronics: Hier sitzen sie dicht zusammen und versuchen, ihre Seelen zu retten. In einer Welt, in der Gott verlorengegangen ist.“ resümmiert die werte Kollegin Eva-Maria auf Nordische Musik. Ich stimme ihr sehr gerne zu, wenngleich ich finde, dass sie die Zuversicht von Eno’s Song for Mom zu gering gewichtet. Acorn Falling bringt bei diesem Werk Zwielicht und Dämmer zum Erblühen, betört mit dunklen Fantasien, verkörpert zugleich sachte Schönheit und den ewigen Schimmer von Anmut. 2nd Plateau of Normalcy ist auf gewisse Weise janusköpfig, wenn es Tristesse und Weltschmerz mit Erlösungsmoment und Seligkeit verknüpft. Dazu passt, dass der römische Gott Janus auch der Gott allen Ursprungs ist. Wie der Hörer zum Schluss von einer plätschernden Woge des Lebens umspült wird, wie die Platte vom Dunkel ins Licht geht, all das fällt so bedeutungsschwer wie hoffnungsfroh aus! Großartig.

2ndplateauofnormalcy

2nd Plateau of Normalcy ist am 05.06.2015 auf Divine Records erschienen.

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