Odyssee ohne Ziel – Jaga Jazzist

Manchmal ist es so einfach, ein Album im passenden Genre zu verorten. Im Falle von Starfire wäre das ohne Zweifel Post-Prog-Electronica-Jazz-Rock. Klar, oder? Nach 5 Jahren Studioabsenz hat das norwegische Ensemble Jaga Jazzist endlich wieder zugeschlagen, eine Platte fabriziert, die durch allerlei Stile und Musikrichtungen pflügt. Vor knapp 20 Jahren erschien das Debüt der Band, deren Musik mindestens so im Flux ist wie die Bandbesetzung. Zugleich herrscht Kontinuität vor, neben den drei Geschwistern Horntveth sind auch noch Even Ormestad und Andreas Mjøs aus den Anfangstagen dabei. Kopf dieser ungebrochen experimentierfreudigen Gruppe ist Lars Horntveth, ein bisschen Wunderkind, auf alle Fälle leidenschaftlicher Grenzgänger. Auf den ersten, zweiten, sogar dritten Blick wirkt das neue Werk Starfire freilich nicht so zwingend wie etwa One-Armed Bandit aus dem Jahre 2010. Wo One-Armed Bandit eine brillante Mischung aus Bombast und Groove anbot, verquere Ideen mit Eingängigkeit mixte, scheint Starfire nun kleinteiliger, abwegiger – und dadurch ein wenig unzugänglicher. Der Nu Jazz der Band kann so wunderbar funky und trotz all der Komplexität der Arragements letztlich erstaunlich umkompliziert sein. Starfire fehlt mitunter die Magie des Mühelosen, es lässt den intuitiven, verspielten Fortgang vermissen, obwohl es fraglos eine ausgesprochen hörenswerte Platte ist.

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Photo Credit: Anthony P. Huus

Unbestreitbar großartig fällt Big City Music aus, hier ist der Titel ganz und gar Programm. Big City Music imponiert als 14 Minuten irrlichternde, episodenhafte Suite, die tief in den städtischen Kosmos eindringt, eine Art Husarenritt durch unterschiedliche Viertel und Tageszeiten wagt. All die rhythmische Wechsel, die schwankenden Intensitäten, jenes Hin und Her aus Kontemplation und Hektik sowie die Verquickung von digitalen Effekten und Orchester markieren die Highlights der Platte. Wie eine geradezu aufreizend eingestreute Tuba einen ziellosen elektronischen Beat kontrastiert, wie Jaga Jazzist verschiedene Klangteppiche kakophonisch stricken, wie sie Gefiepe mit Prog kombinieren, übermannt den Hörer völlig, lässt Bilderflut auf Bilderflut folgen. Big City Music ist ein Opus Magnum, das Nischenfetischisten schätzen werden. Die Formation hat noch so einen langen Track im Programm, Oban nämlich. Dieser ist weniger puzzlehaft, wenngleich auch hier quasi aus dem Nichts ein Saxofon-Solo eine nostalgisch-atmosphärisches Intermezzo einstreut. Oban setzt im ersten Teil auf einen gedämpften Flow, ehe es danach in verschmalzten Streichern schwelgt – und die Rührseligkeit mit einem Ratatata-Beat bricht. Noch spannender geht es jedoch bei Prungen mit seinen orientalischen Anmutungen zu. Diese Nummer huldigt ausgiebig Ethno-Mysterien, gepaart mit Anleihen vom Easy Listening der Siebziger, schmuggelt einmal mehr irritierende Akzente hinein. Letztendlich bleibt nach ausgiebigem Erkunden des Albums dennoch die Erkenntnis, dass Jaga Jazzist nur beim legeren Titeltrack Starfire mit fokussierter Lässigkeit zu Werke gehen. Hier knüpfen Jaga Jazzist an die Launigkeit von One-Armed Bandit an, öffnen sich für ein breiteres Publikum, indem sie das Stück entwickeln und eine Richtung vorgeben.

Dem Album Starfire mangelt es am Kitt, der die einzelnen Tracks zusammenhält. Das mag von Mastermind Lars Horntveth durchaus so gewollt sein. Allerdings kratzt dies auch an der Faszination, die Jaga Jazzist ausmacht. Denn die Stärke der Formation liegt doch wohl darin, Experimente voller Verve zu präsentieren. Und auf diese Art und Weise eine Masse anzusprechen, die schwierige Kost nicht um jeden Preis schätzt. Denn so faszinierend beispielsweise Big City Music auch tönt, es wird sicher nur von denen mit offenen Armen empfangen werden, die die Norweger ohnehin schon ins Herz geschlossen haben. Starfire driftet ohne Ziel. Und solch einer Odyssee folgt nur, wer wie Jaga Jazzist längst schon angekommen ist.

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Starfire ist am 29.05.2015 auf Ninja Tune erschienen.

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