Schutzlos unter den Sternen – Binoculers

Dream-Folk-Pop mit Singer-Songwriter-Charme beschert uns das Hamburger Projekt Binoculers unter der Federführung von Nadja Rüdebusch. Einen Ausblick auf das Album Adapted To Both Shade And Sun habe ich bereits im April gegeben, nun möchte ich mir dieses mit gelenker Hand und selbstverständlicher Kunstfertigkeit vollbrachte Stück Musik noch ein wenig näher ansehen. Gelungene, auf Englisch gehaltene Singer-Songwriter-Platten aus Deutschland sind zumindest für mich noch immer eine Art Kuriosum. Weit entfernt von jeder Selbstverständlichkeit. Rüdebusch jedenfalls gelingt mit ihrem Vehikel Binoculers eine souveräne, angenehm international anmutende Platte mit einer ganz eigenständigen, verwirrenden Aura.

Der Moment, in dem aus Musik Magie wird, jener Augenblick kommt im vorliegenden Fall durchaus früh. Schon der zweite Song des Albums verzaubert. Where The Water Is Black besticht durch dunkle Poesie und einen anfänglich schleppenden, ganz allmählich jedoch fülliger werdenden Sound. Und irgendwann zur Hälfte dieses Gangs durch die Nacht fallen die Schritte sicherer aus, tänzeln elegant dahin, befunkelt vom hellen Sternenglanz am Firmament („But the stars are the brightest where the water is black“). Mit diesem Lied entfernt sich die Platte rasch von jeglicher deutschen Pomadigkeit. Und es bleibt bei Weitem nicht die einzige eindringliche Nummer dieser Platte! Auch Contrails, feiner Indie-Pop samt kräftig verzerrter Gitarre, wagt abermals den Blick nach oben („Above our heads the contrails fade as fast as waves“) und findet diese Flüchtigkeit dann auch auf Erden wieder. Solch forschende Interaktion mit himmlischen Gefilden setzt sich beim einen Tick zu andächtigen Moonbeams fort. Es ist Nacht, der Mond strahlt hell – und Einsamkeit quillt hoch. Shine And Then Gone wiederum orientiert sich an den frühen Mazzy Star, als deren Dream-Pop noch stark von Folk- und Country-Einflüssen geprägt war. Nach diesem geradezu lichten Intermezzo schwebt das Album mit Agravic rasch wieder im finsteren Äther dahin („Float away in the deep remote sky“). Das Album wird fast ausnahmslos von einer ganz eigenen Atmosphäre getragen, die sich aus Einsamkeit, der Überwindung von Ängsten sowie einer innigen, schicksalshaften Verbindung mit dem Kosmos zusammensetzt. Die Songzeile „Bow and arrow aimed at the horizon“ bringt die Stoßrichtung des Werks auf den Punkt. Dieser Dream-Pop flieht aus der Routine der Tage in eine vage Ferne. Rüdebusch intoniert all das mit intimer Beiläufigkeit, sie kennt kein Drama. Derart funkelt ein Lied wie Bow And Arrow verhalten, lässt seine poetische Kraft („I took the moon out of the sky/ Where now there is a scar“) ganz vorsichtig auf den Hörer regnen. Souvenir entwirft die wohl schönste Szenerie des Albums, wie es so einen Berg hinabschlendert, in der untergehenden Sonne von fern das eigene Haus erspäht, aber eben nicht darauf zurennt, stattdessen im Anblick verweilt, dem Vergehen des Lichts zusieht, sich Elementen und Natur hingibt. Dunkelheit und Kälte behütet, der Blick wird zu den Sternen gerichtet, die gleich Erinnerungen aus der Schwärze leuchten. Wie sich dieses Lied vorhersehbarer Dramaturgie entzieht, eben nicht heimwärts strebt, in einer Art von Schutzlosigkeit verbleibt, unterstreicht die Qualität von Adapted To Both Shade And Sun.

Zusammen mit Daniel Gädicke, der für die Produktion mitverantwortlich zeichnet und als Schlagzeuger wirkt, realisiert Rüdebusch eine zutiefst eigenartige Stimmung, die das Dunkel umarmt wie fürchtet, die im Sternenlicht keine Romantik sieht, die im Grübeln und Träumen keinerlei Antworten findet. All die Lieder von Adapted To Both Shade And Sun beschreiben Zustände ohne Happy End, erreichen keine Ziele, finden nie Ruhe. Es ist ein gegen sämtliche Gewohnheiten, gegen die üblichen Instinkte tönendes Album. Wem der Sinn nach einem intensiven englischsprachigen Singer-Songwriter-Album aus deutschen Landen steht, wird von Binoculers keinesfalls enttäuscht werden!

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Adapted To Both Shade And Sun ist am 19.06.2015 auf Insular erschienen.

Konzerttermine:

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02.07.2015 Rostock – Artquarium
03.07.2015 Magdeburg – Volksbad Buckau
04.07.2015 Ilmenau – Wohnzimmerkultur
05.07.2015 Kassel – Nordstadtpalast
06.07.2015 Karlsruhe – Wohnzimmerkonzert
07.07.2015 Tübingen – Wilhelma
08.07.2015 Freiburg – Slow Club
09.07.2015 Ravensburg – Etage 2
10.07.2015 Darmstadt – Oetinger Villa
11.07.2015 Aachen – Raststätte

Links:

Offizielle Homepage

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