Die Hoffnung stirbt zuletzt – Samantha Crain

Samantha Crain gehört nicht zu jenen privilegierten, weißen Singer-Songwriterinnen, die all ihre  Mittelstandsproblemchen in Lieder packen und stolz damit hausieren gehen. Sie zählt nicht zu denen, die selbst dann noch über Selbstverwirklichung grübeln, während das Leben herum schon längst zu einem einzigen Trümmerfeld geworden ist. Crain ist indianischer Abstammung, vom Volk der Choctaw. Sie kennt Außenseitertum. Ihre Lyrics spiegeln die Wirklichkeit jener Bevölkerungsgruppe wider, die man in den Staaten Blue Collar nennt. Die Texte schildern ein Milieu einfacher Arbeiter, die es nie zu großen sozialen Ansehen bringen werden. Crain blickt auf diese Existenzen nie herab, sie wirft einen Blick in die Existenzen hinein. Und zwar in jene, die trotz Misslichkeiten wie ungewollten Schwangerschaften nicht aufgeben, die sich allerdings zugleich keinerlei Illusionen hingeben. Ihre Charaktere kämpfen verzweifelt um das kleine bisschen Glück. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und genau unter dieser Prämisse sollte man sich diesem Americana-Album Under Branch & Thorn & Tree nähern.

Leben ist Glücksache. Diese lapidare wie wahre Erkenntnis wird man auch in Crains Liedern finden. So etwa beim Song Elk City. Ein wenig Sex mit einem Kerl, der abends nur vorbeigekommen ist, um wie vereinbart die Waschmaschine zu reparieren, kann das Leben nachhaltig verändern („Well that night turned into 9 months/ Sitting on my ass/ Waiting for a baby/ My first and my last„). So werden mit einem Mal sämtliche Pläne über Bord geworfen, man bleibt in einem Dasein verhaftet, welches man so nicht führen wollte. Leben ist Schicksal. Und das meint es nicht immer gut. So kann es geschehen, dass es niemanden wirklich kümmert, wenn man ins Gras beißt. Im ganz auf die Wirkkraft einer Gitarre setzenden Folk You Or Mystery erzählt Crains lyrisches Ich, wie der seltsame, stets laut Wagner hörende, immer mit zugezogenen Vorhängen wohnende Nachbar, dessen Namen sie gar nicht kennt, plötzlich stirbt („My neighbor died on a Sunday/ 35 years old/ Never asked for sugar/ Never said Hello„). Das Lied kulminiert schließlich in der Frage, ob sie nun eigentlich dieses namenlose Individuum vermissen wird – oder eher das Geheimnis, das es zu Lebzeiten umgeben hat. Leben ist auch von den Leuten abhängig, die einen umgeben. Nicht alle haben einen Freigeist als Freundin zur Seite hat. Denn da wäre da noch Kathleen, die einem als lebensfrohe Begleiterin das Leben erträglicher macht. Was für ein kraftvoller, melodischer Track! Leben birgt aber auch ein Lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht. If I Had a Dollar vermag Sehnsucht und Verlust schmerzhaft wie augenzwinkernd darzustellen. Im Refrain „I could buy myself a house/ I could get myself a car/ Have all the tea in China/ Smoke the best cuban cigars/ Go to all the parties/ Where they bring their silver spoon/ Oh if I had a dollar/ For every minute I’m missing you“ wird das Vermissen wunderbar quantifiziert. Traurigkeit kann so unermesslich sein – und nur die besten Schriftsteller oder Songwriter vermögen die richtigen Worte zu finden, starke Bilder zu erschaffen. Crain verpackt ein weiteres ewiges Thema in einen starken Song. Denn Leben bedeutet auch das Loslassen. Das folk-rockige, herbe When You Come Back erzählt die alte Geschichte jenens Schmerzes, der aufbricht, wenn man den Liebsten in glücklicher Zweisamkeit mit seiner neuen Flamme sieht („When you come to the bar could you not bring her?/ I don’t want to see you with another lover/ I been drinking and I’m still bitter/ So when you come to the bar could you not bring her?„). Crains raue Stimme winselt freilich nie herum. Eyeliner, Wimperntusche und Kajal rinnen nicht in Strömen über ihr Gesicht. Sie wirkt wie eine, die Leid verspürt, es aber allzu oft verspürt hat, um noch kopflos durch die Gegend zu laufen. Das nah am Country gebaute Big Rock wählt ein schönes Bild für die aufkommendeVerzweiflung, wenn man in seiner Lebensplanung einfach nicht vorankommt. Jenes Gefühl, dass man in der Mitte eines Flusses auf Grund gelaufen ist, auf einem Felsen festsitzt und nun auf ein Wunder hofft, genau dieses Bild verfängt! Leben birgt leider auch die Gefahr des Kenterns. Im balladesken, pittoresk instrumentierten Moving Day tönt Crains Stimme sanft wie selten. Die Auflösung einer gemeinsamen Wohnung, das Auseinandergehen („Counting boxes on the floor/ That we’ve marked with my name and yours„) wird geradezu herzerweichend zelebriert. Sogar mit der Aussicht auf ein Happy End versehen. Denn die Zeilen „Look we’ve got an empty place/ Nothing left, nothing stayed/ But you’re all I want“ verheißen einen keine Sekunde zu früh angestrebten Neuanfang. Auch das macht ein Leben aus: Ab und an gilt es, Scherben zu kitten.

Samantha Crain führt uns mit ihrem neuen Werk vor Augen, dass in unser aller Leben die Hoffnung immer zuletzt stirbt. Ihre Figuren rappeln sich mal mehr, mal weniger auf, hanteln sich irgendwie weiter. Crain macht aus den Protagonistinnen nie Märtyrerinnen. Sie stilisiert sie nicht hoch, oktroyiert ihnen keine soziale Frage auf. Das vom großartigen John Vanderslice, seines Zeichens selbst ein feiner Singer-Songwriter, produzierte Under Branch & Thorn & Tree besticht einerseits durch virtuoses Storytelling, wie man es sich nur wünschen kann, und andererseits durch einen auf die Essenz fokussierten Sound, der sich die Momente der Entfaltung gut zurechtlegt. Bei Outside The Pale etwa kontrastieren Streicher und geschmeidige Drums die herbe Note, die Crains resoluter, fast ärgerlicher Vortrag birgt.

Mein Fazit fällt simpel aus. Diese Americana-Platte wird auch dann noch Bestand haben, wenn all der schnöselige, egozentrische Singer-Songwriter-Folk längst aus der Mode gekommen ist. Wer pointiert erzählte Geschichten hören will, muss Samantha Crain für sich entdecken!

underbranchthorntree

Under Branch & Thorn & Tree ist am 17.07.2015 auf Full Time Hobby erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Samantha Crain auf Facebook

SomeVapourTrails

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