Ein Dylan-Dilemma – Fraser A. Gorman

Ein ordentliche Dosis Alternative Country, ein bisschen altbackener Rock, dazu eine lupenreine Folk-Ballade und natürlich noch Singer-Songwritertum klassischen Zuschnitts. Solch Ingredienzien machen Slow Gum zu einem aus der Zeit gefallenen Debüt, zu dem man dem aus Down Under stammenden Jungspund Fraser A. Gorman  gratulieren darf. Hinter dem Namen wie Fraser A. Gorman würde man eher einen drögen Romancier mit Ambitionen in Richtung Booker Prize vermuten. Doch weit gefehlt. Gorman verbindet australische No-worries-Lässigkeit mit einnehmendem Americana-Storytelling, besticht mit retroesk gestrickter Stimme.

Natürlich könnte man das Album auch als Ansammlung netter Lieder ohne Essenz abtun. Dann freilich würde man einer Meinung mit dem Rezensenten des Musikexpress sein. Wer will das schon? Man könnte die Meriten der Platte anerkennen und dennoch wie der Guardian zum Ergebnis kommen, dass das Strickmuster der Platte („sunshine-peaking-through-gossamer textures“) stets dasselbe bleibt. Vielleicht liegt auch NME nicht völlig verkehrt, wenn er dem Album unterstellt, dass es alten Sounds neues Leben einhaucht. Ich für meinen Teil habe mir beim Hören von Slow Gum aber gedacht, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte. Vielleicht wollte Gorman mit seinen 24 Jahren die Americana-Szene gar nicht aufmischen, eventuell hatte er nicht im Sinn, einen auf Dylan 2.0 zu machen. Möglicherweise wiegen die Vergleiche zu schwer. Denn dieses Album schreitet in seinen feinsten Momenten mit einer gesunden Portion Staunen und dem nötigen Quäntchen Naivität ans Werk. Es kennt kein Kalkül. Nehmen wir etwa den finalen Track Blossoms & Snow. Eine Mundharmonika, vor allem wenn sie aus Bruce Springsteens famosem Nebraska geborgt scheint, kann man 2015 als Newcomer eigentlich nicht mehr ohne ironische Brechung anbieten. Und wenn Gormans lyrisches Ich dann ausgerechnet bei diesem Song herzensschwer am väterlichen Grab steht, dann ist diese Emotionalität gänzlich unzeitgemäß, hoffnungslos verwundbar. Und somit für kleine Geister in der Redaktion des Musikexpress ein gefundenes Fressen. Womöglich wird man einem Song wie My Old Man viel eher gerecht, wenn man ihn mit einem zeitgenössischen Singer-Songwriter vom Schlage eines Justin Townes Earle oder Ryan Adams in Verbindung bringt. My Old Man bietet Gefiedel und Geschunkel, ohne dabei bieder oder rückständig anzumuten. Auch das softe, lakonische Siebziger-Gedudel bei Book Of Love, getragen von einem herrlich entspannten Schlagzeug, unterhält wunderbar, wenn man nicht nach Vergleichen kramt. Das Lied will ein Mädchen um den Finger wickeln, dessen Mutter Rock beargwöhnt („See you brought your mother along, oh no/ I know she doesn’t like Rock ’n‘ Roll, but let’s go„). Die Anmache „Won’t you be my queen? I’ll be your favourite dancing machine“ hätte antiquierter kaum ausfallen dürfen. Book Of Love mutet wie Bubblegum auf einem Marihuana-Trip an. We’re All Allright lebt vom Widerspruch zwischen feierlichen Sechziger-Bläserfanfaren und hippieskem Country-Rock. Derart vereint es all das auf sich, was Gorman im musikalischen Sinne heilig scheint. Und dann wäre noch Broken Hands, dessen Intonation fraglos förmlich danach schreit, mit dem großen Dylan verglichen zu werden. Natürlich ist dieser Track gut, er deutet allerdings auch Gormans Naivität an. Denn spätestens damit ist er auf einen Vergleich festgepinnt, bei dem er nicht gewinnen kann. Broken Hands ist noch aus einem weiteren Grund interessant, pocht es doch auf das Credo „Country music sounds to me like Rock ’n‘ Roll„. Eben diese Aufgeschlossenheit des Australiers gegenüber Country und Rock wirkt wunderbar zeitgeistfern, geradezu nostalgisch. Apropos, die Sehnsucht nach der guten Zeit tritt beim angecroonerten Sixties-Pop von Dark Eyes wunderbar hervor.

Slow Gum mag vielleicht im ersten Reflex auf seine Dylan-Komponente reduziert werden. Doch wie bereits dargelegt tut man sich und dem Album mit dem Versteifen auf das Dylan-Dilemma keinen Gefallen. Nimmt man Fraser A. Gorman hingegen als aufstrebenden, die Musikgeschichte inbrünstig studierenden Singer-Songwriter wahr, hat man die treuherzige Attitüde verinnerlicht. „There isn’t a whole lot to ‚Slow Gum‘ that you haven’t heard a thousand times before in various different guises through various different decades.“ schreibt Clash Music über diese Platte. Wenn man dies nicht als Makel begreift, sondern darin eine Stärke erkennt, hat man die Intention dieses Werk voll und ganz begriffen.

slowgum_cover

Slow Gum ist am 26.06.2015 auf Marathon Artists / Kobalt Label Services erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Fraser A. Gorman auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.