Ein wenig Fluch und viel, viel Segen eines Nebenprojekts – Dicey Hollow

Heute möchte ich dem werten Leser eine außerordentliche Americana-Platte ans Herz legen. Diese Platte schimpft sich zwar EP, aber angesichts von 6 Liedern und über 29 Minuten Laufzeit erscheint mir dieses Format eher willkürlich gewählt. Hinter dem Namen Dicey Hollow stecken Petter Ericson Stakee und Jamie Biden. Ersteren könnte man übrigens als Kopf von Alberta Cross kennen. Dicey Hollow darf somit als typisches Nebenprojekt verstanden werden, dass die Erkundung eines neues Genres wagt. Im konkreten Fall wendet sich Stakee dem Alternative Country und der sehr vielfältigen amerikanischen Folk-Tradition zu. Die schlicht nach dem Projekt benannte EP fällt in ihren Lieder derart unterschiedlich aus, dass ein genauerer Blick lohnt.

Die von Piano und herzschwerer Gitarre bestimmte Americana-Ballade Silver and Sand darf getrost als stärkster Track einer tollen EP gelten. Der Song besticht durch ungemeine Wehmut, gibt sich dabei jedoch nicht wimmernd, eher nachdenklich und lapidar. Welch schönes Stück! Rose of Maine erfreut zunächst als westernhafte Lagerfeuernummer, die ganz allmählich in optimistischen Country-Rock übergeht. Aus getragenem Twang wird zusehends munteres Geschrammel. Howl At The Moon kommt mit einem selbsterklärenden Titel daher. Und wie schon Rose Of Maine vollzieht auch dieses Lied eine Wendung. Aus der klassischen, ein ganz bisschen käsigen Country-Seligkeit eines einsamen Cowboys erwächst zur Hälfte unvermittelt das, was SPIN in der Beschreibung der EP als „the classic wanderlust stylings of Neil Young“ bezeichnet. Auch in der Folge verstehen sich Dicey Hollow auf die Überraschung, etwa beim wohl ganz bewusst gepresst intonierten North Texas oder dem düster gehaltenen, in Einsamkeit verfallenden Oh, Lonely Muse. Mit dem aus der Tiefe der Südstaaten angebluesten Mizaru endet die EP existentiell schwermütig, so als kratze man alle Verfehlung zu einem Sündenregister zusammen. Die desperate Note sorgt für einen in jeder Hinsicht würdigen Abschluss.

Dicey Hollow haben mit dieser EP etwas vorgelegt, das ohne Frage zum Besten zählt, was man 2015 im Bereich Americana hören wird. Es bleibt zu hoffen, dass diese Kooperation der Herren Stakee und Biden eine Fortsetzung findet. Denn eine dermaßen feine Platte, die Folk, Country und Rock in all ihren Ausprägungen abdeckt, wünschte man sich öfter. Doch leider steht zu befürchten, dass Stakee in nächster Zeit mit Alberta Cross an einem neuen Album werken wird. Womöglich ist dieser Zeitmangel auch der Grund, warum Dicey Hollow nicht zwei, drei weitere Lieder aufgenommen und ihr Werk als LP veröffentlicht haben. Denn das ist wohl der Fluch eines Nebenprojekts: Es muss immer ein wenig zurückstecken. Im vorliegenden Fall völlig unverdientermaßen!

diceyhollow_cover

Dicey Hollow ist am 25.07.2015 auf Dine Alone Records erschienen.

Links:

Dicey Hollow auf Facebook

Kostenloser Download von Silver and Sand auf Magnet Magazine

SomeVapourTrails

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