Mehr als ein Schnipsel für die Musikgeschichte – Duke Ellington

Ich stelle mir das folgendermaßen vor. Man ist gerade mit dem Ausmisten des Kellers beschäftigt und stößt dabei auf eine unter allerlei Krempel versteckte Kiste, in der sich Notizblöcke aus Studienzeiten, diverser Krimskrams und vielleicht sogar Fotoalben verstecken. Und dann ist darin noch ein nie übergebener Liebesbrief. Geschrieben von dem Mädchen, das man vor Jahren sehr geliebt und mit dem man eine schöne Zeit verbracht hat. Mittlerweile lebt sie ihr eigenes Leben, längst ist der Kontakt abgerissen. Doch das, was man nun als kleine Reminiszenz in Händen hält, bringt viel von dem zurück, was die Beziehung einst glücklich gemacht hat. So, meine ich, geht es auch Fans, wenn nach all den Jahren, in denen ihr Idol längst im Himmel weilt, plötzlich wieder ein vergessener Schnipsel Musik auftaucht. Und wenn dieses Stück Musik dann noch als künstlerisch wertvoll herausstellt, dann ist man selig. Zumindest mir ging es so, als vor wenigen Jahren bislang unveröffentlichtes Material von Johnny Cash erschienen ist. Was habe ich da an früher gedacht, als ich Herrn Cash sogar zwei Mal live auf der Bühne stehen sehen durfte. Fraglos verhält es sich mit dem Album, das ich heute erwähnen möchte, ganz ähnlich. Duke Ellington ist auch über vierzig Jahre nach seinem Tod jedem Bildungsbürger ein Begriff. Fans des Jazz und Swing werden ihn heute noch heiß und innig schätzen. Mit der gerade veröffentlichten CD The Conny Plank Session wird eben diesem Duke Ellington keine neue Seite abgerungen werden können – und doch haben diese Aufnahmen einen vor allem in deutschen Breiten musikgeschichtlichen Wert.

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Conny Plank ist jemand, den man auch hierzulande noch – oder wieder – vorstellen muss. Ein Musikproduzent und Toningenieur, der in seinem zu kurzen Leben maßgeblichen Einfluss auf das hatte, was in den Siebzigern als Krautrock die Welt eroberte. Seine Biografie auf Allmusic liest sich demzufolge so: „Konrad Plank is to Krautrock what Phil Spector is to pop music, an inventive producer and collaborator with credits that range from the endlessly influential rock records that came from Germany in the ’70s to obscure and not-so-obscure post-punk/new wave records of the late ’70s and early ’80s.“ Daraus, dass eine Datenbank wie Allmusic Plank diesen Stellenwert zuschreibt, lässt sich erahnen, wie wichtig er für die Musikszene war. Doch ehe Plank mit Kraftwerk und Konsorten Musik neu dachte, war er eben auch ein normaler Toningenieur, der 1970 die Ehre hatte, in einem Kölner Plattenstudio einige Takes des bereits zu Lebzeiten legendären Duke Ellington mitzuschneiden. Nun ist die Entstehungsgeschichte dieser wiederentdeckten Aufnahmen nicht mehr zweifelsfrei festzustellen, doch ist natürlich sicher, dass Plank hier wirklich nur den Sound verwaltete und nicht in Ellingtons Tun eingriff. Unter diesem Aspekt ist der Titel der Platte vielleicht ein bisschen irreführend. Denn Planks Leistung bestand lediglich darin, zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein. Trotzdem ist die Zusammenarbeit der Protagonisten freilich eine interessante Fußnote der Geschichte. Ellington hatte im Jahre 1970 bereits Dekaden von Musikgeschichte mitgestaltet – und Plank würde damit noch im selben Jahr beginnen. Soweit also zur Ausgangslage. Im Grunde waren diese Aufnahmen während einer Europatournee für Ellington eigentlich nur Proben. Er übte und variierte Stücke, um den richtigen Dreh für sein ein Jahr später aufgenommenes Werk The Afro-Eurasian Eclipse zu finden. Unter den geprobten Tracks befindet sich mit den drei Versionen von Afrique denn auch ein Stück, das auf dem folgenden Studioalbum vertreten sein sollte. Der Name Afrique ist dabei Programm, afrikanische Percussion sollte diese Nummer untermalen. Wenn man sdas auf Platte gepresste Original mit der Session in Köln vergleicht, wird manch eklatanter Unterschied deutlich. In der Phase jenes Ausprobierens wurde noch eine Orgel verwendet, sogar mit weiblichen Gesangmotiven experimentiert. Afrique erschallt  hier naturgemäß improvisierter, meilenweit entfernt von der später durch die Trial-and-Error-Methode erlangten Eleganz und Perfektion. Und genau darin liegt auch der Reiz, wie etwa NPR attestiert: „That makes this version more fascinating: It’s a snapshot of Ellington working through a new tune, throwing ideas at the wall to see if they stick. And it’s further proof that, even in his 70s, Ellington was ever on the lookout for new sounds.“. Dem Stück Alerado wurden ebenfalls drei Takes spendiert. Alerado ist ein weitaus gefälligerer, konventioneller Swing, dessen einziger Schnörkel in der bestens gelaunten Orgel besteht. Die nun vorliegenden Probeaufnahmen weichen viel weniger von einer bereits veröffentlichten Version ab. Speziell der einen Tick getragenere Take 3, bei dem auch die Orgel lange nicht so pfiffig tönt, zeigt einmal mehr, dass sogar einem Ellington nicht jeder Kniff aufging.

Konrad_Plank_Hamburg_1971

Wäre da nicht der junge Conny Plank hinter dem Aufnahmepult, würden diese Aufnahmen Duke Ellingtons vielleicht irgendwo verschimmelt. So freilich bringt die vom Label Grönland Records betriebene Wiederentdeckung von Planks Nachlass ein Kuriosum der Musikgeschichte ans Licht. Der historische Wert des Albums The Conny Plank Session ist nicht zu unterschätzen. Und musikalisch gesehen gilt: Verschollene Schätze lassen das Herz der Fans stets höherschlagen. Weil sie eine Neuigkeit anbieten, mit der man längst nicht mehr gerechnet hat. Es ist wie bei jenen eingangs erwähnten ungelesenen Liebesbriefen einer verflossenen Liebe. Wann immer man sie eines Tages entdeckt, ist die alte Seligkeit ganz unvermittelt mehr, denn je präsent.

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The Conny Plank Session ist am 10.07.2015 auf Grönland Records erschienen.

SomeVapourTrails

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