Regional ist besser 5: Bukahara

Ich will kein Loblied auf Multikulti singen. Denn Realitäten würdigt man dadurch am besten, indem man sie als Normalität wahrnimmt. Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedensten kulturellen Hintergründen funktioniert hierzulande im urbanen Raum vielfach gut, es ist doch vor allem die verstockte, von Ängsten zerfressene Provinz, die jede andere Hautfarbe oder andere Religion als Anschlag auf das eigene Selbstverständnis betrachtet. Wenn ich also heute eine Band vorstelle, deren Mitglieder das komplette Spektrum deutscher Lebenswirklichkeiten abdeckt, dann möchte ich die Regionalität dieser Band nochmals hervorstreichen. Diese Formation ist deutsch, nicht trotz des vorhandenen Migrationshintergrundes, sondern weil sie in Deutschland wirkt und werkt. Bukahara besteht aus Soufian Zoghlami, einem Halbtunesier, der die Hauptstimme stellt und Gitarre spielt, Ahmed Eid aus Palästina am Kontrabass, Daniel Avi Schneider mit schweizerisch-jüdischen Background an der Violine und dem für Tuba und Posaune zuständigen Max von Einem. Die Mitglieder von Bukahara sind in Köln und Berlin angesiedelt. Und so bunt wie man sich diese Truppe wohl vorstellen darf, ebenso bunt mutet die Musik an, die das im Mai veröffentlichte Album Strange Delight vorzuweisen hat. Ob Folk-Pop, Klänge vom Balkon oder eben auch orientalische Einflüsse, vielfältige Traditionen greifen wunderbar ineinander. Sind nie Gegensatz, vielmehr stets Ergänzung. Nicht zuletzt darum kann Kunst, in jenem Falle Musik, als Vorbild für ein gesellschaftliches Miteinander funktionieren.

Doch sehen wir uns Strange Delight ein wenig näher an. Der Opener Biography ist Steinchen für Steinchen ein Konglomerat aus Balkan-Swing, Dreißigerjahre-Cabaret-Flair und dem charismatischen, rauen Gesang Zoghlamis. Wer hier bereits ein Leuchten in den Augen entwickelt und die Hüften im Takt kreisen lässt, wird den Rest der Platte lieben. Etwa das verschlurfte Durak, bei dem die Exotik von Morgenland und Balkan gänzlich verschmelzen. Zoghlami ist ein bisschen folkiger Barde und viel Ballsaal-Troubadour, während Percussion, Violine, Kontrabass, Akkordeon und Bläser zum Tanz bitten. All die Fülle von Stilen und Motiven führt freilich nie zum Overkill. Die Mitglieder von Bukahara wissen sehr wohl, wie man Lieder fokussiert, den Hörer dabei um den Finger wickelt. So etwa bei Eyes Wide Shut, das nach reduziert-akustischem Beginn plötzlich in putzmunteren Balkan-Pop umschlägt. Derart hätten die frühen Mumford & Sons klingen können, wenn sie musikalisch in den Süden Europas geschielt hätten. Vor allem zu Beginn Bukahara scheint kein Rambazamba fremd, die Band kommt oft mit einem pffiffen Rhythmus um die Ecke. Alles, was an Folklore in Europa und der näheren Umgebung kreucht und fleucht, wird eingefangen. Der gedämpfte, eindeutig irisch-schottischen Ursprungs tönende Song My Name überzeugt als das Einzelgängertum verklärender, emotional zugespitzter Track. Eine ähnliche Folk-Attitüde beschert das optimistische, von Aufbruch und Heimkehr erzählende Back Home. Und vielleicht sorgt gerade solch eine konventionell gehaltene Ballade dafür, dass der Hörer zu dieser Band eine Beziehung aufbaut, die die Liebe zu Exzentrik und Hüftgewackel überschreitet. Venice wiederum hat etwas von einer Suff-Rührstück eines Tom Waits, konstratiert von starkem Bläser-Gebrumme. In der Folge unterstreicht Vagabund, dass der Sound der Band selbst dann funktioniert, wenn man in deutscher Sprache singt. Vagabund zieht seine Inspiration aus dem, was man früher als „Zigeunermusik“ tituliert hat. Wie darf und soll man sie heute nennen, vor allem wenn man dies als Lob und keinesfalls abschätzig meint? Ich weiß es nicht. Auch kurz vor dem Ende des Album haben die Herren von Bukahara mit Bint El Shalabiya nochmals einen neuen Akzent im Angebot. Es ist der Augenblick, in dem man ins Arabische verfällt, natürlich ohne dabei Ethno-Kitsch feilzubieten. Den Abschluss bildet schließlich mit The Earth wieder ein erhabener Folk-Pop, der wirklich nicht besser, zärtlicher hätte ausfallen können. Zoghlami überrascht durch eine feine Sachtheit im Ausdruck.

Strange Delight zählt zu jenen Platten, die neben großartigen Klängen noch mit einer spannenden Metaebene aufwarten können. Dass vier Männer mit unterschiedlichen Biographien im selbstverständlichen Miteinander Kreativität und Spielfreude pflegen, erscheint mir eine Botschaft, die man sich nicht aus den Finger saugen muss. Bukahara lösen keine Überwindung von Gegensätzen ein, sie verschränken Tradition und Herkunft im Hier und Jetzt zu einem stimmigen Ganzen. Wie vorbildlich! Wie im allerbesten Sinne Multikulti!

strangedelight_cover

Strange Delight ist am 08.05.2015 erschienen.

Konzerttermine:

16.07.2015 Recklinghausen – Funkhaus Europa Odyssee
17.07.2015 Mülheim an der Ruhr – Funkhaus Europa Odyssee
18.07.2015 Bochum – Funkhaus Europa Odyssee
25.07.2015 Dortmund – Juicy Beatz Festival
16.08.2015 Aachen – Marktplatz
28.08.2015 Potsdam – Ohne Sorgen Festival
29.08.2015 Hannover – Zytanien Festival

Links:

Offizielle Homepage

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