Wieder Discoking sein – Ratatat

Zugegeben, ich bin kein Teenager mehr, der sich die Nächte in schwülen Clubs um die Ohren schwitzt. Klar, irgendwelche Strandfeten mit Trance-Gewummer können mir schon längst den Buckel runterrutschen. Aber wenn mich wieder etwas auf den Tanzboden locken könnte, dann zweifelsohne das neue Album Magnifique des Brooklyner Duos Ratatat. EDM meets Rock, so die Kurzformel der Lebensfreude versprühenden Platte. Magnifique fällt  unendlich launig aus, zeigt sich überraschend melodisch, umarmt Ideen flinken Schritts. Dem Werk fehlt die Schablonenhaftigkeit herkömmlicher elektronischer Tanzmusik. Stattdessen wird es mit gut abgehangenem, spacigem Rock angereichert. Was das Album jedoch besonders gut beherrscht, ist eine Mischung aus wildem Treiben auf dem Dancefloor und entspanntem Chillen. Allmusic hat es prima zusammengefasst, wenn es das Album als „bouncing between sunny, hook-heavy uptempo tracks that have the kind of manic energy that could lead people to tear off their shirts and seriously lose it on the dancefloor and relaxed, soft rock-inspired songs that serve as a nice soundtrack when one is coming down from those kinds of highs“ beschreibt.

RATATAT – CREAM ON CHROME from theoffstream on Vimeo.

Der Kracher des Werks findet sich gleich zu Beginn. Cream On Chrome sorgt für die Wiederauferstehung des Discokings in mir. Die hypnotische Bassline dieser Nummer ist sagenhaft groovy, dazu gesellen sich noch herrlich auf Bombast getrimmte Gitarreriffs. Cream On Chrome klingt nach der vielleicht durchaus lasziv angehauchten Party, die man immer schon besuchen wollte. Dem folgt mit dem versonnenen Titeltrack Magnifique ein Stück, dass einem Moby zu besten Flower-Power-Tagen hätte einfallen können. Abrasive erhöht die Schlagzahl wieder. Es ist eine Rock-Hymne, die eine Weile mit sich ringt, endlich mit Karacho die Bühne zu rocken – und erst kurz vor knapp halbwegs aus den Puschen kommt. Wie sich Ratatat letztlich dagegen entscheiden, mit Bierdosen um sich zu feuern, ist schon bemerkenswert. Denn die Platte möchte bei allem Willen zur Unterhaltung keinesfalls allzu vordergründig sein, verschenkt dadurch vielleicht die eine oder andere Gelegenheit. Drift setzt wieder auf Entspannung, dank relaxter Pedal-Steel-Gitarre kommt Hawaii-Flair auf. Allerdings bietet auch dieser mehr als nur altbekannte Aloha-Stereotype, kontrastiert die Chose mit einer Orgel, die eiert und leiert. Mit Nightclub Amnesia haben Ratatat im Verlauf einen Titel im Köcher, für den der Spruch nomen est omen erfunden wurde. Wer bei dem Track nicht zum Hüftschwung ansetzt, wird mit Disco nie etwas am Hut haben! Und eine Amnesie muss man allen attestieren, die hier nicht sofort an Daft Punk denken. So umwerfend episch die Nummer ausfällt, so kurz und knapp offenbart sich das nachfolgende Cold Finger. Eine lässige Gitarre,  ein knackiger Rhythmus – und fertig ist der funky Jam! Wenn ich vorhin davon gesprochen habe, dass die Herren Mike Strout und Evan Mast die Hintergründigkeit bevorzugen, dann tritt das ganz speziell bei Rome hervor. Strout gibt zunächst den Guitar-Hero, ehe die Chose aufreizend lange in matten Synthies und Beats verharrt. Mit diesem gekonnten Spannungsaufbau wird nochmals ein Verschnaufen gewährt, ehe die Gute-Laune-Party zum Ende von Rome hin so richtig steigen kann. Als letzte erwähnenswertes Stück wäre noch das selig schwüle I Will Return zu nennen. Vielleicht braucht es gerade solch einen angekitschten Track zum Abschluss, wenn die Klamotten ohnehin längst schon wie in der Sauna triefen.

Abrasive von Ratatat auf tape.tv.

Zumindest ich benötige für das Ausleben von Tanzwut mehr als einen monotonen Beat, um tatsächlich in Wallung zu geraten. Ratatat haben mit Magnifique ein sommerliches, frisches Album ausgeheckt, welches so sophisticated wie nötig und so ein eingängig wie möglich tönt. Damit gewinnt man vielleicht nicht die Herzen der Musikkritik, wohl aber die lebensfreudiger Tanzenthusiasten. Ich bin dann mal eine Runde abhotten!

magnifique_cover

Magnifique ist am 17.07.2015 auf Because Music erschienen.

Konzerttermin:

19.08.2015 Köln – c/o pop Festival

Links:

Offizielle Homepage

Ratatat auf Facebook

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Wieder Discoking sein – Ratatat

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.