Elektronische Subkultur in der Blüte – Peru Boom

Gerne wird ja die Musikszene zum Global Village verklärt. Doch das ist eigentlich Bockmist. Denn das globale Dorf ist voller Einbahnstraßen, die von Europa und Nordamerika zwar in alle Welt führen. Aber wieviel bekommen wir eigentlich davon mit, was in Afrika oder Südamerika an neuen Sounds entsteht? In der Regel erfahren wir das über Umwege, etwa wenn europäische und amerikanische Produzenten und DJs exotische Trends aufgreifen und in unsere Clubkultur einführen. Solch Filter sorgen jedoch auch dafür, dass der durchschnittliche Musikfan die diversen Subkulturen nie wirklich wahrnimmt. Hand aufs Herz, wem etwa ist bewusst, dass es in Peru einen lebhafte elektronischen Underground gibt? Mir zumindest nicht. Und dies wäre wohl auch so geblieben, wenn ich nicht diese sehr informative Review von Bob Cluness auf The Quietus gelesen hätte, in der die Compilation Peru Boom – Bass, Bleeps & Bumps From Peru’s Electronic Underground gewürdigt wird. Diese Zusammenstellung bringt uns Tropical Bass näher, führt uns in die Lebendigkeit der südamerikanischer Clubatmosphäre ein. Es ist ein Eintauchen in eine Welt, die sich nicht auf heißblütige Klischees berufen muss. Diese Szene braucht nicht lang und breit um ein Selbstverständnis ringen. Sie scheint im Augenblick verhaftet, ständig in Bewegung, stets im Austausch, versöhnt Tradition und Moderne. Verkörpert somit all das, was einer Subkultur zur Blüte verhilft.

Peru Boom präsentiert sich vielfältig. Luto von Animal Chuki etwa verrät seine Herkunft nicht, bombastischer Synthie-Flitter trifft auf einen kräftig pulsierenden Bass, der Track gönnt sich sogar eine kecke Melodie samt Asia-Exotik-Anklängen. Dengue Dengue Dengue gehen es bei Como Bailar Cumbia weitaus tranciger an, hier transzendiert der Rhythmus hin zu einer die Umwelt ganz und völlig ausblendenden Meditiation. Man wird eins mit den unermüdlich in Bewegung befindlichen Gliedmaßen. Tribilin Sound gehen mit El Carmen sogar noch einen Schritt weiter, wenn erdige Percussion auf die spacige Weite von Synthies trifft. Pe Garcia wiederum serviert uns mit Subete a la Noche einen stylischen Track, den man wohl am besten als James Bond auf der Tanzfläche beschreiben könnte. Ganz viel Latino-Flair tritt bei Chakrunas Sonido Chichero (ft. Chapillita) hervor. Es mutet wie ein Bootcamp für Limas Clubgänger an. Elegante & La Imperial kredenzen mit Tardes schwülen Lounge samt eher grotesken Gesangseinsprengseln. Hier unterscheidet sich Peru Boom von der Anmutung her wenig von dem, was seit anderthalb Jahrzehnten schon von Ibiza aus an unser Ohr dringt. Die lokale Bindung der Szene an die peruanische Tradition wird da bei Marcha Del Chullachaqui deutlicher, wenn Deltatron der Cumbia-Kapelle Los Chapillacs einen Remix spendiert. Denn trotz vieler globaler Einflüsse macht das lokale Element, der Cumbia nämlich, den einzigartigen Reiz dieser Compilation aus.

Peru Boom – Bass, Bleeps & Bumps From Peru’s Electronic Underground wird auch diejenigen erfreuen, die um Sampler mit Clubsounds normalerweise einen weiten Bogen machen. Weil diese Sammlung aus den Tanztempeln Limas eine schöne Balance zwischen weltumspannenden Klängen und regionalen Besonderheiten findet. Weil sie eben noch das Merkmal des Untergrunds in sich birgt und eben nicht den Party-Schickimicki des Mittelmeers verkörpert. Weil das Herz fürs Wagnis über dem Kalkül des Erfolgs steht. Wäre ich DJ im Hier und Jetzt der Berliner Hitze, ich würde die nach Subkultur lechzenden Hotspots der Stadt mit Peru Boom  beschallen.

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Peru Boom – Bass, Bleeps & Bumps From Peru’s Electronic Underground ist am 04.07.2015 auf Tiger’s Milk Records erschienen.

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