Florence goes Eighties, nur besser! – The Mynabirds

Florence Welch goes Eighties. Diese Assoziation kam mir gleich bei den ersten Takten der Platte Lovers Know. Und meist prägt ja der erste Gedanke die Art und Weise, wie man ein Album in seiner Gesamtheit wahrnimmt. Dieser Eindruck hat mich dann auch das gesamte Werk nicht mehr wirklich losgelassen. Meiner bescheidenen Meinung nach könnte Laura Burhenn und ihrem Projekt The Mynabirds mit Lovers Know der verdiente kommerzielle Durchbruch vergönnt sein. Denn das Achtziger-Revival ist noch lange nicht vorbei, fiebriger Pop samt omnipräsentem weiblichem Gesang scheint ebenfalls weiterhin angesagt. Solch Mischung aus Nostalgie, Kommerz und Indie-Attitüde erfüllt somit alle Kriterien, um Musikhörer zu enthusiasmieren.

Wie bereits erwähnt ist es der Opener All My Heart, der den Tonfall setzt: „But when I love I love with all heart/ I’d walk through hell for just one kiss/ I’d give everything I have for a minute more of this„. In diesem Liebeshunger, der ohne Rücksicht auf Verluste bejaht wird, steckt viel weibliche Leidensfähigkeit, zugleich lässt der markige Vortrag keinerlei Unterwürfigkeit aufkommen. So – und nicht anders – tönt Female-Fronted-Pop voll Strahlkraft! Burhenn verkörpert das ikoneske Element der Achtziger, teilt sich mit Florence Welch den sinnlichen, heißblütigen Ausdruck. Und ab und an schimmert sogar die eine oder andere schwedische Pop-Prinzessin durch. Wenn Burhenns Liedern vereinzelt etwas fehlt, dann vielleicht der Krawumm-Refrain. Believer freilich hat genau diesen im Köcher. Believer hätte auch auf dem diesjährigen How Big, How Blue, How Beautiful von Florence + the Machine eine gute Figur gemacht, fraglos zu den besten und radiotauglichsten Tracks gezählt. Apropos Radio! Semantics schielt geradezu schamlos nach Airplay. Und als man den Song bereits als allzu 08/15 abhaken möchte, kommt ein feines Finish. Wenn eine feine Männerstimme aus dem Background „Too much to love“ raunt, wird die gekünstelte Pop-Herrlichkeit mit einem Mal geerdet. Mit Say Something erreicht das Album seinen frühen Zenit. Das Lied besticht mit RnB-Touch und DIY-Flair-Schrammeligkeit. Sobald es dann noch zum Duett gerät, vermag man sich dem Charme nicht länger zu entziehen. Es gibt sich ein wenig aufreizend, wunderbar verführerisch. Im Kontrast dazu entpuppt sich Velveteen als mächtige Ballade, bei der Burhenn zur Diva mutiert, die sowohl kräftig als auch wispernd intoniert. Eine souveräne Darbietung, welche die erste Hälfte des Album beschließt. Längst könnte man, um den Vergleich mit Florence Welch nochmals zu bemühen, The Mynabirds attestieren, 2015 das bessere Album fabriziert zu haben. Und auch der zweite Teil beginnt mit Shake Your Head Yes vielversprechend. Weil eine neue Facette ins Spiel kommt, Electro-Pop offensiv gehuldigt wird. Dem folgt mit Wildfire ein weiterer Ohrwurm mit ein bisschen Folk-Pop-Hemdsärmeligkeit. Die Zeilen „I’ll light a candle/ You fan the flame/ Kiss in the darkness/ Just to chase it all away/ I still believe in the choirs in the sky/ Singing ‚Fire, fire, fire, fire!’/ We are a wildfire“ zählt zu den knackigsten Strophen der Platte. Die zwischenzeitlich abhanden gekommene Achtziger-Intensität wird bei One Foot wiederentdeckt und auch hier erneut durch männlichen Backgroundgesang im Refrain konterkariert. Vom Songwriting mag der erste Teil des Werks stimmiger ausfallen, vom Sound und von der Facettenhaftigkeit kann die zweite Hälfte dagegen mehr zu überzeugen. Hanged Man spürt der Americana-Tradition nach, vermengt sie mit Retro-Synthies. Das klingt im ersten Moment vor allem gesanglich überladenen und schwülstig, doch merkt man zugleich den Versuch, Lovers Know einen weiteren musikalischen Aspekt hinzuzufügen. Beim finalen Track Last Time habe ich lange gegrübelt, an welches Lied mich vor allem die Akkorde zu Beginn erinnern. Zunächst dachte ich an Crimson and Clover, aber so ganz will das nicht passen. Von wo auch immer die Inspiration zu Last Time stammt, der Song stellt einen würdigen Abschluss dieses gelungenen Albums dar.

Natürlich ist der Vergleich mit Florence Welch ein Stück weit ernüchternd. Welch kommt auf 5,6 Millionen Likes auf Facebook, The Mynabirds gerade auf 11 Tausend. Das mag zwar viel über den Bekanntheitsgrad aussagen, wenn man sich jedoch die Alben von Welch und Burhenn vergleicht, muss man kein ausgesprochener Connaisseur sein, um die Meriten von Lovers Know wahrzunehmen. Burhenn braucht den Vergleich mit Welch keine Sekunde zu scheuen, speziell in puncto Songwriting nicht. Wenn man die zwei Alben miteinander vergleicht, dann ist das Resultat genau das, was der erste Eindruck bereits vermuten ließ: Florence goes Eighties nämlich. Besser sogar!

loversknow

Lovers Know ist am 07.08.2015 auf Saddle Creek erschienen.

Links:

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Kostenloser Sampler auf Noisetrade

SomeVapourTrails

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