Mit Intellekt und Schlichtheit zu neuen Horizonten – MyKungFu

Singer-Songwriter-Nachdenk-Pop aus der Schweiz, vorzüglich melodisch gesponnen, in den Texten das Gefühlschaos des Alltags thematisierend. Das alles riecht gewaltig nach einer Platte für Feingeister. Der Schweizer Domi Schreiber hat mich mit seinem Projekt MyKungFu bereits 2013 überzeugt. Das Album Repeat Spacer hat mit Kopflastigkeit, Wagemut und zartbitterem Pop zu punkten gewusst. Und ähnliches lässt sich auf über Hiergeist Pt.1 sagen. Wer zu Komplikationen neigt, sie zumindest aber zu schätzen weiß, wird an den Lyrics gefallen finden, wer unaufdringlichen Harmonien huldigt, wird von der hintergründigen Musik angezogen sein. Hiergeist Pt.1 offenbart sich als Kleinod-Pop, der die richtige Balance aus Intellekt und Schlichtheit findet.

MyKungFu

Eines der Highlights des Albums ist fraglos der Song Gospel. Einer sonnigen Melodie, die mich aus irgendeinem Grund an George Harrison erinnert, stehen die Zeilen „You have the time of your life/ And no one’s there to see/ Your world standing still/ Right here, right now“ zur Seite. Was nach warmer Euphorie schreit, nach einem Idyll in der Abgeschiedenheit tönt, wird fast trocken dargeboten. So sehr der Song den Pop bejaht, so sehr verweigert er sich Herkömmlichkeiten. Trotzdem ist Gospel der eingängigste Track dieses Werks. Dieses Stück zu mögen, ohne erst lange darüber grübeln zu müssen, was es denn nun mit einem macht, dies fällt selten so leicht wie hier. Ebenfalls als stark erweist sich Out Of Tune mit seiner textlichen Bitterkeit („You put my life out of tune/ Oh that’s bitter/ A bitter ending/ Explanation please„) aus. In seinen nervösen Sound, in seine zarten Klage vermag man sich hineinzuversetzen. Aber die Inhalte der Songs sind keineswegs immer einfach zu lesen. So verwirrend wie unsere Zeit sich oft darstellt, so orientierungslos wirkt auch MyKungFu. Beispielsweise bei Choices mit einem so simplen wie offenbarenden Refrain: „You might question the choices/ Choices you have/ So many choices, choices you have„. Wie schon beim Vorgängeralbum wird abermals an einer unbehaglichen Introspektive gearbeitet, die unangenehme, fast beklemmende Stimmungen zutage fördert: „There’s some powerful secrets on the backseat of your mind/ Those powerful secrets are getting stronger in the night„. Liquified Promises sitzt weltschwere Verzweiflung im Nacken, es gerät zu einer Nummer für gedämpfte, am Gemüt nagenden Stunden. Schreibers Stimme präsentiert sich vielleicht nicht als die charismatischste, aber im Paket mit Text und Musik durchaus schlagkräftig. Beim eher unscheinbaren, psychedelischen Please Please Me ist es aber vor allem der aufgekratzte Vortrag, der dem Lied Gewicht verleiht. Überhaupt wirkt es, als ginge der Platte gegen die Ende die Inspiration ab und an verloren. Zu sehr wird auf akustische Gitarre und Gesang gesetzt. Die Vertracktheit kommt bei The Silence Of Love oder Fear The Light abhanden. Erst mit dem finalen Loops In A Jar kriegt MyKungFu wieder die Kurve. Wenn eine klangende Trompete durch ein krautigen Chaos wimmert, tritt ungeahnte Experimentierfreude hervor. In diesem Moment weicht der spröde Singer-Songwriter-Pop einer durchaus ganz anderen spannenden musikalischen Vision.

Hiergeist Pt.1 leidet ein bisschen unter dem selben Problem, das schon Repeat Spacer hatte. Es ist nicht besonders kohärent, vielmehr uneinheitlich. Allerdings macht das zugleich eine Stärke von MyKungFu aus. Denn der erste Eindruck, Singer-Songwriter-Pop nämlich, erweist sich letztlich als trügerisch. Schreiber hat mehr im Gepäck als nur das Schema F. Das Projekt scheint in kleinen, gedankenvollen Schritten neuen musikalischen Horizonten entgegenzugehen. Dabei folge ich ihm gern.

hiergeist_cover

Hiergeist Pt.1 ist am 19.06.2015 auf Solaris Empire.

Links:

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