Musik, der man nicht auf die Brüste schaut – K.Flay

Pop meets Hip-Hop meets Indie. Zugegeben, diese Formel garantiert zwar noch nicht, dass das Resultat geschmackssicheren Zeitgenossen wirklich hörbar erscheint, aber in diesem Zugang liegt zweifelsohne Potential. Vielleicht lauert in diesem Dreiklang sogar die Chance, aus allen Genre-Stereotypen auszubrechen. Und gerade Hip-Hop hätte eine Neuorientierung bitter nötig. Der US-Amerikanierin Kristine Flaherty gelingt unter ihrem Bühnennamen K.Flay ein nie langweiliges Debüt. Life As A Dog ist eine Platte voller Verve und Aufmüpfigkeit, tatsächlich um die Ecke denkend. Endlich einmal ist es keine Bitch und keine Sexbombe, die hier im Sprechgesang den Machismo einer Gesellschaft spiegelt und zugleich bedient. Und es scheint leider kein Zufall zu sein, dass K.Flay wohl auch deshalb so sein kann, wie sie sein will, weil sie eben nicht der afro-amerikanischen Bevölkerungsgruppe angehört. Der Pressetext zur Platte verweist weiters nicht zu Unrecht auf die Neunziger-Indie-Ikone Liz Phair. Denn auch K.Flay kommt eher aus der widerspenstigen, unangepassten Ecke. Dazu gesellt sich noch der Wunsch nach Selbstbestimmtheit und der Post-Feminismus einer Lena Dunham. So klingt Musik, der man nicht auf die Brüste schaut.

Can’t Sleep ist ein Song wie aus dem Bilderbuch. Eine starke Mischung aus ungemein einnehmendem Elektro-Pop, hektischen Rap-Passagen und genug Kratzbürstigkeit, um die Carpe-Diem-Sehnsucht nicht in Zuckersüße zu tunken. Wishing It Was You dagegen ertränkt Beziehungskummer, die Zeile „Sucking on a bottle of Jim Beam/ Wishing it was you“ lässt diesbezüglich keinerlei Zweifel zu. K.Flays Themen sind somit die, die sich in 99% aller Songs finden, trotzdem wirkt der schnoddrige und mutig ungeschönte Vortrag Wunder. Aber ich möchte sie keinesfalls auch Görenhaftigkeit reduzieren, denn schon der eröffnende Song Everyone I Know unterstreicht ihre Wandlungsfähigkeit. Was zunächst mit nachdenklichem Singer-Songwritertum beginnt, mutiert im Refrain zu Party-Pop, der jedes schwedische Popsternchen neidisch werden lässt, ehe K.Flay schließlich den Sprechgesang auspackt. Die Entwicklung dieses Songs gerät völlig natürlich, geradezu zwangsläufig. Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass Flaherty nie eine den Hörer einschüchternde Persona kreiert. K.Flay will nie mehr als ein smartes, aufgekratztes, verhindertes ‚Girl Next Door‘ sein. Ihre Indie-Authentizität braucht keine Klischees. Als weiteren bemerkenswerten Track habe ich Bad Dreams ausgemacht. Eigentlich ist er einer der konventioneller gestrickten Titel, aber auch hier sticht der Flow des Vortrags hervor. Wie der Rap völlig ohne Brüche in mit R&B gespickten Synthie-Pop übergeht, gefällt mir außerordentlich gut. Vielleicht sind aber all die Worte, mit der ich dieses Album beschreiben möchte, müßig. Möglicherweise spricht eine Strophe von Turn It Around Bände: „Lately, I’ve been on a bender/ Living on the edges, need to find the center/ Least that’s what my ex says, told me to remember/ Just because you sin, shit that don’t make you a sinner/ Know a couple sad songs, play em on my Fender/ Find something to light up, sleep under the embers/ Stressed and indecisive, might have lost my temper/ Message in a bottle but it got returned to sender/ Gave a guy my number but but then I acted funny/ Meanwhile I waited all summer for the motherfucking subway/ Now my legs are getting number, wonder if somebody loves me/ Smoke I’d like to bum one, won’t be feeling nothing„. Also wenn das nicht wie aus einer Folge von Girls gegriffen klingt, dann bin ich komplett am falschen Dampfer! Auch das eine dysfunktionale Beziehung beschreibende Time For You vermag mich zu begeistern. Weil das Hin und Her von Abschied und Anziehung von einer kräftigen alltagssprachlichen Poesie voll emotionaler Nähe erfüllt wird. Es sind unmittelbare Texte, die man nicht erst drehen und wenden muss, um all die eigene Erfahrungen darin wiederzuerkennen. Jener sinnlich intonierte, schwülstige Refrain kontrastiert den hemdsärmeligen Sprechgesang der einzelnen Strophen. Dazu kommt, dass der Sound einmal mehr mit R&B und Pop anstelle von Hip-Hop-Hooks aufwartet. Letztere hat das erbauliche Get It Right anzubieten, wenn ein E-Piano auf genretypische Beats trifft. Dieses finale Get It Right pusht den Läuterungsgedanken, will das Leben in den Griff bekommen, mit Sinn füllen. Nicht über die eigenen Beine stolpern, Chaos überwinden. Vorsätze, die am Ende bereits fast wieder bereut werden („I want you to know that I wanna be better/ But it feels like it’s gonna take forever„).

Everyone I know, everyone I know is sad/ Smiling in a bad way, high off stolen meds/ Everyone I know, everyone I know’s got plans/ But they all just play the keys in shitty bands“ resümieren die ersten Zeilen dieses großartigen Albums. Und sie verraten viel über die Lebenswirklichkeiten, in denen sich K.Flay so herumtreibt. Das Album Life As A Dog ringt und rangelt mit dem Erwachsenwerden, kritzelt und krakelt Daseinsentwürfe. Dieser Sprechgesang kommt nicht aus dem Ghetto, dieser Rap träumt nicht von schicken Autos und Goldkettchen, dieser Vortrag kotzt sich nicht über Gott und die Welt aus. Stattdessen gerät das Album wirklich und authentisch und selbstkritisch. Wie stark!

lifeasadog

Life As A Dog erscheint am 21.08.2015 auf Humming Records.

Konzerttermine:

23.10.2015 Wien (AT) – Flex
26.10.2015 Frankfurt – Zoom
27.10.2015 Stuttgart – Schräglage
28.10.2015 Munich – Milla
29.10.2015 Leipzig – Täubchenthal
31.10.2015 Berlin – Kantine Berghain
01.11.2015 Hamburg – Uebel & Gefährlich
02.11.2015 Cologne – YUCA

Links:

Offizielle Homepage

K.Flay auf Facebook

SomeVapourTrails

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