Die Intimität in der Emotion – Ane Brun

Die in Schweden lebende Norwegerin Ane Brun – in nördlichen Gefilden längst ein Star – macht uns mit ihrem neuen Album When I’m Free in absoluter Perfektion vor, was praktisch niemand sonst gebacken bekommt. Brun kreiert Singer-Songwriter-Pop, der der Emotion die Intimität zurückgibt. All die Marketenderinnen des Pop schreien sich die Seele aus dem Leib und meinen allen Ernstes, dies sei Emotion. Sie singen – besser: krakeelen! – über die Liebe und haben in Wahrheit den Kern der Liebe nicht im mindesten begriffen. Viele Pop-Diven ergehen sich in heißen, innigen Schwüren, glorizifieren die Verliebtheit, garnieren sie mit ein wenig Sex. Alles bloß platte Emotion! Ane Brun hingegen vermag ihren Lieder eine Seele einzuhauchen. Sie stecken voll Intimität, voll Reife. Bieten mehr als backfischiges Schwärmen oder einen Ozean voll Tränen an. In Bruns Sentimenten lauert Unausgesprochenes und Zweifel. Intimität ist bekanntlich nichts, was sich mit ein paar netten Worten aufbauen lässt. Intimität lebt von Gestik, Mimik und Tonfall, sie funktioniert über Nuancen, über Deutungen. Wer das Wesen dieser Nähe begriffen hat, wird auch Bruns Texte schätzen.

Machen wir uns nichts vor! Über die Liebe ist alles gesagt. Da sie jedoch jeder Mensch stets neu und anders erfährt, wird dieses Thema jede Kunst auch noch in tausenden Jahren dominieren. Denn Liebe wird mit jedem Menschen ein Stück weit neu geboren, neu erlebt. Bruns in Songs verpackte Emotion ist deshalb einzigartig, weil Bruns Persönlichkeit auf singuläre Art und Weise Kreativität, Eleganz und Fühlen paart. Schon zu Beginn erweist sich Hanging als Volltreffer. „There’s a magnetic field here/ It separates you and me/ It’s invisible, yet it pushes me away/ When I try to move nearer“ wirkt als sprachlich schlichtes und zugleich prägnantes Bild. In diesem balladesken Pop, der seine Gewandtheit durch Streichern und Piano ausdrückt und das Gefühl durch an Herztöne erinnerndes Schlagzeug eingeflößt bekommt, ruht Makellosigkeit. Das folgende Black Notebook ist ein schönes Beispiel dafür, dass Brun aus Kleinigkeiten Tiefgang strickt. Etwa wenn das Blättern in einem fast vergessenen Notizbüchlein zur Erkenntnis führt, dass sich die Baustellen und Vorsätze im eigenen Leben noch immer nicht geändert haben. Und statt nun mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen und in einen Jetzt-erst-recht-Modus zu verfallen, klammert sich ihr lyrisches Ich weiter an das Mantra „I wanna be the best I can be with you„. Brun bietet keine einfachen Wahrheiten unter einer Wohlfühlglocke an. Ihre Empfindungen schmerzen, ohne jedoch erst durch den Schmerz legitmiert zu werden. You Lit My Fire zeigt die Chanteuse unvermittelt von ihrer souligsten Seite. Das Lied darf als Hommage an jene verstanden werden, die die uns bekannte Freiheit und Emanzipation ermöglicht haben. Wie es sich in gospelhafte Gefilde vorwagt, wie es aus Inspiration Kraft bezieht, führt zu den imponierenden Momenten der Platte. Dieser Titel liefert mir auch die passende Gelegenheit, die Stimme der Norwegerin über den grünen Klee zu loben. Brun vermag sowohl die erzählerische Sanftheit der aus der folkigen Ecke kommenden Singer-Songwriterin aufzubieten, zugleich ist ihr Gesang hinsichtlich Timbre famos. Ihre flexible, souveräne, füllige Stimme steckt voller Charakter. Die besten Sängerinnen sind oft nicht die besten Songwriterinnen – und umgekehrt. Bei Ane Brun sind beide Fertigkeiten über alle Maßen vorhanden. Der nächste Track Directions wurde bereits vorab im Frühjahr ausgekoppelt. Er vermittelt die Essenz dessen, wohin sie sich mit der Zeit entwickelt. Brun ist den Folk-Pop-Wurzeln lange schon entwachsen, bietet Kunst-Pop mit ungewöhnlicher Rhythmik an. Auch Directions tänzelt – voll balletthaftem Zauber. „I see doors in every direction/ I see them all wide open/ As I go near I just walk right through“ versprüht einen Optimismus der Optionen, der sich von der gegenwärtig grassierenden Qual-der-Wahl-Attitüde nicht stärker abgrenzen hätte können. Mit dem orientalisch gehaltenen Shape Of A Heart geht eine aufregende erste Hälfte zu Ende. Formatradios mit Anspruch werden die knackige Exotik dieser Nummer lieben! Bei Miss You More verrät der Titel bereits die bedauernde Sehnsucht. Was Brun von vielen Songwriterinnen, die sich über die Entfremdung in einer Beziehung Gedanken machen, unterscheidet, ist zweifellos die Position der Stärke. Wo andere wie begossene Pudeldamen doof im Regen stehen, wirkt sie verletzt, aber nie verhärmt. Nach diesem Track bekommt die Hörer einmal mehr das ganz große Kino geboten. Eine reduzierte Ballade namens All We Want Is Love glänzt als zärtliche, intelligente Verbeugung vor der Liebe. Was wir doch alles für dieses flüchtige Ding Liebe tun, denkt sich Brun. „We give up our names for it/ We arrange parades fighting for it“ singt sie, ehe sie zu guter Letzt mit der Erkenntnis „We reflect ourselves in it/ To make sure that we exist/ All we want is love“ aufwartet. Eine akustische Gitarre, ein paar Streicher, mehr benötigt das Lied nicht. Famos! Nach diesem durch seine intime Schlichtheit umso ergreifenderen Moment hat es Still Waters zugegeben schwer. Der Song traut sich ein wenig Melodrama zu, sucht die persönliche Befreiung von allen Fesseln. Better Than This dagegen mag als spröde, moralisierende Nummer durchgehen, allerdings nur auf den auf den ersten Blick. Denn solch – zugegeben unterkühlte – Mahnung zu gesellschaftlicher Verantwortung findet man bei einer Pop-Diva leider viel zu selten. Fast ebenso irritierend entwickelt sich das finale Signing Off. Weil es einen Abschied vollzieht, weil es die Befreiung in einem Ende sieht, um jeden Preis standhaft bleibt. All die Hoffnungen, die Krisen einer Liebe zu überwinden, wirken wie weggeblasen. Es bleibt der Wille zur Veränderung, der sämtliche Durchhalteparolen und Idealvorstellungen vom Tisch wischt. Signing Off bildet den dramaturgischen Schlusspunkt einer Platte, die diesen eigentlich gar nicht benötigt hätte.

Ane Brun ist in ihrer eigentümlichen, grazilen Manier unbeschreiblich. Sie verbindet Singer-Songwritertum mit der Faszination des Pop. Auch deshalb zählt sie für mich schon jetzt zu den Grandes Dames gegenwärtiger Musik, auf einer Stufe mit einer Björk oder einer Leslie Feist. When I’m Free zementiert diesen Status weiter. Brun vermittelt eine leise wie gehaltvolle Emotion, sie kultiviert ein schönes Gemüt, das ab und an strauchelt – und oft aufblüht. Ich für meinen Teil werde an diesem Werk sehr, sehr lange Freude haben!

whenimfree

When I’m Free ist am 04.09.2015 auf Balloon Ranger Recordings erschienen.

Konzerttermine:

14.11.2015 Hamburg – Mojo Club
15.11.2015 Berlin – Kesselhaus
16.11.2015 München – Freiheiz
20.11.2015 Zürich (CH) – Kaufleuten
21.11.2015 Bern (CH) – Bierhübeli

Links:

Offizielle Homepage

Ane Brun auf Facebook

SomeVapourTrails

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