Mal bitter, mal zärtlich, ein kompliziertes Ich und Du – Mo Kenney

Vor einem Jahr habe ich die kanadische Singer-Songwriter Mo Kenney erstmals auf diesem Blog gewürdigt, von einem burschikosen Wesen gesprochen, das  jugendlichen Schalk mit flügger Nachdenklichkeit und großer Direktheit vermengt. Ihr Album als fröhlichen bis gedankenvollen Indie-Folk-Pop mit einigen Ausflügen in Folk-Rock-Gefilde beschrieben. Bereits jenes gleichnamiges Debüt war bemerkenswert, mit In My Dreams folgt nun eine noch smartere, facettenreichere Platte. Welch Leistung! Denn obwohl es zwar immer heißt, dass aller Anfang schwer sei, gilt in der Musik das eherne Gesetz, dass man nach einem guten, unbekümmerten Debüt erst einmal ein mindestens ebenbürtiges zweites Werk zustande bringen muss. Kenney hat ihre Anfänge konsequent fortgesetzt. Ihre Texte sind sogar eindringlicher geworden, handeln vor allem von Abschieden aus längst gescheiterten Beziehungen und Affären, manchmal allerdings auch von Hoffnungen und Wünschen. Kenneys Lyrics funktionieren deshalb so gut, weil sie auf einer intimen Ebene des Ich und Du ablaufen. Die Worte gleichen manchmal einer Beichte, ab und an einem bitteren Resümee und gegen Ende liebevollen Komplimenten. Zu Beginn jedoch wird mit Schonungslosigkeit der Status quo seziert, für unbefriedigend befunden. Diesen Inhalten steht eine durchaus liebliche Melodik gegenüber, die für Verdaulichkeit sorgt.

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Photo Credit: Paul Wright

Wenn man dieser Platte einen Vorwurf machen kann, dann wohl hinsichtlich der Wahl des Openers, des brutalen I Faked It nämlich: „I faked it/ It was never you and me/ When I said it was forever/ I was lying through my teeth/ For example/ When I said it wouldn’t hurt/ There was not a chance in hell/ It was ever gonna work“. So sieht ein Abschied ohne Gnade aus. Den geradezu harmlosen Singer-Songwriter-Pop begleitet ein rassiermesserscharfer, bösartiger Text. Wer diese Nummer verwinden kann, wird in der Folge freilich auf eine sympathische, reflektierte Liedermacherin stoßen. Das ebenfalls eingängig poppige Take Me Outside arbeitet sich an den eigenen Unzulänglichkeiten ab, wenn es etwa die Einsamkeit fürchtet. Das feine Telephones erinnert an den Radio-Sound der frühen Neunziger, dazu schildert der Song, wie man so aneinander vorbei lebt („I only talk to you by telephone/ And rarely see you on my weekends home/ I’d rather sit and watch my television shows/ You know as well as me we’re not in love„). Mit Mountains To The Mess wagt sich Kenney auch endlich musikalisch aus der Reserve. Solch Folk-Rock mit psychedelischen Elementen und überraschenden Momenten gibt Kenneys Vortrag einige Entfaltungsmöglichkeit. Was sie gesanglich tatsächlich drauf hat, tritt beim edel-souligen, orchestral ausstaffierten Untouchable hervor. Der Track entfernt sich weit von den folkigen Wurzeln der Kanadierin, das scheint beileibe keine schlechte Idee zu sein. Der tolle Titeltrack In My Dreams kreuzt die frühe Feist und mit den Pop-Chanteusen der Sechziger, der Beatles-Pop des Refrains ist ebenfalls nicht von schlechten Eltern. Auch die Lyrics werden allmählich entspannter, wirken fast tagträumerisch gehalten. Von der Galligkeit mancher Lieder bleibt nicht mehr viel übrig: „Watching the clouds pass by/ I’m trying to make sense of the sky/ I close my eyes and I fly/ I’m beginning to think you only exist in my dreams/ Waiting on a phone call, wearing out your memory/ Where have you been„. Der versonnene Folk-Pop von Wind Will Blow wiederum überwindet den anfänglichen Zynismus des Albums ein für alle Mal, weil es Liebe bejaht, den Augenblick des Glücks umarmt – selbst wenn all das nicht von Dauer ist.

In My Dreams funktioniert als Platte noch besser, wenn man sie von hinten aufzäumt, sich Titel für Titel nach vorn arbeitet. Wenn man Mo Kenney zunächst über die Zärtlichkeit, zu der sie fähig ist, kennenlernt, vermag man auch ihre Bitterkeit besser einzuordnen und zu verdauen. Dieser Tage tourt die Kanadierin durch Deutschland. Es wird die Leser dieser Zeilen kaum überraschen, wenn ich einen Konzertbesuch ans Herz lege. Die vielen Gesichter ihrer Texte werden auch live beeindrucken können!

In-My-Dreams-Cover

In My Dreams ist am 04.09.2015 auf New Scotland Records erschienen.

Konzerttermine:

30.09.2015 Ingolstadt – Bürgerhaus Alte Post (Der Oktober ist eine Frau Festival)
04.10.2015 Berlin – Privatclub
05.10.2015 Hamburg – Nochtspeicher
06.10.2015 Leipzig – Moritzbastei
07.10.2015 Stuttgart – Cafe Galao
09.10.2015 Freiburg – Jazzhaus Freiburg

Links:

Offizielle Homepage

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