Menschen mit Indie-DNA – Low

Ein Charme des Indie besteht doch wohl darin, dass echte Menschen Musik machen. Während sich in den Charts Stars und Sternchen, Idole und Ikonen tummeln, taugt der harte Kern des Indie kaum für Glorifizierungen. Wenn der musikalische Mainstream gern einen auf Cosmopolitan oder Vanity Fair macht, ist Indie das süße Mädchen von nebenan. Wenn Download-Charts die völlige Aufgeregtheit von Geburtstagsparty oder Weihnachten verbreiteten, verortet sich Indie in der Alltäglichkeit. Die US-Formation Low trägt seit mittlerweile über 20 Jahren zur Reputation der Indie-Bewegung bei. Sie verkörpert feine künstlerische Integrität, ein stetes Ringen mit dem eigenen Stil. Indie-Rock trifft hier auf Dream-Pop, nachdenkliche Entschleunigung und sachter Gesang auf eine unerwartete Lebendigkeit. Hinter dem Trio Low steckt das Ehepaar Alan Sparhawk und Mimi Parker, unterstützt werden sie dabei von Steve Garrington am Bass. Das Paar teilt sich nur den Platz vor dem Mikrofon, beide teilen wohl auch die Fähigkeit, ihren Liedern eine grüblerische, hinterfragende Note zu geben. Denn diese Musik träumt nicht, huldigt keinem Eskapismus, sie sinniert vielmehr dahin, hält für einen Moment die Welt an, wagt sich für einen Sekundenbruchteil an existenziellen, gerne auch an Kleinigkeiten festgezurrten Fragen. Auch das neue Werk Ones and Sixes bildet da keine Ausnahme, wenngleich der eine oder andere untypische Zugang vorhanden ist. Sparhawk und Parker kokettieren noch immer nicht mit der großen Emotion, sie dramatisieren nicht über, sind vielmehr nah am Leben. Echte Menschen eben!

LOW Band Photo
Photo Credit: Zoran Orlic

Im Zentrum des Low’schen Kosmos ruht pastorale Kontemplation. Diese Grundstimmung speist das Drumherum. Lyrics etwa geraten bei Low zur Nebensache, zu Wortfetzen, die den Eindruck bestenfalls untermauern. Es ist die gedämpfte Helle des Gesangs, die über einer zwischen Verstörung und Entspannung pendelnden, wundervoll melodischen Musik liegt. So zumindest hat man die Formation über die Jahre kennen und schätzen gelernt. Ones and Sixes orientiert sich wieder an einem schrofferen, elektronischeren Sound. Die Vorgängerplatte The Invisible Way war in ihrer Konsistenz das bisherige Highlight in ihrer Diskografie.  Zugleich war es auch eine Rückbesinnung auf einen organischen, zärtlichen Sound. Für das neue Werk wurde ein anderer Zugang gewählt. Schon der Opener Gentle mit seinem unbehaglichen Drumcomputer kreiert eine Atmosphäre des Befremdens. Bereits früher hat die Band dunklere Alben ersponnen, etwa Drums and Guns. Gentle kündigt somit an, dass sich Low wieder einmal ein ordentliches Stück weit aus ihrem abgesteckten Territorium herauswagen. No Comprendre etwa beginnt mit einem fast unheilvollen, beinahe aggressiven Riff, das den Widerpart zu einem überraschend in der Defensive befindlichen Duett gibt. Parkers engelshafte Klage wird praktisch im Keim erstickt. Spät allerdings kippt der Song, wechselt das Tempo, präsentiert sich in Slowcore-Eleganz, während Parker die sirenenhafte Kassandra gibt („The house is on fire„). Spanish Translation pflückt immer wieder Synthie-Wolken vom Horizont, dazwischen dominiert Lärmigkeit, sogar die Seligkeit eines Pianos keimt auf. Sparhawks Gesang legt vor allem im Refrain ungewohnte Emotion und Lautstärke an den Tag. Auch Congregation irritiert, die Drum Machine pluckert einen Tick zu fröhlich dahin, dazu singt Parker mit belegter Zunge. Mit diesen die Augenbrauen hebenden Liedern wird man erst allmählich warm. Anders dagegen sieht es bei No End aus. Die retroesken Harmonien verfangen sofort, so klingt der musikalische Wohlfühltrack der Platte, obwohl die Lyrics selbst das eigentlich nicht hergeben („Winding away the hours and days/ Unmade/ Anticipating plans and ways/ To change/ So many things that I can’t take away/ It’s too late, it’s too late„). Auch Into You macht als Track klassischen Low-Zuschnitts gute Figur. Und erst recht What Part of Me, dem rundesten Song der Platte. Die Entfremdung in einer Beziehung muss man erst einmal in eine unverstehliche Melodie verpackt bekommen, das harmonische Miteinander von Parker und Sparhawk setzt dem Lied die Krone auf. Was das überragende Just Make It Stop für The Invisible Way war, ist What Part of Me für Ones and Sixes! Vor allem dieser Mittelteil des Album besticht, wohl weil Low hier all ihre Stärken ausspielen, ehe sie ab The Innocents wieder bedrohlicher tönen. Dem beschwörerischen, gebetsmühlenartigen Text steht bei diesem Lied eine verzerrte, geradezu hypnotische Rhythmussektion gegenüber. Dem völlig unscheinbaren Kid in the Corner folgt mit Lies ein ebenfalls eher biederer Titel. Das ist nicht weiter schlimm. Low haben sich noch auf jeder Platte das eine oder andere unauffälligere Stück geleistet. Lies freilich punktet gegen Ende doch noch mit einer Seltenheit, denn Parkers Gesang verfällt in eine ungewohnte Tonlage und Inbrunst. Das letzte Drittel des Werks scheint dennoch ganz und gar von dem fast zehn Minuten umfassenden Landslide geprägt. Diesem furiosen, epischen Stück ist einerseits die apokalyptische Verzweiflung eingepflanzt („Caught in a landslide/ Let it all out/ Scream ‚til you bleed/ There’s no coming back„), die sich unter anderem in einem derwischhaftem Schlagzeug und endzeitgestimmter Gitarre äußert. Und dann wäre da noch dieser ruhige, introspektive Moment des Durchschnaufens, der ganz allmählich in verdächtig post-rockige Dimensionen vorstößt und wohl als Abgesang zu verstehen ist. Diesem Highlight ist das abschließende DJ nachgestellt, der Song verdichtet in knapp sechs Minuten all das, was Low in den vergangenen zwei Dekaden ausgezeichnet hat. Er wäre eine gute Einstimmung für dieses Werk gewesen, am Schluss ist er jedoch dank Landslide keineswegs optimal platziert.

Ones and Sixes ist im Wirken von Low eines der vordergründigeren, düster gehaltenen Alben. Es neigt eher zu Effekten oder Drama, als dies die besten Scheiben der Band tun. Ones and Sixes funktioniert allerdings speziell im Mittelteil großartig, weil es da keine Bäume ausreißen möchte. Low sind dann über jeden Makel erhaben, wenn sie schöne Melodien mit einem sachten Vortrag kombinieren. Aber vielleicht ist das Experiment auch Teil der Indie-DNA und als solches für die stete Weiterentwicklung unabdingbar notwendig. Alan Sparhawk und Mimi Parker ist vielleicht nicht die beste Platte gelungen, ihre Berechtigung im Kanon des Low’schen Schaffen hat sie dennoch zweifellos.

onesandsixes_cover

Ones and Sixes erscheint am 11.09.2015 auf Sub Pop.

Konzerttermine:

12.10.2015 Köln – Gebäude 9
13.10.2015 Hamburg – Knust
17.10.2015 Berlin – Lido
19.10.2015 München – Ampere

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