Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

Post-Punk meets Indie-Pop meets Kafka meets Sci-Fi-Tristesse meets The Catcher in the Rye. So möchte ich ein ehrgeiziges wie interessantes Projekt zusammenfassen, über das ich heute einige Worte verlieren will. Die Platte Jagmoor Cynewulf hat nämlich einen Zwilling in Buchform. Alexander L. Donat, seines Zeichens Kopf des Duos Leonard Las Vegas, hat sich somit nicht einfach auf das Ertüfteln eines Konzeptalbums beschränkt, sondern seinem Protagonisten auch gleich noch eine hochgradig verstörende Erzählung spendiert. Es ist der mutige Versuch, eine Figur mit vielfältigen künstlerischen Mitteln Gestalt werden zu lassen. Wobei diese Figur äußerlich schemenhaft bleibt, wir werden vielmehr mit einem Innersten ohne Haut konfrontiert. Jagmoor Cynewulf fokussiert sich voll und ganz auf aufgewühlte Gefühlswelten, auf eine desillusionierte Wahrnehmung der Realität, auf einem albtraumhaften Schleier über den Gedanken.

Ich will mich in der Betrachtung des Album-Buch-Projekts für heute zunächst auf die Platte beschränken. Diese ist in ihrer Darreichungsform wohl verdaulicher. Mit Where To Go? wird gleich zu Beginn Verweigerung dargeboten. Es sieht absolut keinen Sinn mehr im Wettbewerb, will kein Ziel mehr vor Augen haben. Diese Orientierungslosigkeit gleicht einem Aufatmen. In der Melodik des Refrains findet man Anklänge bei The Smiths, was angesichts der Thematik wenig überraschend scheint. Jagmoor Cynewulf schildert Außenseitertum, den Ausbruch aus Enge, eine Odyssee auf Nimmerwiedersehen! Checkout & Goodbye lässt mit seiner Zeile „And when I leave this place behind I’ll know I have to go tonight“ keinen Zweifel daran. Man stellt sich den jungen Protagonisten als jemanden vor, der viel The Cure hört und jede Menge exis­ten­zi­a­lis­tische Bücher liest. Das zwischen rumpeliger Strophe und melodischer Dynamik im Kehrreim pendelnde  Anything But This zählt zu den eingängigsten Nummer des Albums. Hier wird vom Herumirren („I passed grain fields and deep dense woods/ I crossed six borders, had a thousand fast food orders„), von einer Flut von Erlebnissen, vom Überschwang erzählt. Wer nun jedoch vermutet, dass damit die Genese eines sinnstiftenden Neubeginns einsetzt, wird enttäuscht werden. Dieses Album ist nicht wie ein erbaulicher Entwicklungsroman zu lesen. Schon mit Through The Dark Of The Atmosphere wird wieder das Loslassen in besten Pop gegossen. Jagmoor Cynewulf bebt oft im Augenblick, hält jedoch nicht daran fest, vielleicht weil hinter jeder Ekstase bereits das unvermeidliche Ende lauert (Need To End). Der Protagonist dieser Geschichte versucht dem Unvermeidbaren dadurch zu begegnen, indem er sich selbst vorschnell von Dingen und Gesichtern abnabelt. Derart wird er zum Getriebenen, der dem Schicksal stets zuvorkommen möchte. „There must be a purpose for me existing“ ist eine Zeile, die kaum besser als in der Depressivität des Post-Punk aufgehoben sein könnte. Every Ugly Detail übt sich darin, das Innerste nach außen zu stülpen, eben dadurch endlich zu existieren. Es sucht Nähe, die das nachfolgende Give Me Darkness denn auch bietet. Der aufgekratzte Schwung des Refrains kontrastiert den Titel des Songs. Für einen Moment mehr flackert eine Hoffnung auf, dass die weltschwere Attitüde nur Teil eines jugendlich-verwirrten, heftig pulsierenden Herzens ist, dass all das Drama von Liebe und Hoffnung weggefegt werden kann. Auch Eve, What About You? stellt darauf ab. „But Eve, I forgot to kiss you last night/ I should have kissed you, didn’t I?“ präsentiert uns den unsicheren Teenager, den dem eigenen Glück im Wege stehenden Helden. Ein weiteres Mal kommt mir hier der frühe Morrissey in den Sinn. Birth & Death, Stuff That Freaks Us Out versinkt daraufhin wieder im Morast der Überlegungen, erstickt Sehnsüchte samt und sonders in Düsternis, wie auch das Lied abrupt abgewürgt wird. At The Same Time schwankt zwar ein letztes Mal zwischen Todeswunsch und dem Hunger nach Leben, doch sind die Würfel im Grunde bereits gefallen. Längst nähert sich die Reise ihrer Bestimmung, längst ist die Freiheit im Untergang besiegelt (What Will You Tell Your Kids?). Trotz Larmoyanz und Furcht gerät all dies zum Triumph des Unangepassten, zum Befreiungsschlag des Außenseiters. Die Odyssee findet ihre Erfüllung im Nichts, im Tod. Flush Of Victory, Champagne & Confetti zelebriert andächtig Transzendenz und Erlösung in höchster melodischer Vollendung.

Das Album Jagmoor Cynewulf unterscheidet sich vom Buch. Während die Erzählung futuristische Landschaften bietet, den Kontrast zwischen Zivilisation und Natur betont, erscheint die Platte wärmer und teils hoffender. Sie wirkt weniger kopflastig und kafkaresk, vielleicht auch weil der Post-Punk eine gewisse Unmittelbarkeit erlaubt und Indie-Pop die gewisse Portion Auflockerung beschert. Doch natürlich existiert in der Konzeption von Jagmoor Cynewulf keine Veranlassung für Happy End. Jene Figur gewinnt in erster Linie durch ihre Verweigerung und das daraus resultierende Scheitern an Bedeutung. Leonard Las Vegas ist selbstzerstörerische Rebellion an sämtlichen Fronten gelungen. Der Protagonist der Platte verweigert sich den Konventionen der Gesellschaft, den Verheißungen von Liebe und letztlich auch der Sinnlosigkeit allen Lebens. In solch Konsequenz mag dies schwerverdaulich sein. Zugleich erweist sich der innere Widerspruch, den man als Hörer gegen die Sinnlosigkeit formuliert, als äußert sinnstiftend. Auch deshalb meine ich: Anhören lohnt!

(Und zu dem Buch folgen dieser Tage dann ebenfalls einige Zeilen…)

jagmoorcynewulf

Jagmoor Cynewulf ist am 04.09.2015 auf Blackjack Illuminist Records erschienen.

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2 Gedanken zu „Odyssee auf Nimmerwiedersehen – Leonard Las Vegas

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