Willkommen im großen Kino – Lana Del Rey

Lana Del Rey stellt nicht nur die Kunstfigur unserer Tage dar, sie taugt auch als veritable Reizfigur. Ihr fraglos elegantes Image speist sich zu einem gewissen Teil aus reaktionären Klischees. Del Rey vermittelt ein vermeintlich ewiggestriges Frauenbild, dem es ab und an an Selbstachtung mangelt. Männern zu gefallen, dies scheint allerhöchste Erfüllung zu bringen, doch bewirkt diese Attitüde auch ungesunde Abhängigkeiten, Liebeskummer inklusive. Dass sie die nach außen hin blasierte Diva gibt, deren Innerstes zugleich lodert, mag Feministinnen die Tränen in die Augen treiben. Haben all die verruchten, dominanten Stars der vergangenen Dekaden umsonst die selbstbestimmte Powerfrau gegeben? Hat Madonna die Erotik als Mittel zur Unterwerfung vergeblich forciert, zeigt Rihanna als Speerspitze der Free-the-Nipple-Bewegung erfolglos Körperbewusstsein? Seit Jahr und Tag kämpft eine Lady Gaga mit größtmöglicher Exzentrik dafür, dass Durchgeknalltheit im Namen der Kunst nicht länger als Männerdomäne angesehen wird. Sollen alle diese Anstrengungen nun von Del Reys retroeskem Glamour überschattet werden? Ist es ein Rückfall in unemanzipierte Zeiten? Wenn man dem neuen Album Honeymoon wahrhaft gerecht werden möchte, muss man es als Hollywood-Oper begreifen. Eine Oper, die letztlich gar nicht so unmodern tönt, wie es zunächst vielleicht den Anschein hat.

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Photo Credit: Neil Krug

Es fällt nicht schwer, sich die Protagonistin dieser Platte als eine Persona vom Schlag einer Liz Taylor oder Grace Kelly vorzustellen. Mag die Öffentlichkeit auch dem süßen Schein von Jetset und Müßigkeit auf dem Leim gehen, so inszeniert Del Rey den Blick hinter die Fassade als Drama der intensiven, kaum zähmbaren Gefühle am Abgrund. Ist die Kulisse auch mondän gehalten, wirkt diese Existenz auch mit allem irdischen Luxus bestückt, so bleibt dennoch letztlich der Eindruck von Verlorenheit zurück. Sämtliche Eleganz kann die emotionale Instabilität kaum kaschieren. Wir neigen dazu, Ohnmacht nur dann zu akzeptieren, wenn ihr eine gewisse Verhärmtheit innewohnt. Bei makellosen Stars scheint unsere Empathie weniger ausgeprägt, wohl weil man insgeheim von Neid erfüllt wird. Del Rey hat die Fallhöhe des hier skizzierten Charakters zweifelsohne eingepreist. Bereits die bedeutungsschweren Streicher des eröffnenden Titeltracks Honeymoon, gepaart mit einem im Gedanken verlorenen Piano, lassen ein edelkitschiges, pathostiefes Stück erstehen, dessen Sentiment gegen das Zwielicht ankämpft („We both know the history of violence that surrounds you/ But I’m not scared, there’s nothing to lose now that I’ve found you„). Der Auftakt legt somit schon den Grundstein für den Abgesang. Mit dem zwischen Trip-Hop und Dream-Pop angesiedelten Music To Watch Boys To wird weiter in die Gedankengänge vorgedrungen. „Nothing gold can stay/ Like love or lemonade/ Or sun or summer days/ It’s all a game to me anyway“ verrät ein brüchiges Dolcefarniente, das den Schein hochzuhalten trachtet. Einerseits das Sein als Spiel ansieht, mit den Worten „I live to love you/ And I love to love you“ zugleich Liebesschwüre ins Mikro haucht. Die dergestalt erschaffene Figur ist in ihrer Widersprüchlickeit keineswegs reine Sympathieträgerin. Terrence Loves You entfaltet einen lauteren Moment der Nostalgie und des Vermissens. Die Ballade kulminiert in den sehnsuchtsvollen Worten „I lost myself and I lost you too/ And I still get trashed, honey/ When I hear your tunes„. Anders gestaltet sich da God Knows I Tried. Lana Del Reys divaresker Stimme, die auch in hohen Längen sehr gute Figur macht, wohnt Larmoyanz und Verdruss sowie ganz viel Einsamkeit inne. Jener opernhaften Opulenz des Ausdrucks, jeglichem Schmelz und Pathos vermag man sich längst nicht mehr zu entziehen. Wie in einen Strudel wird man in das folgende High By The Beach gesogen. High By The Beach ist das Herzstück der Platte, das Video Games von Honeymoon. Das verführerische, gewisperte Mantra „All I wanna do is get high by the beach“ durchwabert den Song, während fast en passant Vergeltung ersonnen werden. Aus der Lethargie wird Aktivität, Vergeltung funktioniert als Antrieb („Anyone can start again/ Not through love but through revenge/ Through the fire we’re born again/ Peace by vengeance brings the end„) Solch bildschöne Hässlichkeit wickelt um den Finger! Derart klingt der ganz große, für die Ewigkeit gemachte Pop! Mit dem im Refrain seltsam gestelzten, entschleunigten Beat von Freak folgt gleich das nächste Highlight. Das Lied spart insgesamt nicht an Theatralik, es definiert sich auch über den Kontrast aus begehrendem Gesang und gehauchtem Gesäusel. Es lockt, spielt, kokettiert, präsentiert mysteriösen Schein. Freak offenbart das vielfältige Charisma Del Reys auf das vorzüglichste. Doch zurück zum Hollywoodmärchen in Cinemascope. „A little party never hurt no one/ We were born to be free“ darf als Motto von Art Deco gelten. Abermals möchte man bei dem Track hochachtungsvoll niederknien, von der Produktion werden nämlich alle Register gezogen. Dem wiederum von Trip-Hop inspirierten, detailfreudigen Sound steht eine vergnügensüchtiger, sirenesker Gesang entgegen. Dem Reiz von Illusion und Draufgängertum erliegt man gern. Mit dieser Nummer endet eine famose erste Hälfte.

Dem Spoken-Word-Zwischenspiel Burnt Norton (Interlude) mit existentialistischem Zungenschlag folgt Religion, das als Liebeserklärung bis hin zur Selbstaufgabe geradezu krankhaft wirkt: „Cause you’re my religion/ You’re how I’m living/ When all my friends say/ I should take some space/ Well I can’t envision/ That for a minute/ When I’m down on my knees/ You’re how I pray„. Jene Zeilen sind es, die in ihrer Unterwürfigkeit heutzutage völlig gegen den Zeitgeist gebürstet scheinen, in ihrer Radikalität verstören, für Provokation sorgen. Vom Vortrag her ist das natürlich beachtlich, komplett umwerfend. Mit Salvatore sind wir bei meinem persönlichen Lieblingslied angelangt. Es beschert Urlaubsflirt und Dolce Vita, entwirft eine schwüle Strandszenerie unverhohlener Lust. Doch bald schon wird sie des Objekts der Begierde überdrüssig, schleckt lieber am Eis. In jener Tändelei lauert unverzeihliche Leichtlebigkeit. Und dennoch kann ich nicht anders, als dem melodisch-schwelgerischen Refrain zu erliegen. Großartig! The Blackest Day verrät wieder zum Zerreißen gespannte Nerven, beherbergt dramatische Emotion mit düsteren Anwandlungen. Einsamkeit und Pathos gingen noch selten besser Hand in Hand. Das nächste Lied 24 war es vermutlich, das mit dem Hintergedanken verfasst wurde, als Titelsong für den kommenden Bond-Film zu dienen. Die Bond-Macher entschieden sich für Sam Smith, was man durchaus mit Stirnrunzeln goutieren darf. Natürlich ist auch 24 eine übermächtige Ballade, bei der sich Lana Del Rey allerdings sehr dosiert die Seele aus dem Hals singt. Die Zeilen „If you lie down with dogs, then you’ll get fleas/ Be careful of the ones you choose to leave“ wären in ihrer Bedrohlichkeit einem Bond-Movie angemessen erschienen. Einen virtuosen Schwanengesang hat diese Platte ebenfalls noch immer Köcher, Swan Song nämlich, dessen Lyrics „Nothing could stop/ The two of us/ If that’s what we want/ We could just get lost“ auf Erlösung zusteuern. Warum diesem perfekten Abschluss die Antiklimax Don’t Let Me Be Misunderstood folgt, blieb mir zunächst ein Rätsel. Aber vielleicht bittet es um Absolution. Wenn es auf Honeymoon einen Track gibt, auf den man hätte verzichten können, dann vermutlich diesen.

Ich möchte den eingangs geäußerten Gedanken nochmals zuspitzen. Lana Del Rey kredenzt uns eine glamouröse Figur, die dazu taugt, sie zu begehren, zu verachten, zu beneiden und natürlich ebenfalls zu bemitleiden. Honeymoon ist aufwändige Fiktion in edelstem Gewand, dimensioniert eine Persona überlebensgroß. In dieser Kunstgestalt, die wie aus einer anderen Epoche durch unsere Boxen schwebt, stecken sogar mehr menschliche Wesenszüge als in all den gegenwärtigen Powerfrauen des Popbusiness. Auch deshalb sage ich: Willkommen im großen Kino!

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Honeymoon ist am 18.09.2015 auf Vertigo Berlin/Universal Music erschienen.

Links:

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