Der Chic der Chiffren – Der Bürgermeister der Nacht

Der alkohol- und intellektgetränkte Dada-Protest hat hierzulande lange Tradition. In diesem mit den Keimen der Geschichte versetzten Biotop namens Deutschland tummelt sich eine alternative Szene, die sich auf ein Sammelsurium an Vorbildern beruft. Da wäre einerseits natürlich die Tragik eines Rudi Dutschke, die aufmunitionierte Ideologie eines Bertolt Brechts sowie die konsequente Notwehr der Hausbesetzerszene, da wäre andererseits die manische Unberechenbarkeit eines Klaus Kinski und die romantische Rebellion von Ton Steine Scherben und die seltsame Hipness der Hamburger Schule. In diesem nebulösen linken Spektrum hat sich lange schon ein Chic der Chiffren etabliert, der poetischen Verweigerung an der Grenze zum Nonsens formuliert. Und genau jener subversiven Überlieferung, jener Heldenverehrung fühlt sich auch die Hamburger Band Der Bürgermeister der Nacht verpflichtet. In Champagnerlaune kokettiert als Album mit blasierter Revolution, mit dem Stolz der Subkultur, mit der Bandbreite von Sprache.

Schon mit Paybackzeit in der Opiumhöhle wird das Konzept deutlich, dessen sich die Band bedient. Es ist eine Aneinanderreihung von Assoziationen und Slogans, Szenerien und Emotionen werden aufgebaut und bereits in der darauffolgenden Zeile wieder verworfen. Der Refrain „Ich bitte dich, diskutiere nicht/ Argumente sind langweilig/ Ich bin die Madonna der nackten Gefühle/ Schmerz, Hunger, Sex: sonst bitte nichts/ Dunkelheit, die ich zerwühle Paybackzeit in der Opiumhöhle!“ inszeniert sich divaresk wie ka­thar­tisch. Diskurspop mischt hier sich der schrillen Ästhetik des Undergrunds. Der Track 10 Euro bringt sogar noch Post-Punk samt robustem Gesellschaftshohn („Der obsessive Wohlstand könnte nicht schlimmer sein/ Zum Glück verknickt mir bloß ein neuer 10 Euro- Schein/ Frische Optik, ein tolles Rot, griffig und fest/ Mit Aquädukt„) ins Spiel. Gaga-Poesie mit einem Hauch von Element of Crime bietet das melancholische Lied Der neue Hubert Selby auf. Die Zeilen „Narkotische Schimpansen auf dem Hansaplatz grillen alte Polaroids/ Betuchte Algorithmen im Kaffeesatz diktieren dir wie’s läuft“ mögen in schriftlicher Form verrückt anmuten, in der Darbietung freilich leiten sie eine Verliererballade ein, die zu den besten Titeln der Platte zählt. Die stilistische Vielfalt dieser ersten drei Songs steckt die Grenzen ab, innerhalb derer Der Bürgermeister der Nacht agieren. In Champagnerlaune gleicht einer gut drei Jahrzehnte umfassenden Huldigung, die die Zungenschläge der einzelnen Jahrzehnte nachempfindet. 10 Euro könnte gut für die späten Siebziger antreten, der Opener lässt sich  mit seinem Synthie-Touch in die Achtziger einsortieren und Der neue Hubert Selby würde sich wohl ins Ambiete der Neunziger mit Blumfeld oder eben Element of Crime fügen. Folgt man dieser Einschätzung gewinnt die Platte ungemein, weil sie nicht originär sein muss, sondern als Hommage und Fortleben von Tradition verstanden werden darf. In der weiteren Folge stechen vor allem die Lieder Über Haschisch und Arsen hervor. Erstes imponiert mit unruhigem Rhythmus und surrealen Lyrics („Die Wege des Denkens sind verwunschen/ Alles wiegt so blau„), Arsen überzeugt mit gut abgehangenem Synthie-Flair, den ein nüchterner, heller Gesang konterkariert. Als best Nummer der Platte kristallisiert sich Der Wilde, das Licht und was aus uns wurde heraus. So tönt Krautrock und Kraftwerksche Elektronik samt Spoken-Word-Performance. Die Vorbilder liegen auf der Hand, die manische Trance des viel zu kurzen Stücks hätte man gern weiter verfolgt gesehen. Aber die Band ist eben leider zu sehr damit beschäftigt, die deutsche Geschichte des Alternativen nachzuerzählen. So etwa beim aufgesetzten, dennoch ordentlichen Alles für die Kunst, dass man auch als Mackie Messer meets Synthie-Cabaret verschlagworten könnte.

Der Bürgermeister der Nacht haben sich mit dieser Platte zwar hoffnungslos verzettelt, gleichzeitig aber auch ein Album gewagt, dass sich Attitüden traut, geschichtsbewusst agiert und der Obskurität einen Heiligenschein verpasst. In Champagnerlaune zeigt sich gegenüber Helden demütig, nicht jedoch gegenüber den Hörern. Es ist ein Werk, welches durchaus vor Arroganz strotzt, sich auf seine Chiffren und sprachlichen Vexierbilder so einiges einbildet. Trotz mancher Schwächen des Albums werde ich freilich das Gefühl nicht los, dass es gerade jetzt, gerade hier mehr solcher Formationen bräuchte. Bands, die Realität sezieren und innere Befindlichkeiten schonungslos nach außen stülpen. Mit Pathos Wände hochkrabbeln, Dichtung und Exzess zusammenführen. Einen guten Anfang hat Der Bürgermeister der Nacht schon einmal gemacht. Bitte mehr davon – vielleicht mit ein bisschen weniger Fokus auf den eigenen Epigonenstatus!

inchampagnerlaune

In Champagnerlaune erscheint am 16.10.2015 auf Hand11.

Link:

Der Bürgermeister der Nacht auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.