Ein Album, mit dem man Pferde stehlen kann – Stereophonics

Kritikerlieblinge werden die Stereophonics in diesem Leben wohl nicht mehr. Aber auf diese Rolle schielen sie sicher auch nicht. Die Stereophonics machen Pop-Rock für die Massen, bescheren launige Alben, mit denen sich gut Pferde stehlen lassen. Die Waliser pflegen ohnehin nie das typische Stargehabe, sie gleichen mehr Kumpels von nebenan, die oft eine gute Idee, eine Aufmunterung im Köcher haben. Zugegeben, Frontmann Kelly Jones ist kein musikalisches Genie vom Schlage eines Noel Gallaghers, kein Posterboy des Alternativen wie Thom Yorke, kein Charismatiker im Stile eines Brian Molko und schon gar keine einschüchternde, exzentrische Erscheinung wie etwa Sergio Pizzorno. Und trotz dieser vermeintlichen Eigenschaftslosigkeit sind die Stereophonics eine feste Größe – vor allem auf der Insel. Auch beim neuen Album Keep The Village Alive müsste es eigentlich mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht den einen oder anderen Song darauf findet, der in Alltag oder Freizeit das Herz höherschlagen lässt.

Als heißer Anwärter auf hunderte Hördurchläufe erweist sich die Pub-Rock-Hymne C’est la Vie. Das Lokal, in dem diese Nummer ohne jedwede Resonanz durch die Boxen dröhnt, muss erst noch eröffnet werden! Launigeres als C’est la Vie wird man 2015 kaum finden. Auch wenn Drowned In Sound es mit den Worten „It’s crap. Really crap.“ bedenkt. Mindestens ebenso erfreulich erschallt in meinen Ohren White Lies, über dessen unverwüstlichen Charme ich ein wenig gegrübelt habe, ehe ich vom Clash Magazine endlich erleuchtet wurde. Selbiges versucht sich mit dem Vergleich „Bon Jovi covering U2“ an der Lästerei – und trifft dabei versehentlich den Nagel auf den Kopf. Und zwar im positiven Sinne. Denn auch wenn man sich das heute kaum mehr vorstellen kann, früher hatten beide Acts ihre Berechtigung. I Wanna Get Lost With You wird von musicOMH, einem eigentlich guten Online-Magazin, attestiert, dass es ein stereotyper Track sei, der Fans vermutlich erfreuen wird, „despite its simple main riff being something that a beginner could probably master within an hour of picking up an electric guitar“. Mir war ehrlich gesagt nie bewusst, dass man die Qualität eines Liedes an der Komplexität des Gitarrenriffs festpinnen kann. Ich für meinen Teil vernehme hier schmachtend gehaltenen, unschuldigen wie old-fashioned tönenden Pop-Rock mit der Emotion am rechten Fleck. Neben diesen herzhaften Songs ist es auch ein mit Streichern verbrämtes, stimmungsvoll-erbauliches Song For The Summer, das zu überzeugen weiß. Die Streicher werden bei My Hero ebenfalls dringend benötigt. My Hero ist ein weiterer Track, der bei den Rezensenten nicht besonders ankommt. Während musicOHM das Lied bestenfalls als B-Seite einer um die Weihnachtszeit veröffentlichten Single einschätzt, versteigt sich The Independent zur kruden These, dass die Stereophonics hier bei R.E.M.s Nightswimming abgekupfert haben. Dabei wäre der Vergleich mit Richard Ashcroft um Längen treffender! Auch die permanent kritisierten Lyrics dieser Platte muss ich ein wenig in Schutz nehmen. An der aufrichtige Bewunderung in den Zeilen „To my hero/ Calling out to me/ The ray of light you shine is bright/ I wish you could see all the good that you put in my life“ kann wohl nur ein Zyniker Anstoß nehmen. Beim Titel Sunny kann es eigentlich keine zwei Meinung geben. Vor allem die erste Hälfte erinnert an den jungen Rod Stewart mit den Faces, ehe die starke Nummer in zünftigen Gitarrenrock ausartet. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ausgerechnet der Song, der von den meisten Kritikern gelobt wird, mir selbst jedoch eher wenig bedeutet. Mr and Mrs Smith erzählt die Geschichte einer außerehelichen Affäre („But they meet every Friday night under false names„), die für viel Erfüllung sorgt („He’s got time, she’s got taste/ He brings the devil out of her/ And puts a smile across her face„). Solider Rock ist es freilich allemal!

Die Stereophonics werden auf absehbare Zeit das sein, was sie schon seit langer Zeit sind. Nämlich eine in Großbritannien kommerziell erfolgreiche Band, die vorrangig mag, wer Musik liebt. Kenner, Connaisseur und Experte rümpfen lieber die Nase. Die Band kann dies verschmerzen. Denn manch Lieder von Keep The Village Alive wird man noch spielen, wenn die Musikmagazine von heute längst nicht mehr existieren. Es taugt zum Album, auf das man als Hörer sicher immer wieder und wieder gern zurückfallen wird. Weil es knackig rockt, große Freude beschert – und das mit ausgesprochener Verlässlichkeit!

keepthevillagealive

Keep The Village Alive ist am 11.09.2015 auf Stylus Records erschienen.

Konzerttermine:

13.10.2015 Köln – Live Music Hall
15.10.2015 München – Theaterfabrik
16.10.2015 Wien (AT) – Gasometer
17.10.2015 Pratteln (CH) – Konzertfabrik Z7
19.10.2015 Lausanne (CH) – Les Docks

Links:

Offizielle Homepage

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